Virologe Christian Drosten Wie Forscher ein unbekanntes Virus identifizieren

Im Fall der rätselhaften Lungenkrankheit im chinesischen Wuhan haben Experten ein bisher unbekanntes Corona-Virus als Auslöser identifiziert. Wie gefährlich sind neue, bisher unbekannte Erreger? Wie geht man mit ihnen um? MDR AKTUELL hat mit dem Direktor des Instituts für Virologie an der Berliner Charite, Christian Drosten, gesprochen.

Coronavirus unter dem Mikroskop
Chinesische Wissenschaftler haben den Erreger der aktuellen Lungenkrankheit identifiziert: Es ist ein Corona-Virus. Bildrechte: Center for Disease Control/epa/dpa

MDR AKTUELL: Was weiß man bisher über die in China ausgebrochene Lungenkrankheit?

Christian Drosten: Das chinesische Center for Disease Control hat aktuell bestätigt, dass es sich um ein neues Corona-Virus handelt.

Center for Disease Control Das chinesische Center for Disease Control ist eine Behörde des Gesundheitszentrums mit Sitz in Peking. Ziel ist der Schutz der öffentlichen Gesundheit unter anderem durch die Bekämpfung von Krankheiten (insbesondere Infektionskrankheiten). Im Fokus stehen aber auch Umweltgesundheit, Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz – vergleichbar mit dem deutschen Robert-Koch-Institut.

Heißt das, dass es sich um den SARS-Erreger oder eine Mutation davon handelt?

Christian Drosten
Virologe Christian Drosten Bildrechte: MDR/Wiebke Peitz/ Charité Universitätsmedizin Berlin

Die Angaben der chinesischen Kollegen sind klare Andeutungen, aber es sind immer noch Andeutungen. Es gibt bislang kein wissenschaftlich fundiertes Dokument. Es wurde eine chinesischsprachige Stellungnahme in Form eines Interviews veröffentlicht und maschinell übersetzt.

Aber so wie ich das lese, sieht es so aus, als ob es sich um ein Virus handelt, das nah mit dem SARS-Erreger verwandt ist. Wir müssen abwarten, bis es eine klare wissenschaftliche Stellungnahme gibt. Ich denke aber, wir haben schon jetzt die ausreichende Information, um im Zweifelsfall so einen Patienten diagnostizieren zu können.

Wie kann es sein, dass ein SARS-ähnliches Virus nach dem ersten Ausbruch offenbar jahrelang geruht hat und jetzt wieder ausbricht?

Das SARS-Virus ist 2002 zunächst in China aufgetreten und ab Anfang 2003 in andere Länder übergetreten, zunächst Hongkong, Vietnam, Singapur, dann gab es Weiterverschleppungen, etwa nach Australien. Wir hatten auch einen Fall in Deutschland. Das Virus grassierte bis etwa Sommer 2003. Es war also etwa ein Jahr in der menschlichen Bevölkerung aktiv.

In der Literatur gibt es Hinweise, dass es nach der Pandemie noch zu Übertragungen gekommen ist. In Untersuchungen aus dem Jahr 2018 wurden Landbewohner in China untersucht, die in der Nähe einer Fledermaushöhle wohnen, wo SARS-Vorläuferviren untersucht wurden. Diese Personen hatten Antikörper gegen diese SARS-ähnlichen Viren. Das sind klare Beweise, aus denen man herleiten kann, dass das SARS-Virus nicht nur einmal auf den Menschen übergesprungen ist. Wahrscheinlich ist es jetzt wieder übergesprungen. Wie oft das in Wirklichkeit passiert ist, weiß man aber nicht sicher.

SARS Das "Severe Acute Respiratory Syndrome" (das schwere akute respiratorische Syndrom) ist eine Infektionskrankheit, die im November 2002 in der chinesischen Provinz Guangdong identifziert wurde. Das klinische Bild entspricht dem einer atypischen Lungenentzündung. Der Erreger von SARS war ein bis dato unbekanntes Corona-Virus, das man inzwischen als SARS-assoziiertes Corona-Virus (SARS-CoV) bezeichnet. Bei der SARS-Pandemie 2002/2003 starben etwa 1.000 Menschen.

China hatte sich während der SARS-Pandemie sehr bedeckt gehalten, der Vorwurf der Vertuschung stand im Raum. Könnte die aktuelle Krankheitswelle also schlimmer sein als bislang angenommen?

Ich finde, im Moment wird da nicht gemauert. Bereits nach kurzer Zeit gab es eine offizielle Stellungnahme. Das geschah natürlich auf internationalen Druck hin. Offenbar gab es Social-Media-Leaks, dann wurde international darüber diskutiert und so Druck aufgebaut. Vielleicht hätte das chinesische Center for Disease Control nicht so schnell reagiert, wenn das nicht passiert wäre.

Seit der Krankheitsausbruch bemerkt wurde, sind nur zwei Wochen vergangen. Das ist schon schnell, wenn man bedenkt, dass es um eine Virusidentifikation geht, die eben ein bis zwei Wochen dauert. Bei so einer Tragweite muss man sich ja auch sicher sein.

Wie wird denn überhaupt ein Erreger identifiziert, wenn eine Krankheit erstmals auftritt und man nicht weiß, wodurch sie verursacht wird?

Heute macht man das über das sogenannte Deep Sequencing. Das ist eine neue Methode, die wir zu SARS-Zeiten noch nicht hatten. Heute belädt man Sequenziermaschinen mit Proben aus Genmaterial. Diese Maschinen sequenzieren alle genetischen Informationen – die vom Menschen genauso wie alle möglichen Krankheitserreger.

