Pharmaindustrie Das Geschäft mit Patentarzneimitteln

Bei der altersbedingten Makuladegeneration kommt oft das Medikament Lucentis zum Einsatz. Eine Zulassung für das viel günstigere Avastin, das wirkstoffgleichwertig ist, fehlt. Dessen Hersteller verdient an Lucentis mit!

Auge
Im Falle von Lucentis und Avastin beträgt der Kostenunterschied bei einer einzelnen Augenbehandlung mehr als 1.000 Euro. Bildrechte: colourbox

1.262 Euro für eine Behandlung mit dem Medikament Lucentis waren auf einer Arztrechnung von Privatpatient Andreas Rummel vermerkt. Dem 63-Jährigen war eine Spritze mit dem Medikament verabreicht worden, um gegen seine altersbedingte Makuladegeneration anzukämpfen, welche zur Erblindung führen kann.

"Da bin ich erschrocken, wo ich die erste Rechnung bekommen habe", erklärt Andreas Rummel. Er erkundigte sich nach Alternativen und bekam die Empfehlung, es einmal mit dem Arzneimittel Avastin zu versuchen. Auch hier bekam er beim Blick auf die Rechnung danach große Augen - aber wegen der gewaltigen Kostenersparnis.

Andreas Rummel
Andreas Rummel ist Privatpatient und bekommt so die Posten auf der Arztrechnung zu Gesicht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Für eine Spritze Avastin wurden nur 45 Euro veranschlagt. "Ich hatte mal ausgerechnet: Bei 18 Spritzen, die ich dieses Jahr bekomme, sind es ca. 20.000 Euro", so Rummel. Millionen Menschen leiden in Deutschland an einer Degeneration der Makula und damit einem Abbau der Funktionsfähigkeit der Netzhautmitte. Etwa zwanzig Prozent der Patienten leiden an der feuchten Form – hier helfen die Medikamente.

Die altersbedingte Makuladegeneration (AMD)

Makula ist die medizinische Bezeichnung für die Netzhautmitte und die Stelle des schärfsten Sehens im Auge. Makuladegeneration heißt, dass sich in diesem Bereich ein Verfall, ein Abbau der Funktionsleistung einstellt. Die altersbedingte Makuladegeneration verursacht keinerlei Schmerzen. Viele Betroffene merken die Veränderungen zum Beispiel beim Lesen. In der Mitte des Sichtfeldes verschwimmen die Buchstaben. In einem späteren Stadium erkennt der Betroffene beispielsweise gerade Linien als Wellenlinien, oder das Zentrum des Gesichtsfeldes erscheint leer oder als grauer Fleck. Allerdings bleibt der äußere Bildrand zur groben Orientierung intakt. Das bedeutet, die Patienten können den Kopf eines Menschen sehen, dessen Gesicht aber nicht mehr erkennen.

Es gibt zwei Ausprägungen der Makuladegeneration: die trockene und die feuchte Form. In bis zu 20 Prozent der Fälle entwickelt sich die feuchte Form der Makuladegeneration. Sie ist aggressiver und schreitet deutlich schneller voran. Von "feucht" sprechen die Mediziner, weil in die Netzhaut krankhafte Blutgefäße einwachsen, deren Gefäßwände undicht sind. Flüssigkeit und Blutbestandteile treten aus. Der Körper steuert gegen und lässt die Miniwunden vernarben, was zu einer Zerstörung der empfindlichen Nervenschicht der Netzhaut führt. Bei dieser Verlaufsform kann innerhalb kurzer Zeit ein massiver Sehverlust eintreten. Nur bei der feuchten Form der Makuladegeneration kommt das Wirkprinzip von Lucentis bzw. Avastin zum Einsatz. Bei dieser Verlaufsform kann innerhalb kurzer Zeit ein massiver Sehverlust eintreten.

Die Mehrheit aller Betroffenen erkrankt an der trockenen Form. Dabei lagern sich am Punkt des schärfsten Sehens Abfallprodukte aus dem Stoffwechsel (Drüsen) ab und zerstören die Sehzellen. Der Verfall schreitet bei dieser Form aber sehr langsam und über viele Jahre voran und es gibt Möglichkeiten, den Krankheitsverlauf mit verschiedenen Behandlungen zu beeinflussen.

Auf den Wirkstoff kommt es an

Das teurere Produkt "Lucentis" stammt vom Novartis-Konzern, das billigere "Avastin" vom Pharmakonzern Roche. Entwickelt wurden sie beide aus dem selben Antikörper, erklärt Professor Bernd Mühlbauer, der auch Vorstandsmitglied der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft ist. Schaue man sich die Moleküle an, fehle nur ein kleiner Teil von dem Molekül. Das sei bei der Bewertung vernachlässigbar. "Sie sind identisch, und so muss man sich nicht wundern, dass sie gleich wirken und gleich sicher sind!", betont der Direktor eines Instituts für Klinische Pharmakologie am Klinikum Bremen Mitte.

