Kassenleistung Oft kommt die Hilfe bei Lipödem-Betroffenen nicht an

Seit Anfang 2020 ist ein Gesetz in Kraft getreten, das die Fettabsaugung für Menschen mit schwerer Lipödem-Erkrankung zur Kassenleistung macht. Damit hatte sich Gesundheitsminister Jens Spahn gegen den gemeinsamen Bundesausschuss von Ärzten, Ärztinnen, Kliniken und Krankenkassen durchgesetzt. Doch wie hilft das Gesetz den Betroffenen?

Einer Frau wird bei einer OP an einem Bein Fett abgesaugt.
Die Fettabsaugung für Menschen mit schwerer Lipödem-III-Erkrankung wird ab Anfang 2020 von der Krankenkasse gezahlt. Bildrechte: imago/blickwinkel

Pure Freude war die erste Reaktion von Monika Glatzel auf die Nachricht, dass die Lipödem-III-Operationen nun von der Kasse bezahlt werden. Doch schnell folgte die Ernüchterung: "Herr Spahn hat zwar gesagt, dass er uns unbürokratisch helfen will im Stadium III. Nur in der Wirklichkeit ist es überhaupt nicht so."

Kampf gegen Krankheit und Vorurteile

Monika Glatzel ist gut vernetzt. 2016 hat sie die Selbsthilfegruppe Lipödem in Halle gegründet. Heute zählt die Gruppe rund 30 Mitglieder, fast ausschließlich Frauen, denn sie sind überwiegend von der Krankheit betroffen – und von den Vorurteilen.

Lipödem sei nämlich kein Fettsein, für das Frauen etwas können, erklärt die Gründerin der Selbsthilfegruppe. "Das Lipödem ist eine Fettverteilungsstörung, die wächst und wächst und wächst ohne Zutun. Sie kann weder mit Sport noch Diäten reduziert werden. Und was noch hinzukommt, das Lipödem ist sehr schmerzhaft. Wir haben ganz viele blaue Flecken, ohne groß uns irgendwie gestoßen zu haben."

Klare Vorgehensweise

Dieses besondere Leiden der Betroffenen als auch das Risiko von Folgeerkrankungen und Infektionen hat dazu geführt, dass die Fettabsaugung von der Kasse übernommen wird. Die Entscheidung, ob eine Operation durchgeführt wird, trifft der behandelnde Arzt oder die behandelnde Ärztin.

Das Vorgehen sei klar festgelegt, sagt der Präsident der Sächsischen Landesärztekammer Erik Bodendieck: "Es müssen vorher nachgewiesenermaßen sechs Monate konservative Maßnahmen gelaufen sein. Also die physikalische Therapie, Entstauungstherapie, Bewegungstherapie, Kompressionstherapie." Erst wenn da keine Veränderung passiere, sei die Indikation zur operativen Maßnahme gegeben, erklärt Bodendieck weiter.

Schwer zu diagnostizieren

Für die Betroffenen liege hier der erste Fallstrick, findet Monika Glatzel. Denn viele Ärzte und Ärztinnen hätten ihrer Erfahrung nach Probleme mit der Diagnose. Oft sage man Betroffenen nur, sie sollten abnehmen, so Glatzel. Ärztekammerpräsident Bodendieck geht davon aus, dass die meisten Ärzte die Beschwerden der Patientinnen durchaus ernst nehmen.

Allerdings sei Lipödem-III meist mit einer Adipositas verbunden. "Und hier ist es tatsächlich so, dass bei einem höheren Body-Mass-Index von 40 eine Liposuktion nicht stattfinden darf, es müssen also zunächst gewichtsreduzierende Maßnahmen durchgeführt werden."

Nichtsdestotrotz sei Lipödem schwer zu diagnostizieren, sagt Bodendieck und gesteht, dass Ärzte und Ärztinnen hier gern andere Maßnahmen vorzögen.

Zu wenig Geld von Krankenkassen

Die Zahlen sprechen für sich: So verzeichnet die Krankenkasse BARMER bundesweit bisher lediglich 46 Fettabsaugungen bei Lipödem-III (Stand: Juli 2020). Die leitende Medizinerin Ursula Marshall verweist darauf, dass die Leistung noch recht neu sei und Erkrankung in diesem Stadium eher selten.

Monika Glatzel kritisiert dagegen, dass die Krankenkassen zu wenig Geld für die Fettabsaugung zahlen würden. Deshalb sei es schwer, Krankenhäuser zu finden, die den Eingriff durchführen. Hier fehle es an Weitblick. Denn: "Die Bestrumpfung aller sechs Monate kostet um 2.000 - 2.500 Euro, wenn man Arme und Beine betroffen hat. Und die Lymphdrainage ist so teuer über das Jahr. Die Operationen, die haben sich nach zwei drei Jahren gerechnet."

Aussagekräftige Studien fehlen

Das habe nichts mit Wirtschaftlichkeit zu tun, entgegnet Ursula Marshall von der BARMER. Allerdings müsse man auch bei diesem Eingriff Risiko und Nutzen gut abwägen: "Eine Kompressionstherapie und auch eine Lymphdrainage können, gerade in den geringeren Stadien, deutlich die Beschwerden lindern. Damit muss ich nicht das Risiko in Kauf nehmen, wenn ich das jetzt sehr überspitze, dass ich gegebenenfalls an der Fettabsaugung sterbe."

Das grundlegende Problem bei Lipödem ist, dass es weltweit an aussagekräftigen Studien fehlt, darin sind sich alle Befragten einig. Bis 2024 soll eine begleitende Studie des gemeinsamen Bundesausschuss von Ärzten, Ärztinnen, Kliniken und Krankenkassen neue Ergebnisse bringen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 13. September 2020 | 05:00 Uhr