Wolkenimpfung Mit künstlichem Regen gegen Überschwemmungen

Indonesien „impft“ derzeit Wolken, damit diese über dem Meer abregnen. Das Land will so Überflutungen im Landesinneren entgegenwirken. Durch das Verfahren können sowohl Niederschlagsmengen in trockenen Regionen erhöht, als auch Unwetter wie Hagel vermieden werden. Wäre diese Methode nicht die Rettung für Australien im Kampf gegen die verheerenden Buschbrände? Wir haben beim Leipziger Leibniz-Institut für Troposphärenforschung nachgefragt.

Eine Frau geht durch das Hochwasser einer überfluteten Straߟe.
Indonesien leidet unter verheerenden Überschwemmungen. Bildrechte: dpa

Mit Hilfe von künstlich erzeugtem Regen lassen sich Unwetter steuern oder Dürren beeinflussen, da die mikrophysikalischen Prozesse von Wolken verändert werden. So ist es beispielsweise möglich, sie an anderer Stelle abregnen zu lassen, als diese es in ihrem natürlichen Lauf tun würden.

Ein Mann schwimmt durch das Hochwasser einer überfluteten Straߟe in seiner Nachbarschaft.
Überflutete Städte in Indonesien Bildrechte: dpa

In Indonesien wird dies derzeit versucht, um gegen die schweren Überschwemmungen anzugehen. Die technologische Behörde BPPT teilte mit, man habe Salzfackeln über der Javasee und der Sundastraße zwischen den indonesischen Inseln in die Wolken gefeuert und damit einen Niederschlag ausgelöst. Dadurch sei weniger Regen über der Region um die Hauptstadt Jakarta heruntergekommen.

Wie der Direktor des Leipziger Leibniz-Instituts für Troposphärenforschung e.V. (TROPOS), Prof. Andreas Macke, MDR AKTUELL erklärte, werden dabei am Himmel mit Aerosolpartikeln Tröpfchen erzeugt, die am Ende als Niederschlag zur Erde fallen. In den meisten Fällen werde Silberiodid dafür verwendet. Dafür müssten die dazu notwendigen Chemikalien in den Himmel gebracht werden, um die Niederschläge auszulösen. In den meisten Fällen werden dem Forscher zufolge Flugzeuge genutzt, da diese die Stoffe in einer bestimmten Höhe und einem bestimmten Gebiet am besten und zuverlässigsten platzieren können.

Weltweite Anwendung

In den USA und in Australien oder auch Bolivien wird das Impfen von Wolken teilweise genutzt, um schwere Dürren etwas milder ausfallen zu lassen. Wolken werden dabei über Trockenzonen zum Abregnen gebracht. In China wurde die Technik eingesetzt, um Smog zu vertreiben. In Sibirien wurden im vergangenen Jahr mit der Technik mehrere Waldbrände gelöscht. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass es in der betroffenen Region Wolken gibt oder Wolken in diese Region ziehen und diese dafür auch geeignet sind.

Keine Option für Buschfeuer

Ein Känguru steht während der Buschfeuer im Flinder Chase National Park auf Kangaroo Island
Bildrechte: dpa

Die für das Wolkenimpfen notwendigen Bedingungen und die Größe des Effektes sind das Problem bei den großflächigen Buschbränden in Australien. Macke zufolge ist der Bereich um ein Flugzeug viel zu klein für derart riesige Brände. Andererseits müsse es Feuchtigkeit, Wolken und Auftrieb geben.

Eine Wolke müsse sozusagen in der richtigen Verfassung sein, um aus ihr Regen generieren zu können. Bei fehlenden Wolken oder zu großer Trockenheit sei das Vorhaben, Regen schaffen zu wollen, viel zu aufwendig, zu teuer, zu schwierig und regelrecht utopisch. Zudem habe bislang nie ganz geklärt werden können, warum diese Einsätze einmal funktionieren und einmal nicht. Man könne in der Atmosphäre auch kein Experiment zweimal machen. Die Bedingungen seien niemals exakt gleich.

"Weg ist weg"

Ein weiterer Kritikpunkt ist nach Angaben von Macke, dass Wasser, das einmal abgeregnet ist, für eine andere Region oder Stelle verloren ist. Der Wissenschaftler spricht hier von einem eindeutigen Effekt und einem einfachen Mechanismus: weg sei weg.

Allerdings würden sich derartige Versuche nicht auf große Systeme wie das Weltklima auswirken und gehörten derzeit noch zur experimentellen Wolkenforschung. Von Schmetterlingseffekten könnte man nicht sprechen, da der Wirkungskreis viel zu klein sei.

Der Schmetterlingseffekt Das Phänomen des Schmetterlingseffekts beschreibt die Auswirkungen von kleinen Änderungen auf große Systeme. Am Beispiel des Wetters fragte sich der Mathematiker und Meteorologe Edward N. Lorenz: "Kann der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Tornado in Texas auslösen?" - daher auch die Bezeichnung "Schmetterlingseffekt".

Hagelflieger im Einsatz

Neben dem Einsatz als "Regenmacher" können Flugzeuge auch als Hagelflieger genutzt werden. Diese Technik wird weltweit bei drohenden schweren Schäden durch Hagelschlag angewandt.

Tragfläche eines Hagelfliegers
An der Tragfläche eines Hagelfliegers ist ein Silberjodid-Generator angebracht. Bildrechte: dpa

So gibt es beispielsweise im Bereich um Stuttgart fünf Flugzeuge, die als Hagelflieger aufsteigen können. An den Kosten beteiligen sich unter anderem Obst- und Weinbauern sowie ein Autohersteller, der damit seine Freiluft-Parkplätze schützt.

Das Silberiodid-Azeton-Gemisch, das Hagelflieger mit speziellen Aggregaten in die Wolke sprühen, zerstäubt in Billionen von kleinen Kristallen, die sich an die feinen Wassertröpfchen "kleben" und viel Feuchtigkeit binden. So bilden sich zwar mehr Hagelkörner, dafür aber kleinere, die auf dem Flug zum Boden häufig tauen. Die Hagelflieger müssen dabei genau wissen, wo sich eine gefährliche Wolke bildet und müssen zum richtigen Zeitpunkt vor Ort sein. Stimmen die Berechnungen und Vorhersagen nicht, hagelt es trotzdem.

Die ersten Versuche

Überlegungen und die Suche nach Wegen, das Wetter zu beeinflussen, sind nicht neu. Bereits in den 1940er-Jahren untersuchten der US-amerikanische Chemie-Nobelpreisträger Irving Langmuir, der Physiker Bernard Vonnegut und Langmuirs Assistent Vincent Schaefer die Idee, dass Trockeneis und Silberiodid Niederschläge in Wolken auslösen könnten. Die Substanzen sollten als sogenannte Kristallisationskeime wirken, an denen das Wasser zu Hagelkörnern gefriert. Das war sozusagen die Geburtsstunde des "Wolken-Impfens".

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 04. Januar 2020 | 14:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Januar 2020, 06:00 Uhr