Interview | Matthias Katsch Wenig Anlaufstellen für Betroffene von Kindesmissbrauch

Opfer von Kindesmissbrauch beklagen, dass es noch immer an Hilfsmöglichkeiten für Betroffene fehlt. Entsprechend äußerte sich der Sprecher des Opfervereinigung Eckiger Tisch, Matthias Katsch, bei MDR AKTUELL. Er sagte, auch zehn Jahre nach Bekanntwerden des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche gebe es weiter zu wenig Fachberatungsstellen.

SYMBOLBILD - Im Gegenlicht und vor wolkenverhangenem Himmel ist die Kirchturmspitze des Doms mit Kreuz zu sehen.
"Als Institution, die aktiv Taten vertuscht hat und Täter beschützt hat, muss die katholische Kirche die Verantwortung dafür übernehmen", sagt Matthias Katsch. Bildrechte: dpa

Am 14. Januar 2010 wenden sich drei ehemalige Schüler an den Direktor des Canisius-Kollegs und berichteten von Missbrauch. In der Folge werden zahlreiche weitere Fälle bekannt – viele waren vertuscht worden. Der Skandal erschüttert die katholische Kirche bis heute.

Einer dieser ehemaligen Schüler, die vor zehn Jahren den Stein ins Rollen brachten, war Matthias Katsch. Er machte öffentlich, was ihm als Kind im Canisius-Kolleg in Berlin passierte.

Matthias Katsch setzt sich als Sprecher der Opfervereinigung Eckiger Tisch für die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle und die Entschädigung der Opfer ein. Wie zufrieden ist er zehn Jahre danach mit dem, was er erreichen konnte? Darüber hat MDR AKTUELL mit ihm gesprochen.

Eine persönliche Befreiungsgeschichte

Tim Deisinger (MDR AKTUELL): Herr Katsch, zehn Jahre sind mittlerweile vergangen. Wenn sie die Ergebnisse dieser Aufarbeitung anschauen und sehen, wie durchwachsen das alles ist, da könnte man sich durchaus vorstellen, dass Sie auch mal sagen: Mensch, vielleicht hätte ich das doch alles nicht machen sollen?

Matthias Katsch: Nein, für mich persönlich ist das eine Befreiungsgeschichte gewesen. Und ich glaube auch für ganz viele Betroffene, die das erlebt haben. Dass wir mehr darüber sprechen, dass es leichter geworden ist, sich mitzuteilen und sich seinen Dämonen zu stellen. Ich glaube nach zehn Jahren, wenn man jetzt so ein bisschen Bilanz zieht, ist das Glas halb voll, ist es halb leer. Ich denke, es ist halb voll. Natürlich gibt es noch Luft nach oben bei der Aufarbeitung und bei anderen Themen. Aber dass wir das Thema auf der Agenda gehalten haben, das ist an sich schon eine große Leistung, auf die die Betroffenen stolz sein können.

Sie haben davon gesprochen, dass es leichter wird. Sie haben aber auch Dämonen erwähnt. Das heißt, es ist nicht jeden Tag leichter, auch nicht für Sie?

Naja, Sprechen hilft. Das ist ganz klar. Vor allem hilft es, wenn jemand zuhört. Aber wenn sie Folgeerkrankungen, die aus traumatisierenden Erfahrungen der Kindheit herrühren, entwickelt haben, dann verschwinden die ja nicht einfach. Und das ist bei mir nicht anders. Also die Neigung zu depressiven Phasen, die wird mich vermutlich immer begleiten. Aber man lernt eben, damit zu leben und damit auch besser zu leben. Dadurch, dass man eben mit sich und seiner Geschichte nicht alleine bleibt.

"Katholische Kirche noch im Prozess des Wandels"

Zu den Kritikpunkten, die sie angedeutet haben, kommen wir gleich. Aber gibt es denn irgendeinen Punkt in den letzten zehn Jahren bei dieser Aufarbeitung, wo sie so zufrieden sind, wie man nur irgendwie sein kann?

Nein, das wäre auch eine falsche Herangehensweise. Denn wir reden ja nicht über ein Phänomen, was lange lange her ist. Tagtäglich erleben wir in der Berichterstattung, dass sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche Alltag in Deutschland ist. So gruselig, wie sich das anhört, das ist normal. Normalität im schlimmsten Sinne. Es ist ein Phänomen, das wir gerade enttabuisiert haben.

Aber wir haben noch nicht mal angefangen, richtig als Gesellschaft dagegen zu kämpfen. Und auch die katholische Kirche ist noch mittendrin in dem Prozess des Wandels. Also für Zufriedenheit wäre es viel zu früh. Aber ich bin glücklich, wenn ich mit anderen Betroffenen zusammenarbeiten kann und merke, wie gut es vielen Menschen tut, eben nicht mit ihrer Geschichte alleine zu bleiben.

