Lockerungen nach dem 10. Januar fraglich So lange könnte der Lockdown in Mitteldeutschland dauern

Deutschland fährt seit Mittwoch das öffentliche Leben herunter, in Sachsen war es schon Montag soweit. Vorerst soll der Lockdown bis zum 10. Januar dauern. Doch Wissenschaftler gehen von einer Verlängerung aus – zumindest in einigen Regionen.

Die Semperoper mit dem leeren Theaterplatz wird am frühen Morgen von Straßenlaternen eingerahmt.
Leerer Theaterplatz in Dresden: In einigen Regionen könnte es bis Ende Januar dauern, bis die Neuinfektionen deutlich gesunken sind. Bildrechte: dpa

Bereits zum Ende des Sommers deutete sie sich an: Die zweite Coronawelle. Im November kam schließlich der sogenannte Lockdown-Light, Mitte Dezember zog die Politik die Notbremse. Vorerst bis zum 10. Januar wird das öffentliche Leben weitgehend heruntergefahren. Doch: In den besonders stark betroffenen Regionen könnte der Lockdown deutlich länger dauern. "Die Vorstellung, dass es ab 10. Januar wieder zu umfangreichen Lockerungen kommt, ist unrealistisch – gerade in den stark betroffenen Regionen", sagte Markus Scholz dem MDR. Scholz ist Professor für Genetische Statistik und Systembiologie am Institut für medizinische Informatik, Statistik und Epidemiologie an der Uni Leipzig.

"Beim Lockdown im Frühling haben wir gesehen, dass sich die Zahlen der Neuinfektionen etwa alle zwei Wochen halbiert haben", sagt Scholz. Für die besonders stark betroffenen Landkreise im Osten Sachsens mit einer Inzidenz von um die 500 oder sogar 600 würde das also bedeuten: Der strenge Lockdown müsste mindestens bis Ende Januar dauern, damit sich die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 auf sieben Tage gerechnet zumindest in der Nähe eines Wertes von 50 bewegt. Das ist die politisch angepeilte Marke.

Inzidenz von höchstens 50 ist Zielmarke

Allerdings hält Scholz die Marke von 50 immer noch als zu hoch angesetzt, um wirkliche Lockerungen zu ermöglichen. Zudem gebe es in den kommenden Wochen Unabwägbarkeiten: "Jetzt haben wir Winter und die Menschen verbringen mehr Zeit drinnen, zwischendurch kommen noch Weihnachten und Silvester", warnt Scholz.

Eine Inzidenz von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner pro Woche hatten Bund und Länder bei ihrem Treffen am Sonntag erneut als Zielmarke ausgegeben. Eine Inzidenz von 50 wird laut Wissenschaftlern mindestens benötigt, um effektiv Kontakte von Infizierten nachverfolgen zu können.

Markus Scholz, Uni Leipzig Institut für Medizinische Informatik, Statistik und Epidemiologie
Markus Scholz ist Wissenschaftler an der Universität Leipzig. Bildrechte: Uni Leipzig

Die Politik habe sehr spät gehandelt und sich dadurch "in eine Sackgasse manövriert", kritisiert Markus Scholz. Die erste Welle sei gut gemanagt, doch das sei verspielt worden. Scholz wird deutlich: "Wir haben die Kontrolle über die Pandemie verloren", sagt er. Wir beobachten den Aufbau der zweiten Welle schon seit rund Juli/August. Die Maßnahmen Anfang November kamen deshalb schon spät. Bereits Mitte November sei dann klar gewesen, dass der Lockdown Light nicht reiche. Das habe aber Folgen. "Je später man reagiert, desto geringer ist die Bremswirkung", sagt Scholz. Und umso länger müsse ein Lockdown wiederum dauern.

Wie gut wirken die Corona-Maßnahmen?

Auch andere Wissenschaftler sind verhalten. Jan Fuhrmann simuliert am Forschungszentrum Jülich mögliche weitere Verläufe der Pandemie. Fuhrmann geht von fallenden Zahlen ein bis zwei Wochen nach Beginn des Lockdowns aus. "Um durch einen dreiwöchigen Lockdown von 500 neu gemeldeten Fällen pro Woche und 100.000 Einwohner auf 50 zu kommen, müssten die Kontaktreduktionen dabei schon sehr drastisch sein", schrieb Fuhrmann dem MDR. Allerdings sei nicht klar, ob möglicherweise in den vergangenen Tagen schon Kontakte reduziert worden seien und weniger Ansteckungen stattgefunden hätten. "In diesem Fall könnten die Zahlen schon früher sinken."

Viel hängt also nun davon ab, wie sehr sich die Menschen an die Kontaktbeschränkungen halten. Die Rechnung vor allem von Markus Scholz zeigt aber auch: In weniger betroffenen Regionen wie den Städten Leipzig und Magdeburg oder dem Altmarkkreis Salzwedel könnten Lockerungen deutlich früher in Kraft treten als in vielen Regionen Sachsens oder im Süden Thüringens.

