Industriekultur in Sachsen Die Architektur von Industriebauten im Wandel der Zeit

Baumwollspinnerei, Zigarettenfabrik, Gießerei: So einige Industriebauten aus der Zeit der Industrialisierung in Sachsen haben heute noch ihren Charme und werden neu genutzt. Als Ateliers, Wohnungen, Büros, Museen und vieles mehr. Wenn heute allerdings eine neue Fabrik gebaut wird, dann oft am Stadtrand und ohne, dass dabei großer Wert auf die Architektur gelegt wird. Es gibt aber auch Ausnahmen.

Eine der beiden Glasflächen des künftigen Kugel-Restaurants. Sie befindet sich noch im Bau und die Glasflächen fehlen noch.
Im von der Industrie geprägten Leipziger Westen entsteht ein Café-Restaurant in Kugelform. Bildrechte: MDR/Sachsenspiegel

Ludwig Koehne, hat einen Coup gelandet: Der Inhaber der Leipziger Kirow-Werke erregt mit seinem Café-Restaurant, das gerade an den historischen Klinkerbau angebaut wird, überregional für Aufsehen. Der Entwurf für die weiße Betonkugel, die halb in der Luft zu schweben scheint, stammt vom – inzwischen verstorbenen – Stararchitekten Oscar Niemeyer persönlich.

Man mit Schutzhelm
Ludwig Koehne, Inhaber Leipziger Kirow-Werke Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Hinter den Werkstoren entstehen unter anderem Eisenbahnkräne und Straßenbahnen. Für Koehne ist das Werk auch Aushängeschild der Firma. "Wir kriegen ja viele Besucher aus aller Welt und die sehen dann beides: Unsere Produkte und diese Architektur und das zahlt wechselseitig aufeinander ein", sagt Koehne. Man könne sehr gut Verbindungen sehen zwischen einer ausgefeilten Architektur und einem ausgefeilten Produkt.

Moderne Technik braucht keine anspruchsvolle Architektur

Es gibt andere Beispiele für solche Prestige-Bauten wie das preisgekrönte BMW-Werk in Leipzig oder die Gläserne Manufaktur in Dresden. Doch der Alltag in anonymen Gewerbegebieten mit gesichtslosen Produktionshallen sieht anders aus. Ein Grund sei, dass Firmen nicht unbedingt Geld für technische Anlagen ausgeben, die nicht für die Ewigkeit bestimmt seien, erklärt der Leipziger Architekturkenner und Autor Bernd Sikora, der sich schon viele Jahre mit Industriearchitektur beschäftigt.

Er ergänzt, dass in den historischen Fabriken mit einzelnen Maschinen gearbeitet wurde. "Da standen Arbeiter dran, man brauchte Licht und Fenster", erklärt Sikora. "Und heute: Die neue Technik braucht eine Klimatisierung mit Kunstlicht, Luftfeuchtigkeit, Temperaturen, da braucht man keine Fenster und da entsteht eben eine hässliche Kiste nach außen."

Architekten möchten wieder stärkeren Fokus auf Industriearchitektur

Ganz anders sieht es mit alten Industriebauten aus, die heute neu genutzt werden, wie die Baumwollspinnerei in Leipzig oder die Zigarettenfabrik Yenidze in Dresden. Vor allem in Städten sei die anspruchsvolle Architektursprache für Investoren interessant, beobachtet der Chef des Zentrums für Baukultur in Dresden, Till Schuster:

Die früheren Industriebauten sind mit einer hohen Qualität gebaut worden, sowohl handwerklich als auch architektonisch.

Till Schuster, Zentrum für Baukultur Dresden

Das hänge auch damit zusammen, dass vor der Moderne keiner von der Moderne gewusst habe und die Architekten deswegen in ihrer Formsprache auch auf Formen zurückgegriffen hätten, die hunderte bis tausende Jahre alt seien, sagt Schuster. "Und diese Bauten sind so angelegt, dass man die natürlich heute auch benutzen kann." Die Architekten Schuster und Sikora wünschen sich beide, dass künftig wieder mehr Wert auf Industriearchitektur gelegt wird.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 23. Januar 2020 | 05:00 Uhr

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