Ernährung, Energievesorgung, Gesundheitswesen Kritische Infrastrukturen in Krisenzeiten

Kraftwerke, Wasserwerke oder Krankenhäuser gehören zur sogenannten "Kritischen Infrastruktur". Ihre verschiedenen Bereiche sorgen für Stabilität – auch in der Krise. Doch was wird getan, damit die Kritischen Infrastrukturen selbst stabil bleiben?

Leitstand im Kraftwerk Boxberg
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Die Corona-Krise wirkt sich auf nahezu alle Lebensbereiche aus. In diesen Tagen lernen wir Dinge zu schätzen, die wir als selbstverständlich empfinden: dass Wasser aus dem Wasserhahn kommt und Strom aus der Steckdose, dass wir trotz mancher leerer Regale ausreichend zu Essen haben oder dass die Krankenhäuser bislang funktionieren und die medizinische Versorgung gewährleistet ist. All diese Bereich, die für unser modernes Leben unverzichtbar sind und die die Gesellschaft stabil halten, werden als "Kritische Infrastrukturen", kurz KRITIS, bezeichnet. Insgesamt zählen neun Bereiche dazu.

eine Grafik zeigt die neun kritischen Infrastukturen
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Wie werden die Kritischen Infrastrukturen in der Corona-Krise stabil gehalten? Wir schauen uns einige Bereiche genauer an.

Die Ernährungsversorgung

Leere Regale in Supermärkten sorgen für Unmut in der Bevölkerung. Deshalb versichert die Politik immer wieder, dass die Versorgung mit Lebensmitteln auch in der Krise weiter funktionieren wird. So mahnte etwa Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner: "Kaufen Sie bedarfsgerecht ein! Es gibt keinen Grund, Lebensmittel zu horten."

Mehrere Beschlüsse sollen die Versorgung sichern: So wird im "Corona-Paket der Bundesregierung" die Land- und Ernährungswirtschaft ausdrücklich "als systemrelevante Infrastruktur anerkannt".

Erntehelfer
Für den Einsatz von Erntehelfern gelten neue Regeln. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Neu ist auch, dass Saisonarbeitskräfte jetzt länger sozialversicherungsfrei in Deutschland arbeiten dürfen, nämlich 115 Tage statt bisher nur 70. Um die anstehenden Ernten von Erdbeeren und Spargel zu sichern, lockerte die Bundesregierung sogar den Einreisestopp. 80.000 Saisonarbeiter dürfen einreisen. Dabei gelten strenge Auflagen: Die Erntehelfer müssen per Flugzeug kommen und werden gleich nach ihrer Ankunft einem Gesundheitscheck unterzogen. Zudem dürfen sie in den ersten 14 Tagen nur getrennt von den anderen Beschäftigten arbeiten.

Es ist sogar angedacht, die Lebensmitteltransporte auf den Straßen bevorzugt zu behandeln. Trotz all dieser Maßnahmen sind Engpässe möglich. Bei heimischen Produkten wie Kartoffeln ist dies zwar weniger zu befürchten, aber Gurken und Tomaten aus dem Ausland könnten knapp werden.

In der Lebensmittelversorgung ist, wie für andere Lebensbereichen auch, eine stabile Stromversorgung wichtig. Wenden wir uns darum dem nächsten Bereich zu:

Die Energieversorgung

Maik Piehler, Geschäftsführer der Stadtwerke Leipzig
Maik Piehler, Geschäftsführer der Leipziger Stadtwerke Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Leipziger Stadtwerke versorgen mehr als eine halbe Million Menschen mit Strom. Infiziert sich auch nur ein Mitarbeiter, kann das Auswirkungen auf eine ganze Schicht haben. Geschäftsführer Maik Piehler setzt darum auf Abstand, um das Risiko einer Infizierung untereinander so gering wie möglich zu halten: "Insbesondere für die Teams in den hochkritischen Bereichen, in den Netzleitwarten und auch in den Kraftwerksleitständen achten wir auf strikte Separierung, so dass keine persönliche Interaktion mehr zwischen den verschiedenen Schichtgruppen stattfindet."

