Krankenhaus-Kapazitäten Verschobene Operationen: Kliniken nach dem Lockdown

Als in Deutschland das öffentliche Leben vor mehr als zwei Monaten wegen der Corona-Pandemie zurückgefahren wurde, mussten auch Krankenhäuser einer staatlich verordneten Allgemeinverfügung folgen. Damit wurden viele geplante Operationen verschoben, um ausreichend Betten für potenzielle Covid-19-Patienten freizuhalten. Mittlerweile werden viele dieser Eingriffe nachgeholt. Doch welche Konsequenzen hat das für die Krankenhäuser?

Anästhesisten bereiten einen Patient auf eine Operation vor
Viele der wegen Corona abgesagten Operationen werden jetzt nachgeholt. Bildrechte: dpa

So wie die meisten deutschen Krankenhäuser, musste auch das Heliosklinikum in Aue im Erzgebirgskreis aufgrund der Allgemeinverfügung die Betten-Belegung auf 60 Prozent zurückfahren. In dieser Zeit wurden im Klinikum 61 positiv auf Corona getestete Patienten behandelt, wobei die Mehrheit der Fälle moderat verlief.

Krebspatienten wurden weiter behandelt

Schwerwiegende Operationen – wie etwa bei Krebserkrankungen – sind deshalb aber nicht verschoben worden, wie Klinikgeschäftsführer Marcel Koch erklärt: "Zum einen haben wir die Krebspatienten komplett weiter so behandelt wie zu nicht Corona-Zeiten. Die sind ja oft in festen Therapieschemen. Und wir hatten in unserem Krankenhaus das onkologische Zentrum nochmal extra gesichert. Das heißt also, wir haben unverändert weiter gearbeitet. Da hatten wir gar keine Einschränkungen im eigentlichen Sinne."

Verschoben wurden Operationen, die für den Patienten innerhalb von sechs bis acht Wochen tragbar waren, zum Beispiel im Bereich von Endoprothesen oder kosmetische Operationen.

Allgemeinverfügung gilt weiterhin

Mittlerweile ist der Regelbetrieb in den OP-Sälen wieder hochgefahren worden, was aber nicht bedeute, dass mit einem Mal alle Eingriffe nachgeholt werden und das Personal Überstunden mache, sagt Klinik-Chef Koch.

Überstunden müssen sie nicht machen. Wir haben eine relativ große Klinik mit vielen Operationssälen. Was wir jetzt gerade tun, ist, alle unsere OP-Kapazitäten voll auszunutzen. Manche von den Mitarbeitern, die jetzt gerade im OP eingesetzt sind, hatten Freiräume. Bei ihnen kam es eher dazu, dass sie Überstunden abgebaut haben.

Marcel Koch Klinik-Chef

Es gebe momentan auch kein OP-Programm, das überbordend sei, denn die Allgemeinverfügung gelte nach wie vor. Und die besagt, dass Krankenhäuser weiterhin für den Ausbruch einer weiteren Corona-Infektionswelle gerüstet sein müssen.

Regionale Unterschiede der Klinikauslastung

Nach Ansicht der Krankenhausgesellschaft Sachsen ist die Lage regional sehr unterschiedlich. Das hänge vor allem davon ab, wie viele Corona-Patienten in den einzelnen Häusern behandelt werden müssen oder mussten, erklärt Sprecher Friedrich München.

Es gebe Krankenhäuser, die zu 70 bis 80 Prozent am Netz gewesen seien, andere wurden vollständig heruntergefahren: "Da ist sicherlich das Leistungsgeschehen sehr unterschiedlich. Von verschiedenen Herzzentren wissen wir, dass 30 Prozent weniger Leistungen oder Fälle bearbeitet wurden. Wir gehen davon aus, dass es jetzt wieder vermehrt Operationen gibt, die nachgeholt werden. Das kann schon zu einer Belastung der Mitarbeiter führen."

Gesundheitliche und ökonomische Folgen

Nicht nur die gesundheitlichen Folgen für die Patienten sind schwer abschätzbar – auch die ökonomischen Folgen für die Kliniken. Mit verlässlichen Zahlen dazu sei frühestens Ende des Jahres zu rechnen, so die Krankenhausgesellschaft. Was sich aber abzeichne, sei ein Systemwandel im Gesundheitswesen.

Das zumindest meint Jürgen Wasem, Professor für Medizinmanagement an der Universität Duisburg-Essen: "Wir haben in Deutschland seit langem den Eindruck, dass wir zu viel operieren, auch im internationalen Vergleich. Jetzt haben sich die Leute zurückgehalten, auch die einweisenden Ärzte haben sich zurückgehalten. Ich denke, jetzt wird sich ein Teil der Maßnahmen erledigt haben, weil wenn man behutsamer ist, konservativer ist, nicht so viel gemacht werden muss. Fest steht, was die Eingriffshäufigkeiten angeht, an Knie, an Hüfte, Linksherzkatheter – da sind wir ganz weit vorne im europäischen Vergleich. Und das liegt sicherlich an den finanziellen Anreizen, die wir gegeben haben."

Deutschland sei durch die Corona-Krise am Beginn einer Diskussion, wie die Krankenhauslandschaft künftig aufgestellt sein soll. Dabei müsse vor allem die Frage geklärt werden, ob die Kliniken Reserve-Kapazitäten für Epidemien grundsätzlich bereithalten sollen oder nicht.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 01. Juni 2020 | 10:13 Uhr

11 Kommentare

Bernd1951 vor 6 Wochen

Zur Verwendung von englischen Worten in unserer Muttersprache gilt für manche Übernahmen nach wie vor der Satz:
My English is not the yellow of the egg.

MDR-Team vor 6 Wochen

Hallo wwdd, diese Verfahrensweise sollte nicht suggerieren, dass andere Leiden, Krankheiten und damit verbundene notwendige Operationen nicht schlimm wären. Deutschland und auch andere Länder bzw. dessen Regierungen haben Maßnahmen finden müssen, um mit der Ausbreitung des Corona-Virus umzugehen. Dass es dabei Kompromisse gibt und auch Entscheidungen getroffen wurden, die im Nachgang kritisiert werden können, bleibt bei derartigen Szenarien selten aus. Liebe Grüße aus der MDR.de-Redaktion

Auf der Sonnenseite des Lebens vor 6 Wochen

warum will mir keiner die Frage beantworten, wieviele sind verstorben weil sie nicht oder zu spät operiert wurden?

sind das mehr oder weniger, diue an der Grippe verstorben sind?