Hygiene-Regeln Begünstigen Desinfektionsmittel einen Rückfall in die Alkoholsucht?

Die eigenen Hände, Oberflächen und etwa den Einkaufswagen im Geschäft – alles soll man wegen des Coronavirus regelmäßig desinfizieren. Doch die meisten Mittel enthalten hochprozentigen Alkohol. Wirken sich die Mittel auf das Rückfallrisiko trockener Alkoholiker aus? Das fragt MDR-AKTUELL-Nutzer Burkhard Thom aus Köln. Er möchte wissen, ob die allgegenwärtigen Desinfektionsmittel ein Problem für trockene Alkoholiker sind.

 In einem Labor der Rosenapotheke am Auwald in Leipzig füllt eine Apothekerin für eine Lösung zur hygienischen Händedesinfektion nach WHO-Empfehlung Isopropylalkohol in ein Glas.
Desinfektionsmittel beeinhalten oft größere Mengen reinen Alkohols. Das kann für trockene Alkoholiker zu einem Rückfall führen, besonders im Zusammenspiel mit der sozialen Isolation wegen des Coronavirus. Bildrechte: dpa

Jens und Peter machen sich auf den Weg zum Einkauf. Mundschutz auf, Hände desinfizieren – Alltag beim Besuch im Supermarkt. Alle müssen das tun, mittlerweile gehört es dazu. Doch Jens und Peter sind trockene  Alkoholiker. Schon vor vielen Jahren haben sie der Droge abgeschworen.

Doch nun liege da etwas in der Luft, so Jens, man könne den Alkohol förmlich überall riechen. Das sei ein Problem. Es gebe ja dieses Suchtgedächtnis. Egal, was für ein Alkohol das sei, es mache was mit einem. Er sei sich der Gefahr bewusst, was mit Alkohol passiere, wenn er den trinke. Aber er wisse von anderen AA-Freunden, dass das schon genutzt worden sei.

Die Anonyme Alkoholiker Interessensgemeinschaft e.V. (AA) ist ein Zusammenschluss von Menschen, die sich in und nach einer Alkoholabhängigkeit gegenseitig unterstützen.

Der Rückfall lauert überall

Eine Gefahr, die fast überall lauert – auch zu Hause. Jens und Peter können damit umgehen, sind lange genug weg vom Alkohol. Doch die Angst, über verschiedene Wege rückfällig zu werden, hätten in dieser Corona-Zeit viele, da ist sich Peter sicher:

Wenn man in so einer Situation zu Hause sitzt und hat dann noch eine Flasche Isopropen-Alkohol stehen, weil man irgendeine Wunde hatte, ich kann verstehen, dass dann der ein oder andere sagt: Ich komme jetzt hier nicht raus und dann nehme ich mir eine Cola und gieß mir das da rein.

Auch für Frank, der ebenfalls seit Jahren trocken ist und sich beim Kreuzbund, einem Selbsthilfeverein ähnlich den Anonymen Alkoholikern, mit anderen ehemaligen Trinkern austauscht, sind Desinfektionsmittel keinesfalls harmlos. Man brauche ja nur mal an ein Krankenhaus zu denken, wie das da rieche. So rieche das dann auch im Laden. Und selbst wenn man nicht rückfällig werden wolle, es plane ja keiner seinen Rückfall, das könne der Einstiegspunkt werden, um rückfällig zu werden.

Die Alkoholabhängigkeit ist eine psychische und körperliche Suchtkrankheit. Die Abhängigkeit entwickelt sich schleichend und äußert sich etwa in stetig gesteigertem oder unkontrollierbarem Alkoholkonsum. Erste Anzeichen können Schlafstörungen oder Gereiztheit bei ausbleibendem Alkoholkonsum sein sowie organische Störungen des Nerven- oder Herz-Kreislauf-System. Die Alkoholabhängigkeit ist therapierbar. In der Regel gibt es eine Rückfallgefahr, sodass trockene Alkoholiker meist lebenslang abstinent bleiben müssen.

