Hörer machen Programm Holocaust-Gedenken im geteilten Deutschland

Jan Kröger, Moderator und Redakteur
Bildrechte: MDR/Karsten Möbius

Am 27. Januar ist der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Der Bundestag kommt zu einer Gedenkstunde zusammen. An öffentlichen Gebäuden hängen die Flaggen auf Halbmast. Doch MDR AKTUELL-Hörer Johannes Lang-Koetz aus Dresden fragt sich, wie die deutschen Staaten früher mit dieser Vergangenheit umgingen. Fand die Aufarbeitung des Holocaust in der DDR auf andere Weise statt als in Westdeutschland?

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KZ-Insassin im Museum des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz 5 min
Bildrechte: imago/anemel

Es gibt sicher nicht die West- oder die Ost-Perspektive, aber es gab Unterschiede. Chaim Noll ist einer, der davon erzählen kann. 1954 wird er im Osten Berlins geboren, 1984 siedelt er über in den Westen. Heute lebt er als Schriftsteller in Israel. Als Fünfjähriger in der DDR findet er Bilder zu Hause: von Menschen, die einen gelben Stern tragen, von ausgemergelten Körpern und Leichen.

Chaim Noll weiß früh Bescheid, weil er Jude ist. Aber auch der Staat, in dem er aufwächst, habe sich dem Thema 20 Jahre eher zugewandt als die Bundesrepublik. "In der DDR geschah das auf Veranlassung der sowjetischen Besatzungsmacht sofort", erzählt er. "Nur geschah es eben auf eine propagandistische Weise: Es wurde so dargestellt, als sei der Antisemitismus eine Regung bürgerlicher Kreise. Es wurde ganz verschwiegen, dass der Judenhass alle Schichten der deutschen Bevölkerung erfasst hatte." Noll meint die Waldheimer Prozesse von 1950. Mehr als 3.300 Personen wurden wegen nationalsozialistischer Verbrechen angeklagt und verurteilt – ohne rechtsstaatliche Grundlage.

Verpflichtende Gedenkstättenbesuche nicht unproblematisch

Im Westen beginnt die juristische Aufarbeitung 1963 mit den Auschwitz-Prozessen. Drei Jahre später wird in Göttingen Jens-Christian Wagner geboren. Heute leitet er die Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora und forscht zur Erinnerungskultur in beiden deutschen Staaten. Er sagt, der Westen sei auch noch in einem anderen Punkt langsamer gewesen: "Zunächst muss man sagen, dass es in der alten Bundesrepublik schwer gewesen wäre, eine Gedenkstätte zu besuchen, weil es mit Ausnahme von Dachau so etwas wie pädagogische Angebote für Gruppen gar nicht gab. In Bergen-Belsen etwa hat man 1987 erst damit angefangen."

In der DDR sei es dagegen Pflicht gewesen, mit der Schulklasse eine Gedenkstätte zu besuchen. Genau darin sieht Wagner aber auch ein Problem: "Zu den verpflichtenden Besuchen hören wir von älteren Bürgerinnen und Bürgern eher eine Form von Abwehr, weil Verpflichtung immer zu Abwehrreaktionen führt und nicht zu dem, was wir eigentlich wollen – nämlich einer Offenheit für eine reflexive Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen."

Mehr historische Aufarbeitung in westdeutscher Literatur

Wie hätte ich mich damals verhalten? Wie stand meine eigene Familie zum Regime? Was bedeutet der Holocaust für uns Deutsche heute? Als diese Fragen in der Bundesrepublik einmal aufgekommen waren, verschwanden sie nicht mehr aus der gesellschaftlichen Debatte.

Chaim Noll
Der jüdische Schriftsteller Chaim Noll hat die Aufarbeitung des Holocaust in beiden deutschen Staaten miterlebt. Bildrechte: MDR/Secilia Pappert

Als Schriftsteller habe Chaim Noll das in der westdeutschen Literatur wahrgenommen, obwohl es auch in der DDR herausragende Werke gegeben habe: "Bruno Apitz' "Nackt unter Wölfen", und dann dieser großartige Roman von Jurek Becker, "Jakob der Lügner" – aber das ist nur eine Handvoll Titel. Das ist überhaupt kein Vergleich zu den hunderten tiefer greifenden Zeitzeugenberichten, die es in der Bundesrepublik gab. Und so etwas beeindruckt wahrscheinlich tiefer, als wenn sie dafür einen Nachmittag durch ein paar Folterkammern geführt werden."

DDR-Bevölkerung aus der Verantwortung genommen

So lapidar sieht Gedenkstättenleiter Jens-Christian Wagner das naturgemäß nicht. Er findet eher, dass die Erinnerungskultur in der DDR auf allzu oberflächliche Botschaften gesetzt habe. "In der Gedenkstätte Mittelbau-Dora hieß die 1966 eröffnete Dauerausstellung "Die Blutspur führt nach Bonn". Und das war ein treffliches Entlastungsangebot an die DDR-Bevölkerung, der vermittelt wurde, sie trage keinerlei Verantwortung für die NS-Verbrechen. Und ich glaube, das wirkt bis heute fort."

Nicht nur in der Frage, wie intensiv der Holocaust aufgearbeitet worden ist, sondern auch im Umgang mit Begriffen wie "Schuld" oder "Nationalstolz": Für Wagner sei die Erinnerungskultur in der DDR eine Ursache dafür, dass deutschnationale Einstellungen heute im Osten stärker verbreitet seien.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 25. Januar 2021 | 06:25 Uhr

10 Kommentare

Eulenspiegel vor 5 Wochen

Hallo Stealer
Also ich kann ihren Beitrag nur zustimmen. Ich sehe da kein Widerspruch zu meinem Beitrag. Ich finde sie haben sehr gut dargelegt warum genau diese Erinnerungskultur, die wir haben, so wichtig ist.

Stealer vor 5 Wochen

@REXt und Eulenspiegel: Mahnung und Gedenken sind ebenso wie Verantwortung eine Einstellungsfrage. Schuld ist objektiv zumeist klar, aber genug Täter hatten kein sonderliches Schuldbewusstsein und wurden nach dem Krieg nicht automatisch humanistisch gesinnt.

Wie dem auch sei, die Täter hatten Kinder und oft auch Untergebene, Schüler oder Angestellte, denen sie Teile ihrer Einstellung, Werte und Ressentiments übermittelt haben, während die eigenen Taten zumeist verschwiegen oder verharmlost wurden. Und auf der anderen Seite haben viele Kinder und Nachgeborene nie ein Interesse dafür gezeigt, nachzufragen oder später Untersuchungen und Strafverfolgung zu betreiben. Jahrzehntelang, teilweise bis heute. Haben Sie es getan?

Wenn jemand wissentlich einen Mörder deckt, macht er sich strafbar. Wenn er Augen und Ohren verschließt, zumeist nicht. Beides geschah massenhaft. Und damit sind wir zurück bei Schuld und Schuldbewusstsein.

So einfach ist es dann doch nicht.

Eulenspiegel vor 5 Wochen

Hallo REXt
So ist es.
Gedenken das ist es worum es geht. Und natürlich auch Mahnung. Mahnung in die Zukunft das soetwas nie wieder geschehen darf.
Aber die Verantwortung dafür haben die zu tragen die dafür verantwortlich waren. Die sind aber schon lange tot. Verantwortung und Schuld sind schließlich etwas ganz persönliches.
Um es klar zu sagen:
All die wir nach 1945 geboren sind können an der Stelle weder verantwortlich noch schuldig sein.

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