Kindesmissbrauch "Immer wieder hinschauen": Kinderschutz in Kitas ist ein Prozess

Wenn Kinder Opfer werden, dann reagiert die Öffentlichkeit besonders sensibel. Das war auch Ende Mai so, als eine Dreijährige in einer Kita in Nordrhein-Westfalen starb. Eine Erzieherin steht jetzt unter Mordverdacht. Doch wie sind solche Fälle möglich, welche Mechanismen versagen dann?

Gummistiefel für Kinder
Kinder-Schutzkonzepte sind für Kitas nicht verpflichtend, werden aber dringend empfohlen. Bildrechte: dpa

Auch Kinder haben eine Intimsphäre. Darauf wird in der Kinderarche der Diakonie in Leipzig-Paunsdorf geachtet. Mehr denn je. Leiterin Annett Wüstneck erklärt, dass man etwa darauf achte, dass die Kinder im Bad, wo sie auf Toilette gingen, ihre Rückzugsmöglichkeiten hätten.

So sei ein klares Zeichen an der Toilettentür angebracht, das anzeige, ob die Kabine frei oder besetzt sei. Leiterin Wüstneck fügt an, es sei wichtig, "dass auch von uns Erwachsenen niemand oben drüber schaut". Dazu habe es gerade in der Kita eine große Diskussion gegeben.

Verdachtsfälle in Sachsen und Sachsen-Anhalt gehen zurück

Die Arbeit in der Kinderarche habe sich schon immer an den Bedürfnissen der Kinder orientiert, erklärt Wüstneck. Seit 2018 aber schaut die Leiterin ganz besonders auf den Kinderschutz. Denn seitdem arbeitet die Einrichtung an einem Schutzkonzept.

An dem Thema sei man aber schon viel länger dran, sagt Cornelia Schönfuß. Als Fachbereichsleiterin ist sie für alle elf Kitas der Diakonie Leipzig zuständig: Man bearbeite viele Kinderschutz-Themen – und habe das auch schon vorher getan. "Beschwerdemanagement" etwa, das sei "ein großer Baustein im Schutzkonzept", erklärt Schönfuß.

Auch ein erweitertes Führungszeugnis sei schon immer für die Arbeit in den Kitas erforderlich gewesen, sagt Schönfuß weiter: "Also es gibt ganz viele Bausteine, die wir schon viel länger haben." Sie seien aber noch nicht gebündelt gewesen. Ein Schutzkonzept zu haben, ist keine Pflicht, wird aber vom Bundesbeauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs dringend empfohlen.

Dass die Arbeit wichtig ist, verraten die Zahlen: In den vergangenen drei Jahren hat es in Sachsen und Sachsen-Anhalt je um die 60 Verdachtsfälle von Kindesmissbrauch und -misshandlung in Einrichtungen für Kinder bis zum Schulalter gegeben. Das teilte die Kriminalpolizei auf Anfrage von MDR AKTUELL mit. Zahlen aus Thüringen waren nicht zu bekommen. Die gute Nachricht: Die Fälle sind in Sachsen leicht, in Sachsen-Anhalt stark rückläufig.

Jeder Fall ist einer zu viel

Trotzdem: Jeder Fall sei einer zu viel, sagt Katja Sturm vom Kinderschutzbund Sachsen. Sie berät Kitas auf dem Weg zum Schutzkonzept. Wichtig sei, dabei vor allem zu wissen, worüber man spricht, erklärt sie:

Übergriffiges Verhalten bei Erzieherinnen und Erziehern in Kindergärten definieren wir so, dass ein Mitarbeitender oder eine Mitarbeitende einem Kind einen Schaden zufügt, was ein Kind selbst nicht abwenden kann.

Katja Sturm Kinderschutzbund Sachsen

Zum Beispiel, wenn ein Kind zum Essen gezwungen wird. Das würde in der Kinderarche nicht passieren, sagt die Leiterin: "Wenn wir sowas beobachten würden, was bislang noch nicht vorgekommen ist, dann würden wir sofort mit der Kollegin sprechen. Wir würden nicht erst abwarten, bis das Kind aufgegessen hat."

Beobachtete Fälle melden und Bewusstsein schaffen

Ganz wichtig sei, sagt die Kita-Verantwortliche Cornelia Schönfuß, "dass Mitarbeitende es nicht für sich behalten, wenn sie Übergriffe beobachten." Das dürfe nicht primär das Gefühl auslösen, die Kollegen anzuschwärzen. Es solle klarwerden, "dass ich hier eine ganz wichtige Rückmeldung gebe".

An wen können sich Mitarbeitende wenden? Der Kinderschutzbund empfiehlt, mehrere Anlaufstellen ins Schutzkonzept aufzunehmen – in der Kita und außerhalb, etwa das Jugendamt. Die Diakonie-Kitas haben noch keine fertigen Schutzkonzepte im Regal. Und das sei auch gut so, sagt Schönfuß. Es sei eben ein Prozess, ein Lernprozess – für alle.

Der wichtigste Schritt sei aber geschafft, sagt Schönfuß: "Es ist ein anderes Bewusstsein da." Trotzdem müsse man immer wieder hinschauen, denn – und das ist der erste Schalter, der umgelegt werden müsse – "Es ist prinzipiell möglich. Und zwar überall!"

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 06. August 2020 | 05:00 Uhr

1 Kommentar

Maria A. vor 6 Wochen

Manchmal wird es zu lasch gesehen, während anderswo herum krakeelt wird, wo früher kein Mensch was dabei gefunden hätte. Zu meiner Zeit im Kindergarten gab es keinerlei Übergriffe. Ich erinnere mich jedoch daran, dass ich angeekelt vor der Puddingsuppe mit dem eingesunkenen Zwieback saß, bis die ersten Kinder aus der Mittagsruhe kamen. Weil man so lange sitzen sollte, bis man aufgegessen hatte... In der Schulzeit konnte ein Lehrer nach Gutdünken schikanieren, wenn er ein Kind "auf dem Kieker" hatte. Es petzte meist nicht, falls doch, waren die Eltern kaum hilfreich. Der Lehrer saß am längeren Hebel. Heutzutage schwer vorstellbar, oder? Während damals männliche Betreuer unvorstellbar waren in Kindergärten und es eben nur "die Tanten" gab. So hat jede Epoche mehr oder weniger seltsame Merkmale und Gegebenheiten. Irgendwie müssen die Menschen jedweder Staatsform damit klar kommen, was deren Obrigkeiten vorgeben und fest setzen, weil die es so richtig finden.