Damit überhaupt Strom in großen Mengen erzeugt werden kann, darf die Kohlezufuhr nicht abreißen, ja nicht einmal ins Stocken geraten. Damit die Kraftwerke durchgehend gefüttert werden können, müssen auch die Mannschaften im Tagebau auf Abstand gehen, was in den riesigen Revieren der Lausitz etwas leichter fällt als in der Leitwarte eines Kraftwerks. Das Problem ist dennoch das gleiche: Ein einziger Erkrankter kann eine ganze Schicht in Quarantäne schicken oder schlimmer noch: infizieren.

Um das zu verhindern, appelliert die Lausitz Energie Bergbau AG (LEAG) an ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, wie Pressesprecher Thoralf Schirmer erklärt: "Wir haben unsere Mitarbeiter gebeten, Sozialkontakte, auch untereinander, so weit wie möglich einzuschränken. Das fängt damit an, dass wir die Kollegen gebeten haben, nicht mehr in Fahrgemeinschaften zur Arbeit zu kommen, sondern möglichst separat, jeder mit seinem eigenen Auto."

Tagebau und Kraftwerk Boxberg
das Kraftwerk Boxberg Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Für den Fall, dass sich die Lage verschlechtern sollte, werde sogar schon weiter gedacht und geplant, sagt Thoralf Schirmer: "Auf jeden Fall bereiten wir uns im Kraftwerk speziell auch darauf vor, dass wir über einen längeren Zeitraum hier arbeiten müssen, ohne dass die Kollegen das Kraftwerk dann wieder verlassen, damit wir Infektionen vermeiden. Wir haben dafür gesorgt, dass es Unterkünfte geben wird, Betten sind schon da und es gibt Versorgungspakete, in denen alles drin ist, was man braucht, wenn man spontan übernachten muss, also Zahnbürste, Zahnpasta, Duschgel, Handtuch, es ist alles vorbereitet. Die ärztliche Versorgung ist abgesichert und natürlich auch die Versorgung mit Lebensmitteln."

Der Notfallplan sichert zuerst das Personal für die Schlüsselpositionen ab. Aber in den hochkomplexen Anlagen ist fast jede Stelle unverzichtbar. In Boxberg zum Beispiel werden vom Elektriker bis zur Leitstandsbesatzung alle 40 Leute pro Schicht gebraucht, damit das Kraftwerk funktioniert.

Trankwasser und Abwasser

Strom spielt auch bei der Versorgung mit Wasser eine wichtige Rolle. Ohne Strom würden die Pumpen und Anlagen der Wasser- und Klärwerke nicht funktionieren. Bei einem Ausfall des Netzes würden die Kläranlagen nach ungefähr sechs Stunden kippen und die Abwässer ungeklärt in Flüsse und Kanäle fließen. Doch in diesen Zeiten arbeiten auch die Wasserwerke längst im Corona-Modus, wie Ulrich Meyer, Geschäftsführer der Wasserwerke Leipzig, erklärt:

Ulrich Meyer, Geschäftsführer der Wasserwerke Leipzig
Ulrich Meyer, Geschäftsführer der Wasserwerke Leipzig Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Wir müssen die Wasserversorgung und die Wasserentsorgung auch in Krisenzeiten sicherstellen. Wir haben 150 Mitarbeiter, die mittlerweile im Homeoffice arbeiten. Das ist für viele eine neue Erfahrung, von dort aus Rohrschäden, Behebungen und Baumaßnahmen, Wartungen und Instandhaltungsmaßnahmen zu koordinieren. Das läuft aber eigentlich sehr gut. Trotzdem brauchen wir Mitarbeiter, die zum Beispiel Proben nehmen, Reparaturen im Netz durchführen oder Pumpen auswechseln. Wir haben also einfach viele Dinge händisch zu tun, und da müssen wir sicherstellen, dass auch in Corona-Zeiten ausreichend Personal zur Verfügung steht."