Regionale Beschränkungen

Dass regionalisierte Maßnahmen nötig sein werden, prognostiziert auch Viola Priesemann vom Max-Plank-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen. Sie sagte dem MDR, Ziel sollte sein, dass die Wocheninzidenz in den Bundesländern klar unter 35 oder 50 liege. In den meisten Bundesländern könne das gelingen. "Für alle Bundesländer und alle Landkreise, die nicht klar unter der Grenze von 50 sind, muss man aus wissenschaftlicher Sicht den Lockdown verlängern oder verschärfen. Ansonsten verpuffen die Maßnahmen. Außerdem gefährden Regionen mit hohen Fallzahlen die Kontrolle und Sicherheit in den Nachbarregionen", sagt Priesemann.

Ein Hinweisschild zur Schließung hängt am Abend vor dem Lockdown an einem Geschäft in der Schlossstraße in Berlin-Steglitz.
Wann Läden wieder öffnen dürfen, ist bisher unklar. Bildrechte: dpa

Wie stark die Zahlen sinken, könne noch nicht genau abgesehen werden. Werde ein R-Wert (Wert, der anzeigt, wie viele weitere Menschen ein Infizierter ansteckt) von 0,7 erreicht, dann würden die Fallzahlen nach den ersten 10 Tagen um einen Faktor 2 je Woche sinken. "Für die meisten Landkreise würde das bis zum 10. Januar also reichen, aber wahrscheinlich nicht für alle", sagt sie. Die Fallzahlen müssten allerdings überall deutlich unter 50 gebracht werden. "Wir wissen, bei niedrigen Fallzahlen ist die Eindämmung leichter." Das waren die Ergebnisse einer Studie, die Priesemann kürzlich zusammen mit Kollegen veröffentlicht hatte.

Bund und Länder für Hotspotstrategie

Anfang Januar wollen Bund und Länder über Lockerungen der Coronabeschränkungen beraten – oder eben eine Beibehaltung des Lockdowns beschließen. Dass die Beschränkungen vorerst bis zum 10. Januar gelten, hat rechtliche Gründe. Laut Infektionsschutzgesetz haben die einzelnen Verordnungen jeweils nur eine Gültigkeit von vier Wochen. Letztlich könnte es für die Zeit danach auf regionale Beschränkungen hinauslaufen, betroffen davon wären wohl neben Teilen Sachsens und Thüringens auch einige Regionen im Süden und Westen Deutschlands.

Nach der Telefonkonferenz Mitte Dezember zwischen Bund und Ländern hatte die Bundesregierung betont, "dass über die gemeinsamen Maßnahmen hinaus gemäß der Hotspotstrategie in allen Hotspots ab einer Inzidenz von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern pro Woche sofort ein konsequentes Beschränkungskonzept regional umgesetzt werden muss. Bei weiter steigendem Infektionsgeschehen sind zusätzliche Maßnahmen erforderlich."

Grundlage für die Entscheidung wird voraussichtlich vor allem die Zahl der Neuinfektionen sein. Viola Priesemann sieht darin aber ein Problem. Denn über Weihnachten gebe es zwei Schwierigkeiten: "Das Kontaktverhalten ändert sich sicherlich, aber gleichzeitig wird das Testen sich auch verändern. Die berichteten Neuinfektionen werden wahrscheinlich Anfang Januar schwer zu interpretieren sein." Letztlich lasse sich derzeit nicht vorhersagen, wie der Lockdown diesmal wirken wird – und welchen Einfluss Weihnachten habe.

Langfristige Corona-Strategien

Markus Scholz von der Uni Leipzig setzt für die kommenden Monate auf zusätzliche Schnelltests – die mit Anleitung auch jeder selbst durchführen könne – und bessere Masken sowie auf die Impfungen. Allerdings würden diese vorerst nur wenige, besonders vulnerable Gruppen schützen. Auch gebe es noch Möglichkeiten zur Verbesserung der Effizienz der Nachverfolgungen durch die Gesundheitsämter.

Ein Hauptproblem sieht Scholz darin, dass bei rund 80 Prozent der Infektionen nicht klar sei, wo sich die Menschen angesteckt hätten. Er forderte deshalb, auch die Berufe von Infizierten zu erheben. "Die anonymisierten Daten könnten wir dann nutzen, um besser zu verstehen, wo sich die Menschen anstecken", sagt Scholz.

Priesemann: Kontakte langfristig reduzieren

Die Datenlage würde bisher darauf hinweisen, dass zuerst kleinere Geschäfte wieder öffnen könnten. Diese trügen kaum zum Infektionsgeschehen bei. Unterschätzt werden sollte laut Scholz vor allem nicht die Infektionsgefahr an Schulen. Dort gebe es um ein Vielfaches mehr Ansteckungen als bei der ersten Welle. Klassen müssten aus epidemiologischer Sicht deshalb halbiert, mehr Schulbusse eingesetzt und Tests ausgeweitet werden.

Viola Priesemann will keine genauen Empfehlungen abgeben, wo das öffentliche Leben als erstes wieder ermöglicht werden soll. Das sei eine Abwägung von Gütern und Notwendigkeiten. Klar sei nur, dass die Bevölkerung auch bei niedrigen Infektionszahlen nach dem Lockdown langfristig rund 40 Prozent der Kontakte vermeiden müsse, um die Pandemie langfristig unter Kontrolle zu behalten. Sollten die Infektionszahlen dagegen weiter hoch bleiben, müssten über einen längeren Zeitraum sogar 60 Prozent der Kontakte eingeschränkt werden.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 17. Dezember 2020 | 11:00 Uhr