Homeschooling Kinder – die Verlierer der Krise?

Noch länger Homeschooling: Eltern sind genervt oder hilflos. Ob digitaler Unterricht stattfindet oder nur lange Listen mit Aufgaben verteilt werden, hängt vom persönlichen Engagement der Lehrerinnen und Lehrer ab. Es gibt keine Verpflichtung, neue Unterrichtsformen zu praktizieren. Jede Schule macht, was sie will und kann. Die Kultusminister lassen die Situation offenbar einfach laufen. Lernende aus armen Familien sind häufig von Bildung abgeschnitten.

Ein Mädchen sitzt vor ihren Hausaufgaben.
Nicht nur Eltern stresst das Homeschooling, auch für Kinder ist es oft nervenaufreibend. Bildrechte: dpa

Homeschooling und oben drauf noch der ganz normale Alltagsstress mit Kindern – das kann zur Zerreißprobe für Eltern werden. Denn es hinkt und hakt immer noch an vielen Stellen, wenn es um Digitalunterricht geht.

Neben der zeitlichen und psychischen Belastung für Eltern und Kinder, spielt auch der finanzielle Aufwand eine Rolle. Papier und Druckerpatronen sind Kosten, die nun zusätzlich anfallen. Eine technische Ausrüstung, gerade bei mehreren Kindern, ist ebenfalls nicht bei allen Familien vorhanden.

Homeschooling: drei Kinder, nur ein Laptop

Bianka Wontroba aus Gera geht es zum Beispiel so. Sie ist alleinerziehend und hat drei Kinder. Und nur einen Laptop. In Zeiten von Corona und Homeschooling wird das zum Problem. Auch das Drucken der Arbeits- und Aufgabenblätter für die Kinder ist im Falle der Familie Wontroba schwierig. Derzeit muss kariertes Papier herhalten, da alle Reserven an weißem Papier aufgebraucht sind.

Und dabei zählt jeder Euro für die Familie. Ein Sohn, Benjamin, ist behindert; für ihn bekommt die Mutter Pflegegeld. Der Vater der Kinder ist vor vier Jahren verstorben, die Familie lebt von Kindergeld und Halbwaisenrente. In der Summe liegen sie damit 10 Euro über dem Hartz-IV-Satz.

Familie Wontroba vor Laptop an einem Tisch
Bianka Wontroba fühlt sich durch Homeschooling benachteiligt. Niemand frage, ob das System für Familien mit weniger Geld überhaupt funktioniere. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bianka Wontroba stört, dass einfach vorausgesetzt werde, dass Familien eine komplette Büroausstattung zuhause haben:

"Den Laptop haben wir geschenkt bekommen, sonst hätten wir keinen. Ich fühle mich da definitiv benachteiligt. Auf jeden Fall, weil wir einfach zu viert auf ein Gerät angewiesen sind, alle darauf zurückgreifen müssen und keiner fragt, funktioniert das denn überhaupt? Kommt ihr klar?"

Sie würde sich wünschen, dass die Schule ein Gerät, zum Beispiel ein Tablet, für die Schulaufgaben zur Verfügung stellt. Auf Nachfrage teilt die Stadt Gera, der Schulträger mit, sich um Endgeräte bemüht zu haben, doch angekommen seien diese noch nicht.

Schere geht weiter auseinander

Familie Wontroba ist mit diesen Problemen nicht alleine. Aladin El-Mafaalani ist Soziologe und lehrt an der Universität Osnabrück und erklärt:

Zwei Männer in einer Videoschalte
Homeschooling schließt ohnehin schon Benachteiligte von Bildung aus. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Alle Schüler sind betroffen, es ist also für alle ungünstig. Aber es sind nicht alle gleich betroffen. Ich würde es mit einem Bild beschreiben: die Schere geht auseinander und sie zeigt nach unten. Selbst für die Privilegierten ist das eine ungünstige Situation und für die ohnehin Benachteiligten ist der Effekt noch einmal verstärkt."

Jedes vierte Kind im Grundsicherungsbezug hat beispielsweise gar keinen internetfähigen PC im Haushalt.

Kinder sind häufig auf sich allein gestellt

Vor sieben Jahren flüchtete Familie Khazndar aus dem syrischen Homs nach Deutschland. Hier wohnt die 19-jährige Sara mit ihren Eltern und fünf Geschwistern in einer Wohnung in Leipzig.

Ohne Präsenzunterricht lösen die Kinder ihre Aufgaben mit Hilfe des Internets. Auch bei ihnen, wie bei Familie Wontroba, gibt es das gleiche Problem: Für die ganze Familie gibt es nur einen Laptop. Ruhig und konzentriert an den Aufgaben arbeiten ist in der vollen Wohnung ebenfalls schwer.

Sara sitzt in ihrem Kinderzimmer
Sara recherchiert mit ihrem Smartphone, denn die achtköpfige Familie hat nur einen Laptop. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sara, die bald Prüfungen hat, macht sich wegen der Situation viele Sorgen um ihre Zukunft: "Ich mache mir Sorgen, wenn ich meinen Abschluss nicht schaffe, dann darf ich mich nicht am beruflichen Gymnasium bewerben und wenn ich mich nicht am Gymnasium bewerben kann, dann kann ich mein Abitur nicht machen. Und das Abitur ist mein Traum."

Kultusministerien sollen Angebote für Sommer schaffen

Der Soziologe El-Mafaalani sieht in den Sommerferien dieses Jahres eine Chance. Er hoffe, dass die Schulministerien einen Plan machen, dass die Kinder im Sommer nicht "einfach nur rumhängen, nicht in Urlaub fahren können und keine vernünftigen Angebote stattfinden, sondern dass man Dinge dahingehend kompensiert." Für die jetzigen Probleme habe aber auch er keine Lösung: "Die Herausforderung ist so komplex, dass man die nicht mit einem Rezept nach ABC in den Griff bekommt."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt | 13. Januar 2021 | 20:15 Uhr