Finanzierung von Hilfen häufig prekär

Kommen wir mal zur Unzufriedenheit. Was fehlt Ihnen denn konkret?

Die Hilfen und die Beratungen und die Möglichkeiten, sich helfen zu lassen als Betroffener, sind nicht wesentlich verbessert worden seit 2010.

Die Finanzierung von vielen Fachberatungsstellen ist immer noch prekär. Oft hat man das Gefühl, das geht nach Kassenlage, ob ein Jugendamt und wie ein Jugendamt interveniert.

Wir haben es immer noch nicht geschafft, dass das Thema in der breiten großen Politik angekommen ist als ein Schwerpunkt, um den man kämpfen muss: Nämlich dafür zu sorgen, dass es weniger wird, dass es aufhört. Wir gruseln uns vor den Geschichten, die uns da manchmal medial erreichen. Aber wir haben bisher nicht die Kraft als Gesellschaft gehabt zu sagen, wir wollen dafür kämpfen, dass es weniger wird.

Was denken Sie, warum die Kraft nicht da ist, dagegen zu kämpfen?

Naja, es ist tatsächlich das Tabu, was uns immer wieder begegnet, auch die Abwehr. Es ist für Menschen manchmal gar nicht so einfach, sich eine Begegnung mit Betroffenen vorzustellen. Die müssen doch irgendwie merkwürdig sein. Es ist, glaube ich, wirklich, die Angst vor diesen sehr unangenehmen Vorstellungen, was einem Kind oder Jugendlichen widerfährt, wenn ihm oder ihr Gewalt angetan wird. Und das hindert uns und behindert uns.

Und da versuchen Betroffene, die öffentlich sprechen, eben dazu beizutragen, dass wir diese Bremse loswerden und versuchen hinzugucken und hinzuhören, auch wenn es im ersten Moment unangenehm ist. Und dann sehr unaufgeregt auch gucken, wie können wir helfen, wie können wir intervenieren?

Katholische Kirche muss entschädigen

Die katholische Kirche hat ja pauschal für jeden Betroffenen eine Entschädigungszahlungen angeboten. Ich glaube zwischen 3.000 und 5.000 Euro. Und ich hab mir … auf Deutsch gesagt … gedacht, das ist doch ein Witz. Oder sehe ich das falsch?

Nein, das sehen Sie richtig. Das sind auch keine Entschädigungszahlungen. Das nannte sich Anerkennungszahlung. Das heißt, man hat es weit von sich gewiesen, als Institution verantwortlich zu sein für das, was geschehen ist. Und erst allmählich, in den letzten zwei Jahren, hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass wir tatsächlich über Entschädigungen sprechen müssen.

Weil natürlich die Folgen im Leben der Betroffenen nicht weggehen, sondern die Biografien der Menschen prägt.

Und als Institution, die aktiv Taten vertuscht hat und Täter beschützt hat, muss die katholische Kirche die Verantwortung dafür übernehmen.

Das gehört auch zu den Themen, die wir noch auf der Agenda haben und wo wir uns auch mehr Unterstützung aus der Gesellschaft und aus der Politik wünschen würden.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 14. Januar 2020 | 09:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Januar 2020, 15:06 Uhr

1 Kommentar

Maria A. vor 11 Wochen

Da es sich hierbei um Straftaten handelt, gilt der gleiche Verlauf, wie bei anderen: Die Opfer haben die Polizei aufzusuchen, um Anzeige zu erstatten. Anlaufstellen bei daraus entstandenen psychischen Probleme sind Ärzte, bestenfalls Psychiater, die längere Zeit helfend einwirken. Wenn Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen stattfindet, ist das natürlich schrecklich, aber die Ursachen sind genau die gleichen, wie woanders auch. Perverse Männer suchten und suchen Möglichkeiten, sich auszuleben. Somit müssen die selbst für ihr Tun zur Verantwortung gezogen werden, nicht ihr Arbeitgeber. Man könnte neue Verfehlungen reduzieren, würde bei Einstellung in mit Kindern und Jugendlichen tätigen Berufsgruppen eine Erklärung zur unbedingten Einhaltung der Sorgfaltspflicht gegenüber Schutzbefohlenen Pflicht. Zudem sollten endlich härtere Strafen für solche Täter festgesetzt werden, als für Zufallstäter, weil Vorsatz vorliegt, da denen ihre Veranlagung beim Bewerbungszeitpunkt längst klar war.