Kindergärten Diakonie: Kita-Personal bei Coronaschutz vernachlässigt

Die sächsische Diakonie sieht das Kita-Personal beim Corona-Schutz vernachlässigt. Als nahezu einzige Berufsgruppe seien die Erzieherinnen und Erzieher dem Infektionsrisiko schutzlos ausgesetzt. Sie wünschten sich eine Gleichbehandlung mit den Lehrern in den Schulen. Bundesfamilienministerin Giffey versprach, die Testkapazitäten für das Kita-Personal auszuweiten. Mit einem Impfstart für diese Berufsgruppe rechne sie jedoch nicht vor Mai.

Kinderrucksäcke hängen im Eingangsbereich in einem Kindergarten
Gleichstellung gefordert: Auch Erzieherinnen sollten von Schnelltests profitieren. Bildrechte: dpa

Notbetreuung im Kindergarten, die Nerven liegen blank, nicht nur bei den Eltern, sondern auch zunehmend bei den Erzieherinnen und Erziehern. Die Hygiene-Regeln und Schutzmaßnahmen ließen sich in den Kindergärten kaum umsetzen, sagt Martin Zeidler, Leiter der "Marktspatzen", die älteste Kita in Halle.

Eltern ignorieren Maskenpflicht

Martin Zeidler erklärt: "Ein Stück weit ist eigentlich der einzige Schutz, den wir haben, das Verständnis der Eltern. Wenn die Eltern sagen, sie lassen ihr Kind jetzt doch noch zwei Tage zu Hause und ermöglichen irgendwie sich abzuwechseln, oder sie arbeiten am Abend. Ansonsten endet eigentlich der Schutz bei uns an der Haustür."

Drinnen könne man noch lüften, doch Abstand halten und Maske tragen sei gerade mit kleinen Kindern unter drei Jahren kaum machbar, etwa wenn man singen wolle, so Kita-Leiter Zeidler.

Darüber hinaus berichten die Bildungsgewerkschaft GEW Sachsen-Anhalt und die Diakonie Sachsen davon, dass selbst Eltern teilweise die Maskenpflicht in Kindergärten ignorieren. Was die Betreuer zusätzlich gefährdet. Dabei sollte der Lockdown eigentlich die Kontakte reduzieren und die Notbetreuung die Kitas entlasten. In der Praxis geht das nur bedingt auf.

Auslastung von 50 Prozent

Martin Zeidler sagt: "Die Spanne der systemrelevanten Berufe ist einfach so weit und es betrifft ja auch nur einen Elternteil. Also bei uns können 85 Prozent aller Eltern ihre Kinder eigentlich bringen und wir sind bei einer täglichen Auslastung von ungefähr 50 Prozent."

Die Eltern der Kita Marktspatzen in Halle sind offenbar verständnisvoll, das sei aber nicht immer der Fall, sagt Frank Wolters von der GEW Sachsen-Anhalt. Ihm berichten die Erzieherinnen und Erzieher auch von Kindergärten, die bis zu 80 Prozent ausgelastet sind: "Was uns vermittelt wird, ist, dass es vermehrt auch Eltern gibt, die nicht in systemrelevanten Berufen arbeiten und trotzdem ihre Kinder bringen können", so Wolters.

Die Notbetreuung muss strenger umgesetzt werden, diese Forderung hört Petra Altmann immer wieder. Sie leitet bei einem freien Träger, der Halleschen Jugendwerkstatt, den Bereich Horte und Kitas. Während der Pandemie seien die Erzieher nicht nur zur Schnittstelle zwischen Familie und den Einrichtungen geworden, sondern auch der verlängerte Arm des Gesundheitsamtes, sagt Altmann.

Besonders deutlich wurde das, als sie in drei von ihren Einrichtungen Covid-19-Fälle hatten: "In dem Fall würde ich sagen, ist es schon so, dass man von der Kita heraus auch viel steuert, was sonst möglicherweise das Gesundheitsamt macht", erklärt Altmann.

