Nach Verlosung von Novartis Mehr Transparenz bei Medikamentenpreisen gefordert

Im Zuge der Debatte um die Verlosung von Medikamenten seitens des Pharmakonzerns Novartis hat Friedemann Schmidt von der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände mehr Transparenz bei Medikamentenpreisen gefordert.

von Anne Jensen & Ole Steffen

Novartis-Logo
Dass Novartis Medikamente im Rahmen einer Verlosung an betroffene Familien herausgegeben will, wird von Gesundheitsexperten kritisiert. Bildrechte: dpa

Friedemann Schmidt, Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, hat sich im Interview mit dem MDR-Magazin "Hauptsache Gesund" für mehr Transparenz bei Medikamentenpreisen ausgesprochen. Dabei geht es im Besonderen um das bis dato teuerste Medikament der Welt - eine Gentherapie zur Behandlung des vererbbaren Muskelschwunds (spinale Muskelatrophie oder SMA). Eine Spritze des Medikaments kostet zwei Millionen Euro. Die Debatte um die Gentherapie und das damit verbundene Losverfahren hatte in dieser Woche für viel Wirbel gesorgt.

Friedemann Schmidt sagte "Hauptsache Gesund" dazu, dass Pharmakonzerne wie Novartis die hohen Preise für solche Medikamente besser begründen müssten. "Sie argumentieren, dass der Herstellungsprozess für solche Therapien komplex und schwierig sei. Das stimmt, aber es rechtfertigt aus meiner Sicht nicht so extrem hohe Preise", so Schmidt weiter. Gerade bei lebensentscheidenden Therapien müsse demnach die Kostenkalkulation des Herstellers rational nachvollziehbar sein. Ansonsten liegt seiner Meinung nach der Verdacht nahe, dass man eine unangemessen hohe Marge realisiere.

Jan Schildmann
Jan Schildmann ist Direktor des Instituts für Ethik an der Universität Halle. Bildrechte: privat

Von Jan Schildmann, Direktor des Instituts für Ethik an der Universität Halle heißt es bezüglich der Preise von Gentherapien: "Es gibt für den Umgang mit steigenden Kosten durch Arzneimittel keine einfachen Lösungen. Wichtig scheint mir angesichts der absehbar steigenden Ausgaben politische Rahmenbedingungen zu schaffen, innerhalb derer Kriterien für die Verteilung der letztlich begrenzten Mittel gesellschaftlich ausgehandelt werden können."

Brief an Gesundheitsminister Jens Spahn

Unterstützung erhält Friedemann Schmidt von Nicht-Regierungsorganisationen (NGO). Bereits im Mai 2019 hatten unter anderem Organisationen wie "Ärzte ohne Grenzen", "Brot für die Welt", "Aktionsbündnis gegen Aids" oder auch der "Verein demokratischer Pharmazeutinnen und Pharmazeuten" einen offenen Brief an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn formuliert. Darin hieß es:

Die Bundesregierung blockiert vehement Maßnahmen, die dazu beitragen können, dass Menschen weltweit bezahlbaren Zugang zu Medikamenten erhalten. Hohe Medikamentenpreise sind nicht mehr nur in ärmeren Ländern eine Ursache dafür, dass Menschen dringend benötigte Therapien nicht erhalten. Selbst im reichen Europa kommen Gesundheitssysteme an ihre Grenzen, weil sie horrende Preise nicht mehr bezahlen können.

Aus dem Brief an Gesundheitsminister Spahn

Pharmakonzern in der Kritik

Vom Pharmakonzern Novartis heißt es auf Anfrage von "Hauptsache Gesund" dazu: "Der Preis spiegelt sowohl den Wert wider, den diese Behandlung für Patienten, Pflegekräfte und das Gesundheitssystem hat, als auch die sehr geringe Anzahl von Patienten". Das erklärt der Konzern damit, dass zu erwarten sei, dass die einmalig anzuwendende Gen-Ersatztherapie, verglichen mit der bisher zur Verfügung stehenden lebenslangen Behandlung und Versorgung von SMA-Patienten, Kosteneinsparungen für das Gesundheitswesen realisiere. Heißt übersetzt: Zolgensma, so der Name des Medikaments, das nur einmalig in Form einer Spritze verabreicht wird, soll jahrelange Therapien mit teuren, aber mutmaßlich weniger effektiven Mitteln überflüssig machen. Unklar bleibt jedoch, wie hoch die Gewinnspanne des Unternehmens beim Verkauf des neuen Medikaments ist. Auf Anfrage von "Hauptsache Gesund" wollte der Konzern dazu keine Aussage machen.

