Leipzig Steigende Mieten: Geringverdiener bangen um ihre Wohnungen

Die Mieten in den meisten Großstädten steigen. Besonders in beliebten Vierteln wie zum Beispiel der Leipziger Südvorstadt. In der hiesigen Kochstraße harren einige letzte Mieter aus – mit Kohleöfen und Fenstern aus den 50er-Jahren. Sie wollen verhindern, dass die Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft, LWB, die Miete nach der Sanierung sprunghaft anhebt. Der Vorwurf: Die städtische Tochter beteilige sich an dem Mietenwahnsinn – und an der sozialen Entmischung im Kiez.

Rotes Aushängeschild "Wohnung zu vermieten" vor einem Mietshaus.
Die Mieten in Leipzig steigen immer weiter, besonders, nachdem Gebäude saniert wurden. Besonders Geringverdiener fürchten um die Bezahlbarkeit ihrer Wohnung. Bildrechte: imago/CHROMORANGE

Man könnte meinen, dass Haus sei tot: Die Fassade ist grau, Lack platzt von weißen Fensterrahmen. Und das mitten in der beliebten Leipziger Südvorstadt? Drei beleuchte Fenster verraten, dass doch noch Leben in dem Wohnblock steckt.

Drinnen legt Ulrike Schult Kohlen nach. Sie war froh über den milden Winter. Denn: "Es ist sehr kalt. Um mich herum sind drei leere Wohnungen. Das heißt, fast jede Wand zieht Wärme, und der Aufwand zu heizen, ist sehr groß und die Effekte des Heizens sind überschaubar."

In ihrem Aufgang sind noch fünf von 15 Wohnungen bewohnt. Ihre Nachbarin Kati Stiebich ist auf einen Tee vorbei gekommen. Auch sie berichtet von unangenehmen Folgen des Leerstands: "Ich hatte jetzt gerade wieder die Handwerker da. Und die mussten jetzt auch schon öfter kommen. Weil der Zug in den Essen einfach nicht da ist. Das heißt konkret, dass die Heizungen ausfallen."

Mieterinnen fühlen sich "schlecht informiert"

Eine merkwürdige Wendung habe die Situation im Haus im Jahr 2014 genommen, erzählt Kati Stiebich: "Das fing an mit dem Auszug eines Nachbarn aus dem Nachbareingang, der meines Wissens nach der Erste war, der meinte, tut mir leid, ich kann gar nicht nachvermieten. Weil, das Interesse an den Wohnungen war groß, ist immer noch groß."

Schult und Stiebich können das gut nachvollziehen. Sie leben gern hier. Und auch gern bei der städtischen Wohnungsgesellschaft LWB. Ein verlässlicher Vermieter, wie sie betonen. Und das für nicht mal vier Euro kalt.

Noch. Der Block soll saniert werden. Doch wann? Und wie stark wird die Miete steigen? Die Mieterinnen fühlen sich schlecht informiert. Ulrike Schult erklärt: "Wir sind im Ungewissen, wann hier etwas passiert oder auch nicht. Und es ist eben sehr unangenehm, wenn man nicht weiß, was die eigene Perspektive hier ist."

LWB weist Vorwürfe zurück

Die LWB weist das zurück. Es werde mittelfristig saniert, sagt Sprecherin Samira Sachse. Und das bedeutet: in den nächsten fünf Jahren. Man würde gern eher aktiv werden, dabei gebe es aber ein entscheidendes Problem, erklärt Sachse: "Das hat nicht den Grund, dass wir das nicht wollten. Sondern, das kostet einfach eine ganze Menge Geld. Und die LWB hat einfach an ganz vielen Stellen in Leipzig eine Menge zu tun. Also zu sanieren." Nicht nachvermietet werde, weil die alte Haustechnik bei voller Besetzung überlastet wäre. Das Haus hat sich seit dem Bau in den 50er-Jahren kaum verändert.

Angst vor deutlicher Mieterhöhung

Mieterin Ulrike Schult hat eine andere Theorie. Für sie spielt die LWB auf Zeit, damit möglichst viele Mieter vor der Sanierung ausziehen. Schult erklärt ihre Theorie: "Das ist hier eine ruhige und schöne und zentrale Lage, weshalb ich vermute, dass hier eher hochwertiger saniert werden soll. Weil es sich eben hochpreisiger vermieten lässt, als an einer Kurt-Eisner-Straße oder an einer Richard-Lehmann-Straße."

Sie befürchtet, dass mit ihrem Haus das Gleiche passiert wie in einem ähnlichen Block, der sich ebenfalls in der Südvorstadt befindet. Nach umfassender Modernisierung verlangt die LWB dort rund zehn Euro kalt. Ulrike Schult fährt fort: "In diesem Sinne beteiligt sich die LWB an den Dynamiken, die der Immobilienmarkt hier produziert und das ist sehr problematisch."

LWB in Südvorstadt nur kleiner Marktteilnehmer

Diese These sei nicht haltbar, sagt LWB-Sprecherin Samira Sachse. "Die LWB hat in Leipzig und auch im Viertel eine mietpreisbremsende Wirkung. Wenn Sie sich die durchschnittlichen Mieten anschauen, zum Beispiel in der Südvorstadt oder in Connewitz, da liegen wir deutlich unter der Durchschnittskaltmiete in Leipzig."

Zudem sei die LWB in der Südvorstadt nur ein kleiner Marktteilnehmer. Gerade mal fünf Prozent der Wohnungen gehörten der LWB. Sachse räumt aber ein: "Die LWB ist ein Wirtschaftsunternehmen. Wir können nicht die Plattenbauten in Grünau oder Paunsdorf sanieren mit einem Geld, das wir nicht haben. Wir müssen natürlich auch die Möglichkeit haben, Geld zu verdienen."

LWB: Auch in Zukunft bezahlbares Wohnen

Das sei besonders dort möglich, wo Mieter mit alten Verträgen und günstigen  Mieten kündigen. Denn dort lasse sich nach der Sanierung eine höhere Miete ansetzen als bei Bestandsmietern, sagt Mieterin Ulrike Schult.

LWB-Sprecherin Samira Sachse widerspricht ihrer Mieterin da vehement: Man freue sich über jeden treuen Mieter. Auch beteilige sich die LWB nicht an der sozialen Entmischung im Kiez. Das Gegenteil sei der Fall, sagt sie. "Es ist natürlich auch in der Zukunft für Menschen mit geringem Einkommen möglich, in der Südvorstadt oder zentrumsnah in einem LWB-Haus zu wohnen. Wir bauen derzeit, und da entstehen geförderte, mietpreisgebundene Wohnungen über 15 Jahre und die werden für einen Kaltmietpreis von 6,50 Euro vermietet."

Mieterin Ulrike Schult geht dennoch davon aus, dass ihr Wohnhaus nach der Sanierung für Menschen mit niedrigem Einkommen unerschwinglich sein wird. Wann auch immer die Bauleute anrücken.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 28. März 2020 | 05:00 Uhr