Medizinische Versorgung Immer weniger Kinderärzte – Arbeitsbelastung steigt

Bis 2025 werde ein Viertel aller Kinderärzte in den Ruhestand gehen, warnt der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte. Die Arbeitssituation der verbleibenden Kinderärzte spitzt sich so immer weiter zu.

Eine Kinderärztin untersucht im Rahmen einer Kinderimpfung gegen Meningokokken ein einjähriges Mädchen mit einem Stethoskop.
Den Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte plagen Sorgen: Es rücken nicht genügend Pädiater nach. Bildrechte: dpa

Zwei Beispiele: Nadine Probst ist Kinderärztin in Hettstedt im Mansfelder Land, Stephanus Klink im erzgebirgischen Schwarzenberg. Sie übt ihren Beruf seit sieben Jahre aus, er will in sieben Jahren in Ruhestand gehen. Beide lieben es, Kinderärztin und Kinderarzt zu sein, beide sagen aber auch, dass das stressig sei.

Nadine Probst erklärt: "Wir nehmen grundsätzlich immer neugeborene Kinder auf." Kinder, die älter als sechs Jahre als seien, könnten aber gerade nicht aufgenommen werden. "Weil wir mit unseren Sprechzeiten dann einfach nicht hinkommen", erklärt Probst.

60-Stunden-Woche

Bei Probsts älterem Kollegen Klink aus dem Erzgebirge zehrt das Pensum an den Kräften:

Wenn es nach mir geht, möchte ich nicht noch sieben Jahre in diesem vollen Trott arbeiten müssen, weil das geht doch irgendwann an die Substanz – mit 60 Stunden in der Woche.

Stephanus Klink Kinderarzt in Schwarzenberg

Zwei Ärzte auf dem Land, ein Problem: Zu viele Patienten, zu wenig Personal. Beide haben festgestellt, dass seit einigen Jahren wieder mehr Kinder zu versorgen sind – und dass es zu wenige Nachwuchs-Ärzte gibt, vor allem auf dem Land. Klink sagt: "Es sind viele Kollegen weggefallen." Einige Praxen gebe es schon nicht mehr. 

Auch in Mansfeld-Südharz gebe es nicht viele Kinderärzte – und der Altersdurchschnitt sei groß, beschreibt Kinderärztin Probst. "Das heißt, in den nächsten Jahren wird es da schon ein Problem geben."

Bürokratie und weniger Geld

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte fordert daher schon lange von der Politik, sich um Nachwuchs zu kümmern und den Beruf attraktiver zu machen. Problematisch sei, dass Kinderärzte im Vergleich mit anderen Medizinern eher schlecht bezahlt würden.

Vor allem für längere Sprechzeiten bei Kassenpatienten werden zu geringe Honorare gezahlt, sagt Stephanus Klink. Außerdem brauche es mehr Medizinstudienplätze und weniger Bürokratie. 

"Verfehlte Bedarfsplanung"

Auch Roland Achtzehn vom Kinderärzte-Verband Sachsen-Anhalt warnt, wegen des hohen Alters vieler Ärzte drohe der Engpass bald noch größer zu werden, auch in den Städten: "Zum Beispiel ist die Versorgungssituation in der Stadt Magdeburg für den kinderärztlichen Notdienst schon unzureichend – und Kollegen aus dem Bördekreis haben sich bereit erklärt, am Notdienstsystem teilzunehmen, um die Versorgung dort zu verbessern."

Von einer verfehlten Bedarfsplanung spricht der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte. Die bekommen am Ende die Kinder und Eltern zu spüren, sagt Nina Ohlmeier vom Deutschen Kinderhilfswerk. Wie sehr, das hat das Kinderhilfswerk repräsentativ bei Eltern erfragt: Rund die Hälfte der Befragten in ländlichen Regionen gab in der Umfrage an, in der Nähe keinen Kinderarzt zu haben.

Die UN-Kinderrechts-Konvention sagt eben auch, dass Kindern ein Zugang zu Gesundheitsdiensten garantiert werden muss. Das ist eine Verpflichtung, die Deutschland hat.

Nina Ohlmeier Deutsches Kinderhilfswerk

Corona-Ansturm erwartet

Dabei stehe in den nächsten Monaten vielen Kinderärzten wahrscheinlich noch das Schlimmste bevor. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte rechnet mit einem Ansturm in der Corona-Pandemie. Die Kinderarztpraxen seien schon in normalen Wintermonaten maximal ausgelastet. Schlicht nicht zu schaffen sei es, dann auch noch viele Kinder auf Corona zu untersuchen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 28. September 2020 | 06:11 Uhr

1 Kommentar

Kritische vor 3 Wochen

Das Problem bestand schon vor 12 Jahren, als unser Kind geboren wurde. Wir riefen bei mehreren Kinderärzten an und mussten regelrecht betteln, dass diese unser Neugeborenes aufnehmen. Dann folgten mehrere Praxisschließungen und wir mussten jedesmal wieder auf die Suche gehen. Es gibt keine Nachfolger, weil die jungen Ärzte keine Praxis mehr übernehmen möchten, Krankenhausdienst ist geregelter und besser vergütet. Der Hausarzt, der Tag und Nacht für seine Patienten da ist und - im pädiatrischen Bereich ist das so - nicht mal gut verdient dabei, der stirbt aus. Und wir reden hier von der Stadt, im ländlichen Raum ist es noch viel schlimmer. Man hätte also schon vor 15 Jahren gegensteuern müssen.