Coronavirus Warum bleibt die Börse geöffnet?

Wer Aktien besitzt, brauchte in den vergangenen Wochen starke Nerven. Von Mitte Februar bis Mitte März verlor der Deutsche Aktienindex mehr als ein Drittel seines Wertes. Zwischenzeitlich ging es wieder steil nach oben. Doch ob der Trend anhält oder die Verluste sich fortsetzen, kann in der derzeitigen Krise niemand sagen. MDR-Aktuell-Hörer Henry Zschenderlein möchte deshalb wissen, warum die Börsen in diesem Ausnahmezustand nicht geschlossen werden?

Börse in Frankfurt am Main (Hessen)
Trotz der aktuellen Corona-Pandemie bleibt die Börse in Deutschland geöffnet. Bildrechte: dpa

Mit den Verlusten anderer reich werden, ist an der Börse durchaus möglich. Man hätte vor der Corona-Krise Optionsscheine kaufen müssen, die auf fallende Kurse setzen. Dann könnte man jetzt kassieren. Das mag moralisch zweifelhaft erscheinen aber deswegen die Börse schließen? Reint Gropp, Präsident am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle, hält das nicht für eine gute Idee:

IWH-Chef Reint Gropp
Reint Gropp vom Leibnitz-Institut hält eine Börsen-Schließung für keine gute Sache. Bildrechte: dpa

"Generell sollten die Börsen geöffnet bleiben, damit Leute die Dinge anpassen können. Stellen Sie sich vor, Sie haben einen Rentenfonds und wollen gerne verkaufen. Das muss möglich sein. Wenn die Börsen geschlossen werden, handeln die Leute eben außerhalb der Börse. Es ist dann weniger transparent und weniger effizient, ändert aber an den Problemen, die wir in der Wirtschaft haben, gar nichts."

Börse "unter staatlicher Aufsicht"

Die Börse sei nur ein Spiegel der Wirtschaft, argumentiert Gropp. Und sie stehe unter staatlicher Aufsicht. Trotzdem hat es schon Handelsunterbrechungen gegeben. An der New Yorker Börse zum Beispiel, als die Kurse regelrecht abstürzten. In Deutschland sei das nicht vorgesehen, sagt Patrick Kalbhenn, Sprecher der Deutschen Börse. Denn schon die Nachricht von der Aussetzung des Handels sorge für noch mehr Unruhe im Markt, erklärt Kalbhenn:

"Wichtigster Schutzmechanismus ist bei uns die sogenannte Volatitilitätsunterbrechung. Sie bremst den Handel bei hohen Kursbewegungen quasi ab, indem kurzfristig in eine Auktion gewechselt wird. Der Handel wird dann aber nicht ausgesetzt, sondern er läuft weiter." Das sei ein wichtiges Signal an alle Marktteilnehmer, sagt Kalbhenn.

Leerverkäufe sorgen für Kritik

Trotzdem gibt es gerade in der Krise immer wieder Kritik an Finanzprodukten, die Gewinne bei fallenden Kursen ermöglichen. Dazu gehören sogenannte Leerverkäufe. Sehr vereinfacht erklärt bedeutet das: Hier leiht sich ein Händler nur ein Wertpapier aus, das er an der Börse verkauft. Wenn er es dem Besitzer zurückgeben muss, kauft er es wieder ein. Sind die Kurse derweil gefallen, ist das sein Gewinn. Solche Wetten müssten verboten werden, sagt Julian Merzbacher, Sprecher der Bürgerinitiative Finanzwende:

"Wir sehen gerade, wie Hedgefonds massiv mit Leerverkäufen agieren. Einzelne Hedgefonds gehen da mit Milliardensummen rein. Es wurde von einem Hedgefonds berichtet, der mit 14 Milliarden US-Dollar spekuliert, auf den Niedergang europäischer Unternehmen. Das Problematische ist, dass solche Leerverkäufe die Abwärtsspirale von Aktienkursen weiter befeuern können und Akteure dadurch in zusätzliche Not gebracht werden."

Wenn Fonds für ihre Finanzwetten Milliarden auf den Markt werfen, geraten die Kurse automatisch unter Druck. Die Wette auf fallende Kurse wird so fast zur selbst erfüllenden Prophezeiung.

Finanzaufsicht will derzeit nicht einschreiten

So ähnlich argumentiert auch der studierte Volkswirt und Linken-Politiker Fabio De Masi. Die Finanzaufsicht BaFin sehe derzeit aber keinen Anlass zum Einschreiten, sagt Sprecherin Anja Schuchhardt:

Blöcke und Informationsmaterial mit dem Logo der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht
Die Finanzaufsicht BaFin sieht momentan noch keinen Grund, Leerverkäufe zu verbieten. Bildrechte: dpa

"Ungedeckete Leerverkäufe sind ja sowieso schon verboten im Nachgang zur Finanzkrise. Das sind Verkäufe, bei denen der Leerverkäufer die Wertpapiere noch nicht ausgeliehen hat. Für ein Verbot von gedeckten Leerverkäufen haben wir derzeit keinen Anlass. Wir sehen in der aktuellen Marktsituation eine fundamentale Entwicklung, keine spekulative."

Schuchhardt argumentiert, die BaFin habe keinen bedeutsamen Anstieg von Leerverkäufen feststellen können. Sie beobachte den Markt aber intensiv und könne ihre Meinung ändern. Spanien, Frankreich, Italien und Belgien haben Leerverkäufe bereits ganz oder teilweise untersagt.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 06. April 2020 | 05:00 Uhr

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