Der Novartis-Konzern, der Lucentis in Europa vertreibt, betont, dass das Gegenteil der Fall sei: Es bestehe ein wesentlicher Unterschied auf molekularer Ebene, Wirksamkeit und Risikoprofil seien deshalb keineswegs gleichwertig.

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Günstigeres Avastin hat keine Zulassung

Vor rund 15 Jahren war Avastin das erste Präparat mit dem extrem erfolgreichen neuen Wirkprinzip gegen die altersbedingte Makuladegeneration. Dabei war Avastin eigentlich ein Krebsmedikament und für diese Behandlung gar nicht gedacht. Das auf dem selben Wirkprinzip beruhende Lucentis kam erst danach auf den Markt. Obwohl die Wirkung von Avastin bekannt ist, hat es bis heute keine Zulassung.

Avastin-Hersteller verdient durch Patent an Lucentis mit

"Der Hersteller hatte überhaupt kein Interesse daran, das zuzulassen, weil er über Patentrechte indirekt der Besitzer auch von Lucentis ist", erklärt Mühlbauer. Denn das würde ihm das Geschäft am lukrativen Lucentis kaputt machen, wenn er sein eigenes Präparat Avastin zu einem viel günstigeren Preis zugelassen hätte. Für Mühlbauer ist das "reine finanzielle Gier" und "ein wirklich sehr unmoralisches Beispiel, was tatsächlich führend ist in den letzten zehn, 20 Jahren der pharmazeutischen Entwicklung". Und so verdienen aktuell Roche und Novartis mit dem teuren Lucentis Geld.

Professor Bernd Mühlbauer
Bernd Mühlbauer ist Vorstandsmitglied der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Roche-Konzern teilt auf FAKT-Nachfrage schriftlich mit, dass er die ursprüngliche Herstellerfirma von Lucentis im Jahr 2009 übernommen habe. Damals hatte diese Firma bereits Verträge mit Novartis zur Vermarktung von Lucentis, aber nur außerhalb der USA. Was bedeutet, man hat die Märkte aufgeteilt, und so verdienen beide Firmen mit dem  teuren Lucentis Geld. Jeder sei für seine Region allein verantwortlich, heißt es in der Stellungnahme von Roche.

Avastin kann auch ohne Zulassung zum Einsatz kommen

Doch ist auch das nicht zugelassene Avastin im Einsatz. Das ist möglich durch Verträge, die viele Krankenkassen mit bestimmten Verbänden der Augenchirurgen abgeschlossen haben.

Eva Hansmann
Eva Hansmann ist die Geschäftsführerin des Bundesverband Deutscher OphthalmoChirurgen (BDOC). Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das sei auch auf Druck vieler verärgerter Augenchirurgen geschehen, die nicht auf das neue teurere Medikament angewiesen sein wollten, sagt Eva Hansmann, die Geschäftsführerin des Bundesverband Deutscher OphthalmoChirurgen (BDOC). So seien "Selektivverträge" entwickelt worden, die es den Ärzten ermöglichten, zwischen dem schon erprobten Avastin oder dem zugelassenen Medikament zu wählen.

Krankenkassen bezahlen weiterhin das teurere Lucentis

Auf FAKT-Nachfrage gaben nur drei Krankenkassen Auskunft über den Abrechnungsposten Avastin - Im Verhältnis zu Lucentis. Die AOK Plus, tätig in Sachsen und Thüringen, gab an, solche Selektivverträge nicht abzuschließen. Der Anteil an Avastin gehe gegen null.

Die AOK Sachsen-Anhalt und die AOK Baden-Württemberg bestätigten, solche Verträge zu haben, der Avastin-Anteil läge bei der AOK Sachsen-Anhalt bei 26,6 Prozent und bei der AOK Baden-Württemberg bei 68 Prozent. Die AOK Plus gab hier für einen Wirkstoff also wesentlich mehr Geld aus, die anderen sparten durch ein billiges, aber gleichwertiges Medikament.

Pharmakologe sieht Staat in der Pflicht

"Die eine Kasse verhandelt so, und die andere irgendwie anders. Das sieht man auch an verschiedenen Anwendungshäufigkeiten in verschiedenen Regionen. Was immer ein Argument ist, ist die Sache mit der Haftung für Arzneimittelrisiken", erklärt Pharmakologe Bernd Mühlbauer. Doch hier sieht er hier einen Handlungsspielraum für den Staat, den dieser nicht nutze. Der Staat könnte hier die Haftung übernehmen, wie er das bei Impfungen tue. "Das ist keine neue Erfindung, sondern das könnte man mit den bestehenden Gesetzen durchaus machen", so Mühlbauer.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 30. Juni 2020 | 21:45 Uhr