Vor Corona kein überdurchschnittliches Risiko durch Desinfektionsmittel

Der Verbund für Angewandte Hygiene hat sich detailliert mit dem Problem befasst. Der dazu veröffentlichte Artikel erschien allerdings kurz vor der Corona-Zeit. Dort heißt es abschließend: "In der Fachliteratur finden sich bislang keine Beschreibungen von Rückfällen (…) durch die Anwendung alkoholischer Händedesinfektionsmittel. Ein überdurchschnittliches Risiko (…) ist nicht erkennbar."

Viele vermuten auch, dass Alkohol aus Desinfektionsmitteln direkt über die Haut in die Blutbahn gelangt. Für trockene Alkoholiker wäre das fatal. Aber der Biochemiker Torsten Schöneberg weiß, dass das ein Mythos ist. Meist würden zwei Sorten von Alkohol in Desinfektionsmitteln verwendet, Ethanol und Propanol, so Schöneberg.       

Selbst wenn ich in einer Badewanne mit Sekt baden würde, würde ich nicht betrunken werden. Die Möglichkeit der Aufnahme besteht aber inhalativ, das heißt,  wenn man ihn einatmet über eine längere Zeit in höheren Konzentrationen, ist eine relevante Aufnahme denkbar.

Torsten Schöneberg Biochemiker

Die Isolation macht es trockenen Alkoholikern besonders schwer

Allein die Anzahl alkoholabhängiger Menschen in Deutschland beträgt nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums knapp zwei Millionen. Die Gesamtzahl der „trockenen Alkoholiker“ wie Frank, Jens und Peter hingegen ist schwer zu erfassen. Für die drei geht von den Desinfektionsmitteln eine Gefahr aus. Doch das Hauptproblem sei momentan ein anderes: Die anhaltende Isolation in der Corona-Zeit. Denn schon seit Wochen gebe es keine Treffen mehr, erzählt Jens, es fehle der Austausch.

"Die Gefahr besteht, wenn ich nicht über meine Probleme rede, sondern die Probleme in mich rein fresse, dass das dann eben dazu führen kann, dass man sagt: Das ist alles Mist, ich trinke jetzt wieder oder hole mir was zu trinken. Weil das für manche der einfachste Ausweg ist."

Wichtig wäre Jens deshalb, dass bald wieder Gruppentreffen stattfinden können – es würde die Gefahr von Rückfällen senken.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 03. Juni 2020 | 05:21 Uhr

5 Kommentare

Michael45 vor 4 Wochen

Mal für die trockenen Alkoholkranken die bestimmt hier lesen und die die noch auf dem Weg da hin sind. Ihr könnt Stolz auf das sein was ihr geschafft habt !!!! Und die die noch auf dem Weg da hin sind. Auch ihr schafft das !!! Und die die hier rum tönen. Wisst ihr überhaupt wovon ihr redet ? Denkt doch einfach mal nach !!!

Atheist vor 4 Wochen

Diesen Bevormundungsstaat habe ich so was von satt.
Rauchen gefährdet, Alkohol gefährdet, Fleisch gefährdet, Diesel gefährdet....
Dazu die Einmischung der EU mit ihren Produktionsvorgaben, in meiner Küche bin ich umzingelt von pfeifenden Kühlschrank wenn ich zu lange reinsehe, als ob ich keine Kühlschranktür zu machen könnte, die Kaffeemaschine schaltet automatisch ab, als ob ich nicht selbst wüsste das Ding abzuschalten, der Resiver schaltet automatisch ab..... eine einzige Gängelung, angeblich um uns zu schützen, wir können selber denken und leben, sterben müssen alle ob die Gesund gelebt haben oder nicht.

Anhaltiner vor 4 Wochen

Begünstigen Desinfektionsmittel einen Rückfall in die Alkoholsucht?
Haben wir nicht genug Probleme, dass schon wieder neue herbeigeredet werden ?
Man ist ja gut geübt im Panik machen. Wie soll man es da lassen?