Anti-Corona-Impfstoff Skepsis gegenüber russischer Impfstoff-Ankündigung

"Glück, wenn es klappt", "hochriskantes Experiment" – mit Skepsis und Kritik haben deutsche Experten auf den in Russland zugelassenen Anti-Corona-Impfstoff reagiert. Andere verweisen auf die fehlenden Daten aus Russland.

Die vom russischen Investmentfonds Russian Direct Investment Fund zur Verfügung gestellte Aufnahme zeigt eine Mitarbeiterin des Nikolai Gamaleya Nationalzentrums für Epidemiologie und Mikrobiologie, während sie ein Reagenzglas mit einem neuen Impfstoff gegen das Coronavirus in ihrer Hand hält.
Die Zulassung eines Anti-Corona-Impfstoffs durch Russland stößt in Deutschland auf Kritik und Skepsis. Bildrechte: dpa

Deutsche Experten haben mit Skepsis und teils heftiger Kritik auf die Ankündigung Russlands reagiert, einen Impfstoff gegen das Coronavirus zugelassen zu haben.

"Hochriskantes Experiment am Menschen"

Der Chef der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, kritisierte die schnelle Zulassung scharf. Er sagte der "Rheinischen Post", er halte die Vorgehensweise für ein hochriskantes Experiment am Menschen. Die entscheidende dritte Testreihe sei noch nicht erfolgt. Er habe den Eindruck, dass ein autoritär regierter Staat seine Leistungsfähigkeit demonstrieren möchte. Es sei unverantwortlich, ganze Bevölkerungsgruppen bereits in diesem Stadium der Entwicklung zu impfen.

"Glück, wenn es in dem Fall einfach mal klappt"

Der Virologe Alexander Kekulé gibt dem russischen Anti-Corona-Impfstoff keine großen Erfolgschancen. Kekulé sagte im MDR-AKTUELL-Podcast, es habe andere Versuche mit ähnlichen Impfstoffen gegeben, etwa gegen Tuberkulose, Malaria, Ebola. Nirgendwo sei bisher etwas Vernünftiges herausgekommen. Putin habe auf ein System gesetzt, mit dem andere renommierte Forscher gar nicht erst angefangen hätten. Es wäre jetzt Glück, wenn es in dem Fall einfach mal klappe. "Das will ich nicht ausschließen", so Kekulé.

Der Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie der Uniklinik Halle warnte vor allem vor Nebenwirkungen des Mittels. Die Nebenwirkungen wären fürchterlich, wenn man Millionen von Menschen impfe und dann feststelle, dass ein erheblicher Teil von denen zum Beispiel immunologische Probleme bekomme.

Ministerium verweist auf fehlende Daten

Das Bundesgesundheitsministerium äußerte sich ebenfalls zurückhaltend. Eine Sprecherin verwies auf fehlende Daten zum Impfstoff aus Russland. Sie sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland, zur Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit des russischen Impfstoffs seien hier keine Daten bekannt.

Sie verwies darauf, dass die Zulassung eines Impfstoffs in Europa neben dem Nachweis der pharmazeutischen Qualität hinreichende Erkenntnisse aus klinischen Prüfungen zum Beleg von Wirksamkeit und Unbedenklichkeit voraussetze. Es müsse ein positives Nutzen-Risiko-Verhältnis des Stoffes nachgewiesen werden, bevor er in der Breite angewendet werden könne.

Putin gibt Zulassung von Impfstoff bekannt

Der russische Präsident Wladimir Putin hatte am Dienstag die weltweit erste staatliche Zulassung eines Impfstoffs bekanntgegeben. Er wurde demnach vom Gamaleja-Institut für Epidemiologie und Mikrobiologie in Moskau und dem Verteidigungsministerium entwickelt. Als erste sollen Ärzte und Lehrer im August oder im September geimpft werden.

Zulassung widerspricht international üblichen Vorgehen

Erst wenige Menschen haben den Impfstoff aber im Rahmen einer Studie erhalten. Eine Zulassung vor Vorliegen der Ergebnisse großer klinischer Studien widerspricht dem international üblichen Vorgehen.

Der Präsident des deutschen Paul-Ehrlich-Instituts, Klaus Cichutek erklärte, eine reguläre Zulassung ohne die umfangreichen Daten aus einer Prüfung mit mindestens mehreren Tausend Probanden sei riskant. Die Zahl der Testpersonen betrage in der Regel mehrere Tausend bis Zehntausende.

WHO reagiert zurückhaltend

Die Weltgesundheitsorganisation reagierte ebenfalls zurückhaltend auf die russische Ankündigung. Sie kündigte an, alle Daten über die Sicherheit und Wirksamkeit des Impfstoffs genau zu überprüfen, bevor sie ihr grünes Licht geben werde.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 11. August 2020 | 17:00 Uhr