Gleichstellung mit Lehrern gefordert

Als nahezu einzige Berufsgruppe sehen sich die Erzieherinnen und Erzieher dem Risiko schutzlos ausgesetzt, berichtet Inga Blickwede, Kita-Referentin der Diakonie Sachsen. Sie wünschen sich den gleichen Schutz wie Lehrer. Das heißt: "Testungen, Bereitstellung von Masken, Gesundheitsschutz. Es gibt immer noch keine Gleichstellung von Schule und der Bildungseinrichtung Kita", kritisiert Blickwede.

Anfang Januar hatte das Land Sachsen-Anhalt einmalig 40.000 Schnelltests an Erzieherinnen und Lehrkräfte verteilt. Die Kita-Pädagogen fordern jedoch eine langfristige Teststrategie mit wochenweisen Schnelltests sowie einen schnelleren Zugang zu Impfungen. Bislang stehen sie auf der Prioritätenliste des Bundesgesundheitsministeriums auf Platz drei.

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey sagte MDR AKTUELL, sie rechne nicht mit einem Impfstart vor Mai. Jedoch wolle man die Testkapazitäten für das Kita-Personal ausweiten.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 25. Januar 2021 | 06:31 Uhr

3 Kommentare

ElBuffo vor 5 Wochen

Die Priorisierung beim Impfen finde ich auch sehr unglücklich, aber letztlich in einer Gerontokratie nichts anderes erwartet. An erster Stelle hätten die Systemrelevanten stehen müssen. Welche Auswirkungen hat es schon, wenn der Rentner jetzt mal zwei Wochen lang nicht dreimal täglich durch die Stadt tingelt? Das sieht bei einem Arzt oder einer Pflegekraft schon ganz anders aus. Da hat dann auch die Risikogruppe nichts von, wenn die zu Hause bleiben, weil infiziert, erkrankt oder auch einfach nur ohne Kinderbetreuung.
Bei der Masse der Risikogruppe dürften auch Home-Bleibing und Kontaktbegrenzungen ohne größere Reibungsverluste möglich sein. Naja, bis zur Bundestags- und den Landtsgswahlen werden die Sozialkassen, die sich vor allem daraus speisen, dass Leute arbeiten gehen, schon irgendwie am Laufen gehalten. Und wenn es richtig gut läuft, erweist sich der Pandemieverlauf gar noch als kleines Strohfeuer, damit dringend notwendige Reformen am System nochmal verschoben werden können.

Kritische vor 5 Wochen

Sicher gibt es diese Fälle, bei denen Eltern ihr Kind abgeben, obwohl sie es nicht müssten oder Eltern, die ohne Maske in die Kita gehen oder gar kränkliche Kinder abgeben. ABER dieses Bild ist sehr einseitig. Wir kennen ausschließlich Familien, die derart am Limit sind, gerade mit Kitakindern, dass sie eigentlich dringend eine Betreuung brauchen. Notbetreuung nehmen auch häufig Leute in Anspruch, die noch Schulkinder zu Hause haben, die lernen müssen. Denen kann man nicht auf Dauer Kitakinder überhelfen. Wir kennen auch mehrere Eltern, die drei oder mehr Kinder unterschiedlichsten Alters zu Hause betreuen und "nebenbei" selbst noch arbeiten bzw. studieren und an Prüfungen online teilnehmen müssen, weil diese nicht verschiebbar sind. Es wird hier ein Bild vermittelt, dass Eltern ja eigentlich nichts zu tun haben und die Kinder auch monatelang zu Hause vor dem Fernseher sitzen können. Kinder sind ja auch unterschiedlich und ein 3-jähriges bastelt, malt und spielt noch nicht alleine!

Storch Heiner vor 5 Wochen

wenn Bundesfamilienministerin Franziska Giffey meint ... ohne Coronaschutz bei vollem Lohnausgleich Mitte Mai schließen