Archäologische Funde Immer mehr Raubgräber in Sachsen-Anhalt unterwegs

Weil ein Mann aus Querfurt eine 3000 Jahre alte Bronzetasse gefunden und sie auf einer Internetplattform zum Verkauf angeboten hatte, wird ihm ab Dienstag am Amtsgericht Merseburg der Prozess gemacht. Bei einer Verurteilung drohen ihm bis zu drei Jahre Haft wegen Unterschlagung von Artefakten. Er beruft sich darauf, die Tasse nicht in Sachsen-Anhalt gefunden zu haben, sondern in Bayern. Dort kann im Gegensatz zu Sachsen-Anhalt mit archäologisch wertvollen Funden gehandelt werden.

Mit selbstgebautem Metalldetektor sucht ein Schatzräuber nach antiken Kulturgütern im Boden
Raubgräber richten häufig große Schäden an den Ausgrabungsstätten an. (Symbolbild) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Himmelsscheibe von Nebra, eine bronzene Scheibe, auf der Mond, Sterne und vermutlich ein Boot in Gold aufgetragen sind. Wissenschaftler schätzen ihr Alter auf 3.600 Jahre, womit sie die älteste Himmelsdarstellung ist. Zu sehen ist sie im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle.

Doch die Scheibe ist oben links eingerissen. Spuren der Raubgräber, die die Scheibe vor mehr als zwanzig Jahren bei Nebra ausgegraben hatten.

Dreharbeiten von Lexi-TV im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle, anlässlich 15 Jahre Erforschung der Himmelsscheibe von Nebra. 1 min
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Mi 03.07.2019 15:29Uhr 01:00 min

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Schaden an Grabstätten

Der Schaden, den solche Raubgräber anrichten, sei immens, einfach weil sie nicht erkennen würden, was sie da gerade finden, erklärt Susanne Friederich, Abteilungsleiterin für Bodendenkmalpflege im Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt. Und dabei gehe es nicht nur um das Einzelstück, sondern um den ganzen archäologischen Fundort: "Denn wenn wir auf eine archäologische Grabung schauen, dann sieht der Laie ja erst einmal nichts. Das ist beispielsweise hier im südlichen Sachsen-Anhalt ein heller Lößboden. Und man fragt sich, warum die Archäologen Schnüre spannen und in den Boden eingreifen."

Diese schwachen Verfärbungen im Boden, die ein Laie in der Regel nicht erkenne, sondern nur ein archäologisch geschultes Auge, würden vom Landesamt untersucht, erklärt Friedrich: "Und genau diese Möglichkeit geht uns verloren, wenn man nur per Metallsonde einem Piepsgeräusch nachgeht und mit dem Spaten in den Boden sticht." Und damit möglicherweise das kulturelle Erbe zerstöre.

Zwei Typen von Raubgräbern

Friederich hat zwei Typen von Raubgräbern ausgemacht: Die einen, die nachts und am Wochenende mit dem Spaten zu archäologischen Ausgrabungsstätten gehen und dort illegal graben würden. Und die, die sich mit Metalldetektoren ausgestattet über den Acker bewegen und nach wertvollen Schätzen suchen.

Wie groß die Szene ist, wisse man zwar nicht, sehr wohl aber, dass die Raubgräberei zugenommen habe, sagt die Abteilungsleiterin für Bodendenkmalpflege. Das bestätigt auch das Landeskriminalamt Sachsen-Anhalt dem MDR schriftlich. Oft hätten es diese Personen auf militärische Fundstücke abgesehen oder eben archäologische Funde, berichtet Friedrich.

Tätersuche im Internet und an den Ausgrabungsstätten

Vernetzt ist die Szene nach ihren Worten über soziale Medien. Verkaufe fänden dort aber auch auf Internetmarktplätzen statt. Doch die Ämter hätten sich personell verstärkt, um an geraubte Fundstücke zu kommen.

So schauten sich zum einen ehrenamtliche Mitarbeiter auf Internetplattformen um. In anderen Fällen werde das Landesamt von externen Institutionen angesprochen: "Da gab es auch schon einen Fall im letzten Jahr, dass wir aus einem ganz anderen Bundesland informiert wurden: 'Ich habe im Netz etwas gesehen, und da ist der Hinweis auf Sachsen-Anhalt'", erzählt Friedrich.

Und der zweite Weg sei, "dass man die Sondengänger, Raubgräber oder wie wir auch immer die Menschen nennen möchten, im Gelände sehen". Entweder würde das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie die Täter selbst auf frischer Tat ertappen oder in den meisten Fällen seine ehrenamtlich Beauftragten, die ein bestimmtes Gebiet in Wohnortnähe beobachten würden.

Ungereimtheiten würde sie dann sofort an die Behörden melden, sagt Friedrich. Denn in Sachsen-Anhalt gilt: Wenn das im Boden Gefundene keinen Besitzer hat, gehört es dem Land. Hierbei arbeite die Landesdenkmalbehörde eng mit dem Landeskriminalamt zusammen. Jeder Fall werde an das LKA gemeldet, das dann gemeinsam mit den Gerichten den Fall untersuche. Nahezu alle angezeigten Fälle von Raubgräberei seien aufgeklärt worden, heißt es in dem Schreiben des LKA an den MDR. Die Dunkelziffer sei jedoch hoch.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 22. September 2020 | 05:00 Uhr