die 750. Mosaik-Ausgabe
750. Ausgabe des Mosaiks Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Digedags und Abrafaxe "Mosaik" im Jubiläumsjahr

Das Comicheft "Mosaik" feiert 2019 seine 750. Ausgabe. Die erste wurde 1955 in der DDR veröffentlicht. Die Protagonisten waren immer drei Kobolde, erst die Digedags, dann Abrafaxe. Beide Trios haben Kinder und Jugendliche mit auf Reisen genommen. Es ging in fremde Länder und in längst vergangenen Zeiten.

die 750. Mosaik-Ausgabe
750. Ausgabe des Mosaiks Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Hannes Hegen, der Erfinder des "Mosaiks"

Die erste Geschichte der Digedags beginnt mit den Worten: "Na, die haben die Rechnung aber ohne uns gemacht." Getextet hat das der "Mosaik"-Erfinder Hannes Hegen. Die Ideenschmiede für das Comicheft war die Berliner Villa des Erfinders, der mit bürgerlichem Namen Johannes Hegenbarth hieß. Dort dirigierte der Meister sein Ensemble aus Zeichnern, Koloristen und Textern.

Mosaik-Erfinder Hannes Hegen
Mosaik-Erfinder Hannes Hegen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Er tat dies mit Disziplin und Heiterkeit, wie der Hegenbarth-Biograph Mark Lehmstedt weiß: "Er war ein sehr guter Zeichner. Er war ganz offensichtlich ein guter Organisator. Er war ein Sturkopf sondergleichen. Wenn er etwas machen wollte, dann hat er das gemacht. Und wenn ihn jemand daran hindern wollte, dann war das sehr schwer. Und er hatte auch eine anarchistische Ader." Diese Strategie trug Früchte. "Das 'Mosaik' war von Anfang an ein Erfolg. Die Auflage war kleiner als die Nachfrage. Das lag daran, dass die Planwirtschaft der DDR nicht beliebig viel Papier zur Verfügung hatte. Man hatte sich lange Zeit sich in einer Auflagenhöhe von 250.000, dann 300.000 bewegt. Erst in den 70er-Jahren steigt es dann auf knapp eine Millionen pro Monat", berichtet Mark Lehmstedt.

Politischer Einfluss

Die Weltaumserie des Mosaiks.
Die Weltaumserie des Mosaiks: Zukunft mit Kudamm-Bezug Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Politischer Einfluss kam beim "Mosaik" nur selten vor. Allein die "Weltraum"-Serie entstand auf Empfehlung der SED. Die Partei wollte damit die Erfolge der sowjetischen Raumfahrt gewürdigt und als vorbildlich beworben wissen – ein Wunsch, der dem Erfolg des Comicheftes nicht geschadet hat. Die Weltraumserie wurde zum Liebling vieler Leser und Sammler wie Helmut Müller, der sich gerne daran erinnert: "Die Stadt, die dort gezeigt wird, das sollte eine Zukunftsversion für eine sozialistische Hauptstadt Berlin sein. Man erkennt aber leicht, dass die Motive vom Kudamm genommen wurden. Also schon sehr gelungen dieses Heft, auch sehr spannend."

Das überraschende Ende der Digedags

Im Juni 1975 endeten die Abenteuer der Digedags überraschend. Ohne Ankündigung traten ab Ausgabe 224 drei neue Kobolde auf den Plan: die Abrafaxe. Wie die Digedags sind auch die Neuen keine Superhelden, sondern ganz normale Kobolde, ausgestattet mit Gewitztheit und Geschicklichkeit, immer reich an Ideen und durchweg aufrichtig.

Mark Lehmstedt, Verleger und Biograph von Hannes Hegen
Der Leipziger Verleger Mark Lehmstedt hat eine Biographie über Hannes Hegen geschrieben. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch wie kam es zu dem überraschenden Wechsel? Zwischen Hannes Hegen und dem Verlag kam es zum Zerwürfnis. Biograph Mark Lehmstedt beschriebt die Situation: "Der Bruch kommt als Hegen sagt, er macht nicht mehr so weiter. Er will nicht mehr zwölf, sondern nur sechs Hefte machen. Der Verlag sagt natürlich: Das geht gar nicht. Wir brauchen weiter zwölf Hefte. Es heißt, der Verlag 'Junge Welt' habe Hegenbarth eine Million Mark geboten. Dann gibt es lange Verhandlungen. Hegenbarth mit seiner Sturheit bleibt aber dabei."

die Macher der Digedag-Mosaike
die Macher der Digedag-Mosaike Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Erfinder der Digedags stieg dann aus, aber die Zeichner blieben. "Sie waren Angestellte des Verlages und konnten nicht einfach sagen, wir machen auch nicht mehr weiter. Da hing ja ihre Existenz dran und die ihrer Familien", berichtet Lehmstedt. Hegenbarth zog dann sich vollständig zurück und starb 2014 in Berlin. Es heißt, er habe den Bruch mit dem Verlag und mit seinem Zeichenkollektiv niemals ganz überwunden.

