Connewitz
Connewitz gilt seit Jahren für Investoren als schick. Immer mehr teure Wohnungen entstehen und verändern das Stadtviertel. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Stimmungsbild Es brodelt in Leipzig-Connewitz

Seit Wochen eskaliert die Zerstörungswut von linksradikalen Randalierern in Connewitz. Ihre Aktionen bezeichnen sie als Protest gegen den Immobilienboom und steigende Mieten im Viertel. Was halten die Anwohner davon?

Connewitz
Connewitz gilt seit Jahren für Investoren als schick. Immer mehr teure Wohnungen entstehen und verändern das Stadtviertel. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Farbbeutelattacken, Brandanschläge auf Baustellen, jüngst ein tätlicher Übergriff auf eine Mitarbeiterin einer Immobilienfirma: Linksextremisten greifen offenbar zu immer drastischeren Mitteln. Vermeintlich kommen sie aus dem Leipziger Stadtviertel Connewitz. Nach eigenen Angaben wollen sie mit ihren Aktionen gegen die dort fortschreitende Gentrifizierung ankämpfen. Connewitz hat viel Grün, bereits viele sanierte Gründerzeithäuser und ein alternatives Flair zu bieten. Das lockt seit Jahren immer weitere Investoren an, die hochpreisige Wohnkomplexe errichten.

Boom von Luxusimmobilien treibt Mietpreise hoch

Dass in Connewitz seit einigen Jahren immer mehr Luxusimmobilien gebaut werden, bekommen auch alteingesessene Mieter zu spüren. Denn das treibt auch die Bestandsmieten in die Höhe. Rainer Hartmann wohnt seit mehr als 18 Jahren in Connewitz. Wie er "exakt" sagt, wurde seine Miete in den vergangenen drei Jahren zweimal um jeweils 15 Prozent erhöht.

Rainer Hartmann
Rainer Hartmann lebt seit 18 Jahren in Connewitz. Mehrere Mieterhöhungen belasten schon sein Budget. Bildrechte: MDR/Exakt

Er befürworte den friedlichen Protest gegen diese Entwicklung. Straftaten, vermeintlich im Namen Connewitzer Mieter begangen, lehne er kategorisch ab. Mit den Gewaltaktionen, wie dem Überfall auf die Mitarbeiterin einer Immobilienfirma, würde allen geschadet, die sich gegen die Mietpreiserhöhungen einsetzen würden. An der angespannten Wohnungsmarktsituation ändere das nichts. "Obwohl alle mehr oder weniger eigenartig über Connewitz reden, sind alle Wohnungen belegt. Es ist nicht so einfach, eine bezahlbare Wohnung zu kriegen", schildert der Rentner die aktuelle Lage. Umziehen wolle er aber keinesfalls.

Über Jahrzehnte Gewachsenes muss weichen

Anne
Anne ist die Besitzerin des irish Pubs "Black Label". Dessen Freisitz musste einer Baustelle für hochpreisige Wohnungen weichen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die irische Kneipe "Black Label" hatte vor wenigen Monaten noch einen Freisitz. Jetzt sollen auch auf diesem Areal teure Wohnungen entstehen. Barbesitzerin Anne erklärt gegenüber "exakt", Connewitz sei seit Jahren eine Heimat für Menschen aus der linken Subkultur. Wut über die Gentrifizierung mache sich in der Szene breit. Die Menschen, die das Viertel zu dem gemacht hätten, was es heute sei, könnten sich die Mieten nicht mehr leisten. Den Anschlag auf die Mitarbeiterin der Immobilienfirma lehnt auch sie entschieden ab. "Ich habe mich mit vielen Leuten hier im Viertel unterhalten darüber und alle sind sich einig, dass das zu weit geht. Das ist nicht die Art, wie man mit diesem Problem umgehen sollte", betont sie. Von linken Gewalttätern fühle sich die Gastronomin nicht vertreten.

