Bei Minusgraden Immer mehr Flüchtlinge werden in Lkws nach Deutschland geschleust

Auf der Balkanroute zeichnet sich eine neue gefährliche Entwicklung ab: Flüchtlinge werden von Schleusern heimlich in Lastwagen nach Deutschland gebracht – auf tagelangen Reisen, bei eisiger Kälte. Erstaunlich oft werden dabei Flüchtlinge auf Rastplätzen auf der Autobahn 14 bei Halle entdeckt.

Drei Polizisten hocken auf dem Boden, im Hintergrund stehen drei Menschen in einer Reihe auf einem Bordstein mit unkenntlich gemachten Gesichtern
Auf der A14 entdeckt die Polizei besonders häufig Flüchtlinge in Lkws. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In der Nähe des Rastplatzes Kabelsketal an der A14 fallen einer Polizeistreife am Autobahnrand zwei Männer auf, die zu Fuß unterwegs sind. Bei ihrer Befragung geben die beiden an, dass sie aus Eritrea stammen. Nach Deutschland seien sie an Bord eines türkischen Lkws gekommen, versteckt unterm Laderaum zwischen Rädern und Straße.

Kein Einzelfall, sagt Andreas Hesse von der Bundespolizei in Magdeburg. Im vergangenen halben Jahr habe die Bundespolizei in Sachsen-Anhalt 70 Geschleuste auf Lkws entdeckt. Die Fahrzeuge waren meistens aus Rumänien. "Nach unserer Erkenntnislage ist es so, dass die Lkw-Fahrer nichts wissen". Die Geflüchteten würden meist durch Schleuser bei einem längeren Halt auf die Lkws verbracht. Die Schleuser verschaffen sich Zutritt und können dann unerkannt auf die Ladefläche.

Peter Escher 30 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die beschwerliche Zielgerade einer gefährlichen Reise

Andreas Hesse geht davon aus, dass die Flüchtlinge oft tagelang auf den Lastwagen unterwegs sind – bei Minusgraden. "So zwei bis drei Tage ohne Essen und Trinken oder wenig – da wissen Sie, wie die Menschen aussehen. Und das Leid liegt bei den Geschleusten. Die Schleusungsorganisationen verdienen damit sehr viel Geld." Die Flüchtlinge würden abgemagert aussehen, aber zum Glück hätte bisher noch keiner ärztlich behandelt werden müssen.

Die Lkw-Fahrt nach Deutschland ist für die Flüchtlinge oft nur die letzte Etappe. Zuvor seien sie meist monatelang auf dem Balkan unterwegs, erklärt Helen Deffner vom Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt. Zu Fuß, mit dem Auto, in Flüchtlingslagern und Verstecken. Viele würden zurzeit aus Syrien, Pakistan oder Ägypten fliehen, die meisten aber aus Afghanistan.

Der Grund, warum Leute von dort fliehen, liegt auf der Hand: Afghanistan ist eins der am meisten vom Krieg gebeutelten Länder der Welt, es gibt dort nahezu täglich Anschläge, die Todesrate ist wahnsinnig hoch.

Helen Deffner, Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt

Polizei geht mit internationaler Hilfe gegen Schleuser vor

Auf dem Parkplatz am Petersberg an der A14 im Saalekreis entdeckte die Polizei Mitte Januar sieben Flüchtlinge auf einem bulgarischen Lastwagen. Sechs davon stammten aus Afghanistan. Die Lkw-Fahrer würden davon fast immer erst in Deutschland etwas mitkriegen. Drei, vier Stunden nach dem Grenzübertritt machten die Fahrer eine Pflichtpause. Und dann landeten sie häufig im Saalekreis in Sachsen-Anhalt, auf einem Rastplatz an der A14, wo sich die Flüchtlinge meist mit Rufen oder Klopfen selbst bemerkbar machten, sagt Andreas Hesse.

Mit ihrem Leid würden Schleuserbanden viel Geld verdienen, erläutert Hesse. Bis zu 17.000 Euro zahlten die Geflüchteten. Die Polizei ermittele europaweit. "Wir sind dran an mehreren Organisationen", außerdem suche man nach Kooperationspartnern. "Und dann werden wir dem hoffentlich Herr werden", hofft Bundespolizist Hesse.

Corona ist zu einer weiteren Fluchtursache geworden

Möglich sei, dass die momentane Häufung der Fälle etwas mit Corona zu tun habe, erklärt Helen Deffner vom Flüchtlingsrat. Denn die Pandemie habe die Lage vor allem in Afghanistan extrem verschlechtert. Andreas Hesse fügt hinzu, dass wegen des Lockdowns der Güterverkehr zurzeit fast die einzige Möglichkeit sei, per Auto in andere Länder zu kommen. 

In Deutschland werden die Geflüchteten meist in Erstaufnahmelager gebracht und wegen illegaler Einreise angezeigt. Meist stellen sie einen Asylantrag. Bei afghanischen Asylsuchenden betrug die Bewilligungsquote zuletzt 65 Prozent.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 02. Februar 2021 | 06:00 Uhr

62 Kommentare

Sachsin vor 3 Wochen

"Immer mehr Flüchtlinge werden in Lkws nach Deutschland geschleust"

wir (Bekannte und Verwandte, Kollegen und Nachbarn), hätten gerne Familie mit Kindern, Willkommen geheißen und etwas für neue Wohnung gespendet

den vielen solo jg. Männer trauen wir weniger und gehen auf Distanz

Sachsin vor 3 Wochen

unsere Großeltern packten in den 1960er Jahren noch, bei schweren Gewittern, Überschwemmungen usw. immer Taschen mit dem nötigsten und wichtigsten Papieren, bestimmt aus Weltkriegserfahrungen - da waren die Geburtsurkunden Sparbücher und Dokumente von allen dabei, die den meisten Flüchtlingen seltsamer Weise fehlen.

dimehl vor 3 Wochen

Und noch viel früher hatten die Menschen ja noch nicht einmal einen Ofen und Kohlen... Wie weit wollen Sie in der Zeit zurückgehen ? Bedingt durch die allgemeine Entwicklung / den technischen Fortschritt haben sich zumindest für den grössten Teil der Menschen hierzulande die allgemeinen Lebensumstände über die Zeit verbessert. Das hat aber noch nichts mit Wohlstand oder gar Luxus zu tun. Jemand, der all das aufgezählte abzüglich der "Luxuskarosse" hat, evtl. sogar nur über Verbraucherkredit finanziert wg. niedrigem Einkommen, und zur Miete in einer durchnittlichen Wohnung lebt: lebt er in Wohlstand, gar im Luxus ? Was kann er denn Anderen abgeben ? Wieviele der Deutschen verfügen über keine / nicht nennenswerte Ersparnisse ? Wenn er länger arbeitslos wird, braucht er doch oft über kurz oder lang selber Hilfe.