DDR-Fahne an einer Zeltleine
Gruppenvergewaltigungen: Kein neues Verbrechen. Bildrechte: imago images / Steinach

Sexualisierte Gewalt Gruppenvergewaltigungen in der DDR

Freiburg, Essen und Mühlheim sind zuletzt bundesweit in die Schlagzeilen geraten, weil dort Gruppen von jungen Männern Frauen vergewaltigt haben. Ein neues Phänomen? Dazu erreichte uns eine anonyme Hörermail unter dem Pseudonym Oleg1967. Der Verfasser glaubt an einen Anstieg und fragt, warum es das zu Ost-Zeiten nicht gegeben habe und wer heute die Täter seien.

von Fabian Stark, MDR AKTUELL

DDR-Fahne an einer Zeltleine
Gruppenvergewaltigungen: Kein neues Verbrechen. Bildrechte: imago images / Steinach

Vergewaltigungen durch Gruppen gab es auch in der DDR, sagt Remo Kroll. Er arbeitet beim Berliner Landeskriminalamt und gibt die Schriftenreihe Polizei mit heraus: "Sexuelle Gruppendelikte gab es vereinzelt in der DDR auch. Aber die Betonung liegt auf vereinzelt. Das war nicht die Regel. Die Täter waren meist Jugendliche und junge Männer bis circa 21 Jahre."

Es existieren aber keine Zahlen, wie viele Gruppenvergewaltigungen es in der DDR gab. Die Kriminalstatistik wurde sehr eigenwillig geführt. Die versuchte Republik-Flucht galt zum Beispiel als Straftat, wurde aber nicht gezählt. Grund war die Angst vor politischem Gesichtsverlust. Das galt auch für andere Delikte. Letztendlich gab es in der DDR auf dem Papier zehnmal weniger Verbrechen als in anderen Ländern.

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MDR AKTUELL Mo 09.09.2019 08:22Uhr 03:28 min

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Honecker sprach über Gruppenvergewaltigungen

Auch mit sexueller Gewalt pflegte die DDR einen paradoxen Umgang. Es wurde einerseits vor ihr gewarnt. So zum Beispiel vom späteren Staatschef Erich Honecker, 1965 vorm Zentralkomitee der SED: "In den letzten Monaten gab es einige Vorfälle, die unsere besondere Aufmerksamkeit erforderten. Einzelne Jugendliche schlossen sich zu Gruppen zusammen und begingen kriminelle Handlungen. Es gab Vergewaltigungen und Erscheinungen des Rowdytums."

Das passte aber nicht zum heilen Sozialismus-Bild. Weshalb Honecker für die Vorfälle auch die verderblichen Einflüsse des Kapitalismus verantwortlich machte: Beat-Musik, Amerika und am Ende auch den Liedermacher Wolf Biermann, der den Sozialismus verraten habe. Honecker pochte auf einen Glaubenssatz:

Die Deutsche Demokratische Republik ist ein sauberer Staat.

Erich Honecker Ehemaliger DDR-Staatschef

Die Dresdner Historikerin Jessica Bock schrieb ihre Doktorarbeit über die ostdeutsche Frauenbewegung. Laut Bock gab es auch in der DDR Raum für sexuelle Gewalt. Schon deshalb, weil die DDR ein patriarchaler Staat war. Ein Staat, in dem die Polizei durchaus mal wegschaute.

Bock sagt: "Von dem, was ich weiß, habe ich die Einschätzung, dass dieses Problem auch seitens der Polizeikräfte eher zögerlich wahrgenommen wurde. Dass häusliche Gewalt, sexualisierte Gewalt auch privatisiert wurde und als privates Problem angesehen wurde."

Gruppenvergewaltigungen auch in der BRD kein neues Phänomen

Bei den Fällen von Gruppenvergewaltigungen in der DDR unterscheidet der Kriminalhistoriker Kroll zwei Tatmotive. Jüngere haben laut Kroll unter anderem aus sexueller Neugier vergewaltigt: "Aber es gab auch gruppenspezifische Motive wie Geltungsbedürfnis, Angeberei, das Bestreben, hinter anderen nicht zurückzustehen und ihnen etwas zu beweisen."

Auch in der Bundesrepublik sind Gruppenvergewaltigungen kein neues Phänomen. Im Jahr 1983 verhandelte das Landgericht Freiburg einen besonders brutalen Fall gegen elf Mitglieder einer Rockergruppe. Alle waren Deutsche.

Keine Zunahme von Gruppenvergewaltigungen

Das Täterprofil "jung und männlich" findet sich auch in einer aktuellen Studie des Bundeskriminalamtes zum Thema Gruppenvergewaltigungen. Danach sind jugendliche Tatverdächtige meist Deutsche. Die erwachsenen Verdächtigen hätten überwiegend keinen deutschen Pass.

Zur Statistik: Etwa 400 bis 500 Fälle gab es jährlich seit der Jahrtausendwende. Eine besonders traurige Ausnahme markiert das jahr 2016 mit 749 Fällen. Die letzten verfügbaren Zahlen liegen für 2017 vor. Hier gab es 380 Fälle. Unter dem Strich bleibt aber: Eine generelle Zunahme von Gruppenvergewaltigungen in Deutschland gibt es nicht. Ihr Anteil liegt, gemessen an allen erfassten Vergewaltigungsfällen, im einstelligen Prozentbereich.

Für die DDR wie für das heutige Deutschland bleibt festzuhalten: Die meisten Vergewaltigungen werden durch Bekannte verübt. Dazu gehören Freunde, Kollegen und der eigene Ehemann. Die Dunkelziffer gilt bei Einzel- und Gruppentätern als hoch.

Junge Frauen sitzen draußen an einem Tisch zusammen.
Christiane Dietrich (Mitte frontal) und Petra Streit (rechts daneben) wollten mit der "Frauenteestube" in Weimar einen Raum schaffen, in dem sich Frauen ganz offen austauschen konnten - auch über Sexismus und sexuelle Gewalt. Bildrechte: Petra Streit

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 09. September 2019 | 06:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. September 2019, 05:00 Uhr

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