Franziska
Franziska sieht Gewalt als legitimes Mittel für Protest. Bildrechte: MDR/Exakt

"Exakt" fragt bei vielen Anwohnern im Viertel nach, wie sie die gewalttätigen Proteste gegen die Gentrifizierung finden.  Die meisten verurteilen die Anschläge. Franziska gibt sich "exakt" als eine Befürworterin zu erkennen.  "Gewalt tritt immer dann zutage, wenn sich Menschen nicht anders zu helfen wissen", sagt sie. Wenn Menschen sich in ihrer Existenz bedroht fühlen würden, passiere so etwas. "Wenn die Gesetze es nicht hergeben sich zu wehren, dann wehrt man sich wohl anders", ist ihre Schlussfolgerung - bezogen auf die derzeitige Gewaltspirale in Connewitz.

Selbsternannte "Kiezmiliz" kämpft gegen Gentrifizierung

Online hat sich eine selbsternannte "Kiezmiliz" allein zu fünf Anschlägen bekannt, die seit Anfang 2018 in Connewitz verübt wurden. Der überwiegende Teil dieser gewalttätigen Angriffe richtete sich gegen die Polizei. Die Gruppe teilte mit, auch einen Bagger angezündet und den brutalen Überfall auf die Beschäftigte einer Immobilienfirma in deren Wohnung begangen zu haben.

Nils Schuhmacher
Nils Schuhmachers Fachgebiet ist die kriminologische Sozialforschung. Eine "Kiezmiliz" müsse nicht an Personen gebunden sein, erklärt er. Bildrechte: MDR/Exakt

In Hamburg forscht Nils Schuhmacher zu Protestbewegungen und politischem Extremismus. Hinter dem Begriff "Kiezmiliz" müssten nicht unbedingt immer die gleichen Täter stehen, sagt er im Interview mit "exakt". Der Begriff sei schon in ähnlichen Konflikten, die bis in die frühen 1980er-Jahre zurückgingen, gefallen. "Insbesondere in Westberlin, Kreuzberg aber auch in Hamburg", erklärt der Forscher. Das Wort sei immer mal wieder aufgetaucht im Zusammenhang mit Aktionen der autonomen Szene.

Immobilienmanager will sich nicht einschüchtern lassen

Ulf Graichen
Ulf Graichen ist Immobilienmanager der CG-Gruppe. Deren Bauvorhaben wurde durch die Brandanschläge auf die Kräne behindert. Bildrechte: MDR/Exakt

Anfang Oktober standen auch zwei Baukräne auf einer Leipziger Baustelle in Flammen - dort wo ebenfalls neue Wohnungen entstehen sollen. Auch hier bekannten sich Linksextreme zur Tat. Nach Polizeiangaben drohten die brennenden Kräne in ein angrenzendes Wohnhaus zu fallen. Ulf Graichen ist Immobilienmanager bei der CG-Gruppe. Der Immobilienfirma, die die Arbeiten auf der Baustelle ausführen lässt. Er berichtet "exakt" von der Angst seiner Mitarbeiter, auch tätlichen Angriffen ausgesetzt zu sein. Nach Angaben von Graichen wird sich das Bauvorhaben um zwei Monate verzögern. Der Manager betont, er wolle sich nicht einschüchtern lassen.

Sachsen richtet "Soko für Linksextremismus" ein

Laut sächsischem Verfassungsschutz hat sich die Zahl konspirativ vorbereiteter, linker Straftaten in Leipzig im vergangenen Jahr verdoppelt. Der Behörde zufolge ist Connewitz der Schwerpunkt. Nach den jüngsten Gewalttaten will die sächsische Regierung die Strafverfolgung verschärfen. Eine Sonderkommission für Linksextremismus soll eingerichtet werden, um die Ermittlungsarbeit zu verbessern. Erste Konsequenzen: mehr Polizei in Connewitz und 100.000 Euro für Hinweise zum Baukran-Attentat und dem Überfall.

Baukräne
Anfang Oktober wurden diese Kräne zur Zielscheibe. Unbekannte setzten sie in Brand. Nach Angaben der Polizei drohten sie auf ein angrenzendes Wohnhaus zu stürzen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt | 13. November 2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. November 2019, 14:50 Uhr

Jüngste Ereignisse in Connewitz