Dann sortiert man das auseinander: Zuerst nimmt man die menschliche Geninformation weg, dann schaut man sich die Bakterien und Viren an. Dann findet man gegebenenfalls – so wird es auch im aktuellen Fall gewesen sein – ein Virus, das man im Menschen nicht kennt. Man kennt aber unter Umständen ähnliche Sequenzen, etwa aus Fledermäusen oder aus der SARS-Epidemie von 2003. Und dann weiß man, dass es SARS-ähnliche Sequenzen sind.

Wie häufig passiert es denn, dass eine Krankheit auftritt, deren Erreger unbekannt ist?

Dass ein ganz neues Virus auftritt, das in mehreren Menschen nachgewiesen wird, so dass man vermuten muss, dass es eine Epidemie ist, das passiert alle zehn Jahre mal. Das letzte Mal war es der Fall bei MERS im Jahr 2012. Und es gibt wenige Beispiele vorher. Es gab das SARS-Virus 2003, kurz davor das humane Metapneumovirus.

Manchmal werden Varianten von Tumorviren gefunden, aber bei denen befürchtet man keine weltweite Übertragung. Die haben kein Pandemie-Potenzial. Auch von anderen Erregern, wie dem Influenza-Virus, gibt es immer mal Varianten. Aber ein richtig neues Virus, so wie im aktuellen Fall, gibt es selten.

Pandemie Die WHO unterscheidet zwischen sechs Pandemie-Phasen:

Phase 1 – geringes Risiko: Es wurde ein neuer Virus-Subtyp in Tieren entdeckt,
ohne dass Gefahr für Menschen besteht.

Phase 2 – höheres Risiko: Ein im Tierreich zirkulierender Subtyp birgt ein möglichweise höheres Krankheitsrisiko für den Menschen.

Phase 3 – Beginn der Alarmphase: Die Tierkrankheit breitet sich auf andere Länder und Kontinente aus. Menschen stecken sich zwar an, aber nur im Ursprungsland und nur bei sehr engem Kontakt.

Phase 4 – Im Ursprungsland und außerhalb werden kleinere Herde von Mensch-zu-Mensch-Übertragungen festgestellt. Noch ist das Virus nicht sehr gut an den Menschen angepasst.

Phase 5 – erhebliches Pandemie-Risiko: Es kommt zu Mensch-zu-Mensch-Übertragungen in größerer Zahl, auch außerhalb des Ursprungslands oder Ursprungskontinents. In dieser Phase ist das Virus bereits besser an den Menschen angepasst.

Phase 6 – Pandemie-Periode: Ein Virus wird weltweit in der gesamten Bevölkerung von Mensch zu Mensch übertragen.

Im aktuellen Fall scheinen Tiere die Erreger-Quelle zu sein. Wie häufig passiert es, dass Erreger von Tieren auf den Menschen übergehen?

Im aktuellen Fall ist es nach bisherigen Erkenntnissen sicher, dass die Viren in Fledermäusen vorkommen. Die Frage ist, wie der Erreger zum Menschen gekommen ist. Es kann sein, dass Fledermäuse auf dem Markt in Wuhan verkauft wurden. [Anmerkung der Redaktion: Von diesem Markt soll die Infektion ausgegangen sein.]

Eine andere Möglichkeit wäre, dass es einen Zwischenwirt gibt. Das ist nicht ungewöhnlich. Bei der SARS-Pandemie waren das vermutlich Schleichkatzen oder Marderhunde. Das Fell von letzteren wird in der internationalen Bekleidungsindustrie oft für Kapuzen oder Kragen an Kleidungsstücken genutzt. Es gibt also verschiedene mögliche Übertragungswege.

Der Erreger ist gefunden. Wie geht es jetzt weiter?

Nun geht es darum, in den Umgang mit Fällen und Verdachtsfällen Klarheit zu bringen. Es muss ein zuverlässiger Test her, den man an Labore weltweit verteilt.

Dafür braucht man aber zuerst die Sequenz. Ist die vorhanden, kann innerhalb weniger Tage ein Diagnostiktest erstellt werden. Anschließend testet man alle Verdachtsfälle auf das spezifische Virus – dann hat man die tatsächlichen Fallzahlen. Man kann dann einschätzen, wie das Virus übertragen wurde, ob es sich etwa von Mensch zu Mensch verbreitet. Danach ist das Virus ein Fall für die Wissenschaft.

Könnte sich die aktuelle Krankheitswelle in China zu einer Pandemie ausweiten?

Bei allem, was ich über diese Viren weiß, halte ich das für unwahrscheinlich. Dass das SARS-Virus damals zu einer Pandemie wurde, war schon ungewöhnlich. Wahrscheinlich hatte das Virus Veränderungen durchgemacht oder es war eine seltene Ausnahme innerhalb all dieser Viren. Insgesamt sind diese Fledermaus-SARS-Corona-Viren keine große Gefahr. Aber das ist natürlich Spekulation. Es kann auch sein, dass ich mich täusche und das da jetzt ein Virus zirkuliert, das genau wie das SARS-Virus damals schon längst viel weiter verbreitet ist, als man dachte. Für eine verlässliche Aussage ist es noch zu früh.

Zur Person

Professor Christian Drosten ist Direktor des Instituts für Virologie an der Berliner Charite. Er gehörte zu den Mitentdeckern des SARS-Virus. Zusammen mit einem Kollegen gelang ihm wenige Tage nach der Identifizierung die Entwicklung eines Diagnostiktests auf das neu identifizierte SARS-Virus. Dafür wurde er unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 09. Januar 2020 | 11:30 Uhr