Mauersegler Malte
Komplizierte Operationen helfen dem kleinen Mauersegler. Bildrechte: Eva Brendel, Mauerseglerklinik Frankfurt/Main

Bundestierschutzgesetz Warum darf Antitaubenpaste verkauft werden?

Malte ist ein kleiner Mauersegler aus Dresden. Das letzte Jahr verbrachte er jedoch in der Mauerseglerklinik in Frankfurt am Main. Dort musste er warten, dass ihm ein neues Gefieder wuchs, denn das alte war hoffnungslos verklebt. Durch eine Paste, mit der eigentlich Tauben vertrieben werden sollen. Er bekam 23 neue Schwungfedern eingesetzt. MDR AKTUELL-Hörerin Ines Tschirnhorsky, die den Mauersegler hilflos in ihrem Garten fand, möchte wissen, warum das Mittel überhaupt zugelassen ist.

von Frank Ludwig, MDR AKTUELL

Mauersegler Malte
Komplizierte Operationen helfen dem kleinen Mauersegler. Bildrechte: Eva Brendel, Mauerseglerklinik Frankfurt/Main

Zunächst einmal: Ganz klar, wenn sich ein Vogel mit dieser Paste die Flügel verklebt und deshalb Schaden nimmt, verstößt das gegen das Tierschutzgesetz. Handelt es sich dabei um eine geschützte Vogelart, kommt ein Verstoß gegen das Artenschutzgesetz hinzu. Wenn es sich um eine vorsätzliche Straftat handelt, kann das mit bis zu drei Jahren Haft geahndet werden. Nun sollen durch diese "Taubenabwehrpaste" eigentlich keine Vögel zu Schaden kommen, sie sollen so lediglich vergrämt werden.

Bei korrekter Anwendung könne auch nichts passieren, schreibt einer der Hersteller beziehungsweise Anbieter im Internet. Anfragen von MDR AKTUELL wurden leider nicht beantwortet.

Nabu spricht von "wahllosem Töten"

Also fragten wir nach beim Nabu Leipzig. Jahrelang haben die Naturschützer die Sache untersucht, den Einsatz der Paste und die Folgen dokumentiert. Das bedenkliche Fazit laut Nabu-Chef René Sievert: "Man muss leider sagen, dass es da, wo es eingesetzt wird, immer zu diesen Folgen kommt. Früher oder später verklebt sich da ein Vogel, es sind auch geschützte Insekten betroffen und Fledermäuse. Das haben wir festgestellt, es ist ein wahlloses Töten."

Mauersegler Malte
Mauersegler Malte mit verklebten Flügeln Bildrechte: Eva Brendel, Mauerseglerklinik Frankfurt/Main

Das wird mittlerweile auch von den Behörden immer ernster genommen. Für die Stadt Dresden beispielsweise, als im konkreten Fall zuständige untere Naturschutzbehörde, stellt Pressesprecher Kai Schulz klar: "Der Einsatz der sogenannten Taubenabwehrpaste ist natürlich untersagt. Das ist Tierquälerei. So etwas wird bestraft. Im Tierschutzgesetz sind dort bis zu 25.000 Euro Strafe vorgesehen."

Justiz: Beweisführung ist schwierig

Auch die Justiz beginnt das Thema zu beschäftigen. In Dresden geht die Staatsanwaltschaft einer Strafanzeige nach, die gestellt wurde, nachdem Mauersegler Malte sich zum zweiten Mal das Gefieder verklebt hatte.

Eine Entscheidung steht noch aus, aber prinzipiell, warnt Oberstaatsanwalt Jürgen Schmidt schon einmal: "Eine Ordnungswidrigkeit begeht man eigentlich fast immer, wenn man das aufbringt. Ob noch eine Straftat dazu kommt, muss man in jedem Einzelfall sehr sorgfältig prüfen."

Problem: Im Einzelfall vor Gericht nachweisen, wo sich ein verletzter oder toter Vogel genau das Gefieder verklebt hat, sei im Grunde ein Ding der Unmöglichkeit, konstatiert der Leipziger Rechtsanwalt Andreas Lukas aus eigener Erfahrung. Denn: "Man kann dem eigentlich nur so begegnen, dass man eine Videoüberwachung von den Vögeln machen würde, die sich dort niederlassen und dann mit einem Fotovergleich die Vögel identifiziert."

Jetzt ist die Politik gefragt

Eine Nadel im Heuhaufen wäre ungleich einfacher zu finden. Aus Sicht von Anwalt Lukas muss die Paste überhaupt aus dem Verkehr gezogen werden: "Der erste Schritt wäre, dass der Bundestag das Tierschutzgesetz dahingehend ändert, dass eine Verordnungsermächtigung für das Landwirtschaftsministerium erlassen wird. Der zweite Schritt wäre, dass das Landwirtschaftsministerium eine solche Verordnung erlässt, wonach diese Abwehrpasten verboten sind." Ein Verbot, das dann die Bundesländer übernehmen könnten.

Vor einigen Jahren gab es schon mal einen zaghaften Versuch im zuständigen Bundesministerium, den Verkauf zu untersagen. Er scheiterte an einem juristischen Formfehler. Und so dürfen diese Vogelabwehrpasten, die übrigens, und man glaubt es kaum, vom Umweltbundesamt zur Nutzung freigegeben werden. Also dürfen sie weiter angeboten und verkauft werden. Und das, obwohl ihre Anwendung für Vögel fatale Folgen haben und für den Anwender richtig teuer werden kann.

Mauersegler Malte
Abschiedsfoto von Mauersegler Malte in Frankfurt/Main Bildrechte: Eva Brendel, Mauerseglerklinik Frankfurt/Main

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 05. Juni 2019 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Juni 2019, 05:00 Uhr

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