NightJets Die Rückkehr der Nachtzüge

Die Deutsche Bahn hat ihre Nachtzüge Ende 2016 eingestellt. Sie waren dem Unternehmen zu unrentabel. Inzwischen machen die Österreichischen Bundesbahnen mit ihren "NightJets" ein gutes Geschäft. Vor allem bei deutschen Reisenden kommen sie gut an.

Mit den Lockerungen der Corona-Beschränkungen schmieden die Menschen wieder Reisepläne. Ein Verkehrsmittel, das neben Auto oder Fernbus infrage kommen könnte, ist der Nachtzug: Die Kombination aus Fahren und Schlafen ist wohl die erholsamste Form des Reisens. Statt gestresst von Autobahnstaus oder nervigen Kontrollen am Flughafen kommt man ausgeschlafen und erholt am Ziel an.

Obwohl Nachtzüge von der Deutschen Bahn 2016 komplett gestrichen wurden, brauchen deutsche Reisende nicht darauf zu verzichten. Die Österreichischen Bundesbahnen haben die deutschen Schlafwagen nämlich aufgekauft und aufgemöbelt – und lassen sie nun als "NightJets" erfolgreich durch Europas Nächte fahren. Die rollenden Hotels bieten diversen Komfort: vom Einzelabteil im Schlafwagen über eine Dusche bis hin zum Frühstück, dazu allerhand Service und österreichische Freundlichkeit. Coronabedingt ist das Angebot derzeit zwar reduziert, aber ab Ende Juni sollen viele Nachtzüge wieder fahren.

Von der Luxusreise aufs Abstellgleis

Die Geschichte der Nachtzüge in Deutschland begann vor mehr als 150 Jahren. Damals galt Zugfahren über Nacht und quasi im Schlaf als luxuriöse Art des Reisens und war vor allem in gehobenen Kreisen beliebt. Sehr schön illustriert das etwa Agatha Christies "Mord im Orient-Express": Hier wird der Zug zum Tatort, an dem die mondäne Reisegesellschaft in ein Mörderspiel gerät.

In den 1950er-Jahren wurden Nachtzüge zum Massenverkehrsmittel. Sie brachten die Westdeutschen im Liegewagen nach Italien oder Spanien, die Ostdeutschen an die Ostsee oder von Berlin nach Budapest.

Als später Billigflieger und Fernbusse der Bahn Konkurrenz machten, ging die Nachfrage nach Fahrten im Schlaf- oder Liegewagen zurück. Ende 2016 stellte die Deutsche Bahn AG die Nachtzüge ein, weil sie ihr zu unrentabel geworden waren.

GDL-Chef: "Eisenbahn kaputtgewirtschaftet"

Claus Weselsky, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivfuehrer, GDL.
GDL-Chef Claus Weselsky Bildrechte: imago images / Reiner Zensen

Dem widerspricht Claus Weselsky, der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer. Er geht mit der Deutschen Bahn hart ins Gericht: "Das Nachtzuggeschäft ist 40 Jahre lang betrieben worden. Und natürlich haben wir dort Wagenmaterial, das schon 30, 35 Jahre im Einsatz ist. Das ist nach zehn Jahren abgeschrieben. Dann verdient man, wenn die Fahrzeugtechnik weiter funktioniert, richtig Geld. Sich dann hinzustellen, nachdem 30 Jahre lang das Material abgewirtschaftet worden ist, und das als Verlust darzustellen, weil man in dem Segment eine neue Investition tätigen muss, das ist nicht nur unanständig, sondern schlicht und ergreifend die Philosophie von Erbsenzählern, die mit ihrem Handeln in den letzten 20 Jahren die Eisenbahn kaputtgewirtschaftet haben."

Das ist schlicht und ergreifend die Philosophie von Erbsenzählern, die mit ihrem Handeln in den letzten 20 Jahren die Eisenbahn kaputtgewirtschaftet haben.

Claus Weselsky, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer

Umweltverträglich und ein gutes Geschäft

In Zeiten des Klimawandels spricht auch der Umweltschutz für die Nachtverbindungen. So wollen immer häufiger Menschen auf Flugreisen verzichten und stattdessen mit der umweltfreundlicheren Eisenbahn fahren. Das entspricht auch der Beobachtung der Österreichischen Bundesbahnen, die ihre NightJets inzwischen auf 19 Strecken quer durch Europa fahren lassen und das Streckennetz noch erweitern wollen. Sie machen damit ein gutes Geschäft, wie Pressesprecher Bernhard Rieder erklärt: "Die ÖBB sind sehr zufrieden mit dem Nachtzuggeschäft. Wir haben 1,5 Millionen Fahrgäste, ganz viele aus Deutschland. Deutschland ist einer unserer wichtigsten Märkte. Und ja, es gibt hohe Kosten im Nachtzugverkehr, aber gerade in Zeiten des Klimawandels ist das Nachtzuggeschäft ein Angebot an die Fahrgäste, und wir sehen: Es wird wirklich gut angenommen."

Kosten und Pünktlichkeit

Ein Zug steht an einem Bahnsteig
Die Kombination aus Reisen und Schlafen ist in verschiedenen Preisklassen möglich. Bildrechte: imago images/Belga

Für Reisende muss das freilich erschwinglich bleiben. Für eine Fahrt von Berlin nach Zürich im Einzelabteil mit eigener Waschecke müssen Zugpassagiere stolze 250 Euro bezahlen. Wer preiswerter reisen will, bekommt ab 47 Euro einen Platz im Sechser-Abteil im Liegewagen.

In Sachen Pünktlichkeit wünschen sich manche noch Verbesserungen. Ansonsten wird das Angebot der Österreicher überwiegend positiv aufgenommen, gerade auch von den Deutschen. Ob das bei der Deutschen Bahn zu einer Rückbesinnung führt?  

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 26. Mai 2020 | 20:15 Uhr