Über eines ist Meyer erleichtert: Trinkwasser ist kein Transporteur für Coronaviren. "Das Bundesumweltamt hat Anfang März nochmal festgestellt, dass durch Trinkwasser keine Übertragung des Coronavirus' erfolgen kann. Wir holen hier in Leipzig das Trinkwasser aus tiefen Bodenschichten mit den Brunnen nach oben. Wir haben da geschlossene Systeme mit der Aufbereitung, da ist eine Übertragung ausgeschlossen."

Das Gesundheitswesen

Die Gefahr einer Krankheitsübertragung ist im Bereich des Gesundheitswesens deutlich höher. Wie sieht es in diesem Teil der Kritischen Infrastruktur aus? Sie ist in der Corona-Krise besonders gefordert.

Patientinnen und Patienten werden in einem Krankenhaus versorgt.
Das Personal in Krankenhäusern wird derzeit am stärksten beansprucht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

2012 simulierte das Robert-Koch-Institut im Auftrag der Bundesregierung den Verlauf einer schweren Pandemie. Die Risikoanalyse ergab damals ein Katastrophen-Szenario mit einer Sterberate von zehn Prozent, einer Krisendauer von drei Jahren und 7,5 Millionen Toten in Deutschland. Das ist so mit der aktuellen Lage nicht vergleichbar. Aufhorchen lassen aber folgende Sätze: "Die hohe Zahl von Konsultationen und Behandlungen stellt sowohl Krankenhäuser als auch niedergelassene Ärzte vor immense Probleme" oder "Die medizinische Versorgung bricht bundesweit zusammen."

Für Andrew Ullmann, Professor für Infektiologie und FDP-Bundestagsabgeordneter, ist nach dieser Risikoanalyse zu wenig passiert: "Die Konsequenzen sind nicht umgesetzt worden. Das Szenario hat gezeigt, wo Schwächen sind in unserem System, wo wir eigentlich nachjustieren müssten." Seiner Ansicht nach hätte der akute Mangel an Fachpersonal und Medizinprodukten nicht so drastisch ausfallen müssen: "Mein Eindruck ist, dass wir auf diese Pandemie nicht ausreichend genug vorbereitet waren. Das haben auch andere Gremien von der WHO und der Weltbank bescheinigt: Deutschland hat in der Pandemievorbereitung nur einen mittleren Platz eingenommen."

Andrew Ullmann, Professor für Infektiologie und MdB (FDP)
Andrew Ullmann, Professor für Infektiologie und FDP-Bundestagsabgeordneter Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Gleichzeitig betont Ullmann einen Umstand, der einen Kollaps bisher mit verhindert hat: die vergleichsweise geringe Sterblichkeit: "Unsere Sterblichkeitsrate bis dato in Deutschland ist eine der besten weltweit. Wir haben eine Sterblichkeitsrate von unter einem Prozent. Ich hoffe, das kann aufrechterhalten werden. Aber das geht nur, wenn wir die kritische Struktur des Gesundheitswesens aufrechterhalten und diese Ressource auch wirklich unterstützen."

Wer aber ist vornehmlich für diese Unterstützung zuständig? Hier sieht der Infektiologe und Politiker mehrere in der Pflicht: "Letztlich ist es ja auch so, dass die Verantwortung nicht allein auf Politikerseite ist, entsprechenden Vorrat zu haben. Auch die Krankenhäuser hätten einen Vorrat über mehrere Monate aufstellen können. Nur das kostet natürlich etwas."

Ein stabiles Gesundheitssystem würde auch anderen Bereichen der Kritischen Infrastrukturen Stress ersparen, denn am Ende sind alle Sektoren von einander abhängig.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 07. April 2020 | 20:15 Uhr