Buchenwald | Mittelbau-Dora Neuer Gedenkstättenleiter: Den Blick von den Opfern auf die Täter richten

Auf den sogenannten "Querdenker"-Demos werden immer wieder Vergleiche zur NS-Zeit gezogen und so die Verbrechen verharmlost: So klagte etwa ein Mädchen, sie habe sich wie Anne Frank gefühlt, weil sie ihren Geburtstag heimlich feiern musste. Solche Vorkommnisse zeigen, wie wichtig die Arbeit an den Gedenkstätten der ehemaligen KZs und Vernichtungslager ist. Die Thüringer Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora hat einen neuen Direktor, und der will einiges verändern.

Zaun und Gebäude in der Gedenkstätte Buchenwald
Der Stacheldrahtzaun entlang der KZ-Gedenkstätte Buchenwald in Thüringen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wer an einem grauen, windigen, kalten Novembertag über das – coronabedingt – menschenleere Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald läuft, bekommt ein bedrückendes Gefühl. Das riesige Gelände ist mit Stacheldraht eingezäunt. In dem Krematorium, an dem man vorbeiläuft, wurden Tausende Tote eingeäschert. Allein dort im Keller erdrosselte die SS an Wandhaken etwa 1.100 Männer, Frauen und Jugendliche.

Man könnte meinen, dass solche Eindrücke ausreichen, um die Grausamkeit des NS-Regimes zu verdeutlichen. Das reiche nicht, sagt Jens-Christian Wagner, der neue Direktor der Gedenkstätte Buchenwald Mittelbau-Dora: "Nein, der Ort allein bewirkt erst mal relativ wenig, wie übrigens auch das Standardformat einer eineinhalb oder zweistündigen Führung wenig bewirkt."

"Netzwerk des Terrors" stärker in den Blick nehmen

In der Gedenkstätte soll sich deshalb einiges ändern: Zum einen soll mehr in die Gesellschaft hineingewirkt werden, mit Wanderausstellungen, Geschichtsmagazinen und intensiveren Angeboten für Besuchergruppen. Aber auch der Fokus der Gedenkarbeit müsse sich verändern, sagt Wagner. Die Gedenkstätten würdigten die Opfer in Gedenkveranstaltungen, "aber dabei kann es nicht stehen bleiben, sondern wir müssen fragen, warum Menschen zu Opfern geworden sind. Und das lenkt den Blick auf die Täter, die Mittäter, die Zuschauer der NS-Verbrechen und ganz besonders auf die Frage, wie die NS-Gesellschaft eigentlich funktioniert hat."

Diese Gesellschaft sei radikal rassistisch organisiert gewesen, erklärt Wagner weiter: "Und wir müssen das Netzwerk des Terrors im Nationalsozialismus sehr viel stärker in den Blick nehmen." Der Historiker beklagt die Erinnerungskultur, die sich in den vergangenen 20 Jahren etabliert habe. Allein der Begriff "Erinnern" löse Unbehagen aus: "Dann heißt es 'ihr müsst euch erinnern'. An was aber sollen sich eigentlich 16-jährige Schülerinnen und Schüler erinnern, wenn sie eine Gedenkstätte besuchen? Schülerinnen und Schüler, deren Großeltern den NS schon nicht mehr selbst erlebt haben."

Zentralrat der Juden: Aufklärung über Täter gehört dazu

Das Ziel sei zu verdeutlichen, wie die Verbrechen des Nationalsozialismus geschehen konnten, sagt Wagner und erklärt: "Das heißt, wir müssen ganz sauber quellenkritisch durchdeklinieren, wie die NS-Gesellschaft funktioniert hat, und dann können wir Aktualitätsbezüge herstellen und uns auch mit heutigen Formen von Hetze gegen Minderheiten, mit Diskriminierung, mit Ungleichheit, mit Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus beschäftigen, aber immer aus der Geschichte herausgearbeitet."

Zustimmung dafür bekommt Wagner vom Zentralrat der Juden. Präsident Josef Schuster schreibt MDR AKTUELL: "Zwar sollte die Erinnerung an die Opfer im Mittelpunkt stehen, doch zugleich sollte über die Verbrechen der Nationalsozialisten aufgeklärt werden. Aufklärung über die Täter gehört meines Erachtens dazu.

Das hält Schuster mit wachsendem zeitlichen Abstand zum Geschehen für immer wichtiger, "da jüngeren Menschen heutzutage häufig nicht mehr bewusst ist, dass sie die Täter unter ihren eigenen Vorfahren suchen müssen".

Auch der zuständige Minister in Thüringen, Kulturminister Benjamin-Immanuel Hoff, lobt die bisherige Arbeit des neuen Direktors und die Zukunftspläne. Sorge, die Täter könnten zu sehr im Mittelpunkt stehen, hat er nicht. Man könne nicht über Täter reden, ohne über die Opfer zu sprechen, sagte er MDR AKTUELL.

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