Ethische Bedenken bei Verlosung von Gentherapie

Der Konzern Novartis teilte mit, dass im Jahr 2020 weltweit 100 Behandlungen in den Ländern verlost werden sollen, in denen das Medikament noch nicht erhältlich ist. Die Behandlung muss aber durch einen Arzt beantragt werden.

Novartis rechnet in Deutschland mit einer Zulassung des Medikaments bis Juni 2020. Bis dahin gelte eine Ausnahmegenehmigung, heißt es vom zuständigen Paul-Ehrlich-Institut. Dass das Medikament im Rahmen einer Verlosung an betroffene Familien herausgegeben werden soll, wird von Gesundheitsexperten kritisiert. PD Dr. Julian Grosskreutz ist Oberarzt und Mitglied der Ethik-Kommission an der Uniklinik Jena. Er sagt: "Eine Verlosung ist aus meiner Sicht kein geeigneter Weg, die komplizierte Frage der Behandlungsnotwendigkeit und der Kostenübernahme zu klären. Dass es die Verlosung überhaupt gibt, zeigt aus meiner Sicht, dass wir heute und jetzt neue Lösungen zur zügigen Bewilligung von Gentherapien bei Kindern brauchen, die keine Alternativen haben". Auch die Landesärztekammer Sachsen-Anhalt kritisiert das Losverfahren. Als "äußerst bedenklich" wird es von Präsidentin Simone Heinemann-Meerz bezeichnet.

Zuspruch bekommt sie vom Präsidenten der Sächsischen Landesärztekammer, Erik Bodendieck. Auch er erachte die Verlosung einer Therapie als "ethisch bedenklich". "Vor allem angeborene genetische Defekte sind schicksalhaft und nicht beinflussbar. Zur Verfügung stehende Therapien sollten aus diesem Grunde allen betroffenen zu Gute kommen", so Bodendieck weiter.

Mit der Kritik konfrontiert heißt es vom Pharmakonzern Novartis dazu, dass man ein Programm entwickele, "das auf den Prinzipien der Fairness, des klinischen Bedarfs und der globalen Zugänglichkeit beruht, um die gerechte globale Verteilung einer begrenzten Anzahl von Dosen, die kein Kind oder Land gegenüber einem anderen begünstigt, am besten zu bestimmen." Grundsätzlich sei man aber von der Kritik nicht überrascht gewesen, so das Unternehmen. "Es ist ein Dilemma. Wir haben einfach nicht so viele Dosen zur Verfügung wie wir gerne hätten. Bei aller Kritik an diesem Verfahren mangelt es bislang an Vorschlägen für bessere Alternativen", sagt das Unternehmen.

"Anwendung in der Praxis ist grundsätzlich richtig"  

Friedemann Schmidt, 2014
Friedemann Schmidt ist der Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Bildrechte: dpa

Doch neben Kritik stellen die von "Hauptsache Gesund" befragten Experten auch fest, dass es grundsätzlich gut sei, dass zumindest einige Kinder in den Genuss der neuen Therapie kämen. "Aus fachlicher Sicht ist es richtig, dass das Medikament in der Praxis angewendet wird. So kann man Erfahrungen und Daten sammeln und für die Zukunft den Einsatz der Medikamente optimal planen", so Friedemann Schmidt vom Deutschen Apothekerverband.

Die dahinter stehende Frage sei für ihn: "Wo ist die Anwendung sinnvoll und wo nicht? Mit praktischer Erfahrung lässt sich das verifizieren", ergänzt er. Es sei aber auch festzuhalten, dass es in Deutschland bereits eine zugelassene Therapie gibt, sagt Erik Bodendieck von der Sächsischen Landesärztekammer. Es bleibe dann ohnehin abzuwarten, ob Zolgensma einen Zusatznutzen gegenüber Spinraza nachweisen könne und wie sich die Preisgestaltung entwickele.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 03. Februar 2020 | 15:56 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. Februar 2020, 17:00 Uhr