Das "Mosaik" im wiedervereinigten Deutschland

Cover von Mosaik-Heften aus dem Jahr 1986
Die Abrafaxe, die mit Ausgabe 224 die Digedags ablösten, prägen seither das Mosaik. Bildrechte: privat

Bis 1990 wurden alle wirtschaftlichen Entscheidungen im FDJ-Verlag "Junge Welt" getroffen. Der wurde nach der Wiedervereinigung von der Treuhand abgewickelt. Die Rechte an den Abrafaxen kaufte eine westdeutsche Werbeagentur für einen sechsstelligen Betrag. Für die Produktion des "Mosaik"-Heftes wurde der Verlag "Steinchen für Steinchen" gegründet. "Mosaik"-Autor Jens-Uwe Schubert erinnert sich, wie auch das "Mosaik" unter dem medialen Überangebot nach der Maueröffnung leiden musste. "Die Auflage ist in den 90er-Jahren dramatisch gesunken. ‚Micky Maus‘ hatte zum Teil die doppelte und dreifache Auflage von uns und trotzdem haben wir immer weiter gemacht." Kurz vor der Wende erreichte die Auflage des "Mosaik"-Hefts mit 1,1 Millionen Exemplaren ihren Zenit. Sofort nach der Grenzöffnung kam der Einbruch. Ab 1999 stabilisierte  sich dann die Druckauflage auf um die 111.000 Exemplare. Ende 2017 überholte das "Mosaik"-Heft mit rund 70.600 verkauften Ausgaben sogar die "Micky Maus" (rund 64.400).

Gewalt ist keine Lösung

Mosaik-Macher Jens-Uwe Schubert
Gewalt darf für Mosaik-Macher Jens-Uwe Schubert nie eine Lösung sein. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Erfolgsgeheimnis des "Mosaiks" sieht Heft-Autor Jens-Uwe Schubert unter anderem auch im Credo der Macher, dass Gewalt nie eine Lösung sein dürfe. Er sagt: "Natürlich gibt’s im Mosaik auch Gewalt. Ohne könnten wir keine historisch halbwegs glaubwürdigen Geschichten erzählen. Aber wenn Gewalt gezeigt wird, dann wird der, der sie einsetzt, immer scheitern bei uns. Wie wollen vermitteln, dass im besten Fall im Konsens Probleme gelöst werden."

Die Macher heute

drei Zeichner in einem Büro: die aktuellen Mosaik-Macher
die Mosaik-Macher heute Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bei der Produktion der aktuellen Hefte gibt es keinen großen Vorlauf. Alle vier Wochen muss die neuste Auflage im Handel sein. Am Werk sind sechs bis acht Kreative. Sie begleiten alltäglich im Berliner Atelier die Abrafaxe auf ihren verschlungenen Wegen durch die Zeit. Damit alles authentisch aussieht, ist vor dem zeichnerischen Werk viel historische Recherche nötig.

Die Hand eines Zeichners zieht die Outlines eines Mosaik-Comics mit Tusche nach.
In jedem Mosaik-Heft steckt viel Handarbeit. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Jens-Uwe Schubert nennt Beispiele für Fragen, die vorher gestellt werden: "Wie sah der Straßenbelag aus oder was haben die Menschen damals zum Abendbrot gegessen. Das sind Kleinigkeiten, die vielleicht nebensächlich erscheinen, aber die für die Grundstimmung der Geschichte doch wichtig sind. Wir haben sofort Leserpost, wenn da irgendwas nicht stimmt." Ein "Mosaik" entsteht bis heute noch fast vollständig in Handarbeit: Der Entwurf kommt als Skizze aus dem Kopf aufs Papier. Dann wird getuscht, radiert und getextet. Erst beim Kolorieren am Ende kommt der Computer ins Spiel.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 08. Oktober 2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Oktober 2019, 13:36 Uhr