Junge Frau trinkt Schnaps
Nadine war schwer alkoholabhängig und lebt am Hauptbahnhof - seit sie 14 ist. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Leben auf der Straße Obdachlose am Bahnhof: Betteln, Saufen, Sterben

Sie wohnen in Abrisshäusern, verbringen ihre Tage vor dem Leipziger Hauptbahnhof: Oft hat sie ein Bruch in ihrem Leben in die Obdachlosigkeit geführt. Doch eine Rückkehr in den normalen Alltag ist sehr schwer.

Junge Frau trinkt Schnaps
Nadine war schwer alkoholabhängig und lebt am Hauptbahnhof - seit sie 14 ist. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sie leben am Rande der Gesellschaft und doch mittendrin. In den Großstädten, vor Einkaufszentren und Bahnhöfen, immer in der Hoffnung auf den einen oder anderen geschenkten Euro: Obdachlose. Die meisten Menschen eilen vorbei, für sie sind die abgerissenen, oft süchtigen Gestalten quasi nicht existent – und doch steht hinter jedem dieser Menschen ein Schicksal.

"Die sterben alle! Die sterben alle!", weint Nadine, bei einem der ersten Treffen mit MDR-exakt und fällt ihrem Kumpel Siggi um den Hals. An diesem Tag ist die Beerdigung eines Obdachlosen. "Der war zwar heroinabhängig, aber er war ein guter Kerl. Ich habe den immer gut leiden können und jedes Mal sterben die."

Irgendwann bricht Nadine einfach zusammen

Ein Mann und eine Frau
Nadine und ihr Kumpel Siggi vor dem Leipziger Hauptbahnhof. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nadine und Siggi hausen damals gleich hinter dem Hauptbahnhof in den leer stehenden Lagerhallen. Beide sind schwer alkoholabhängig. Nadine ist noch keine 30 und zweifache Mutter. Ihre Kinder leben in Pflegefamilien. Mit dem Trinken aufzuhören ist für sie keine Option. "Da könnte der Papst persönlich vor mir stehen, ich bin überhaupt nicht motiviert. Ich trinke einfach auch zu gerne", sagt die junge Frau mit dem aufgedunsenen Gesicht und den schwarzen Zähnen.

Nur wenig später geht es massiv bergab mit Nadine. Zum Arzt geht sie nicht. Es ist ein weitverbreitetes Phänomen: Obdachlose entziehen sich medizinischer Versorgung, berichtet der Mainzer Arzt Gerhard Trabert: "Ich glaube, dass sehr viele wohnungslose Menschen genau wissen, was es bedeutet, so zu leben. Dass sie wissen, dass sie auch daran sterben können und dass es fast so etwas ist wie ein chronischer Suizid."

Irgendwann bricht Nadine einfach zusammen. 15 Jahre exzessives Trinken haben Leber und Nieren massiv geschädigt. Nadine kämpft mit dem Tod und liegt schwer gezeichnet im Krankenhaus. Kumpel Siggi besucht sie auf der Intensivstation. "Du packst das", sagt er.

Nach der Intensivstation ein kompletter Neustart

Und tatsächlich – Nadine überlebt. Irgendwann ist sie wieder am Hauptbahnhof. Es wird ein kompletter Neustart. Denn auch ihr altes zu Hause gibt es so nicht mehr. Die Lagerhallen werden abgerissen. Am Hauptbahnhof soll ein neues Stadtviertel entstehen.

Frau mit pink gefärbten Haaren
Nadine ist inzwischen seit anderthalb Jahren trocken. Jetzt will sie ihre Kinder kennenlernen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Anderthalb Jahre nach ihrem Zusammenbruch trifft MDR-exakt Nadine wieder. "Mir geht es gut", sagt sie. "Ich habe gerade meine Zähne machen lassen und bin jetzt anderthalb Jahre trocken", sagt sie, grinst und zeigt das strahlende Weiß hinter ihren Lippen. Sie will zum Jugendamt gehen, um ihre Kinder wieder zu treffen. "Ja, vergessen habe ich die nicht. Ich will sie nicht da rausreißen, wo sie sind, aber ich würde sie gerne kennenlernen."

Nadine sagt auch, dass sie keine Entzugserscheinungen vom Alkohol habe. "Ich fühle mich besser als gedacht". Die Warnung der Ärzte hat offenbar gewirkt. Sie sagten ihr: Noch ein Schluck Alkohol und das war es. Eine feste Bleibe hat Nadine trotzdem immer noch nicht – doch so lebt sie schon, seit sie 14 ist. Damals war ihre Mutter gestorben, wenig später auch der Vater.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 19. Juni 2019 | 20:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. Juni 2019, 05:00 Uhr

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6 Kommentare

21.06.2019 00:01 part 6

Und siehe und staune, tausende Obdachlose gehen sogar einer Arbeit nach, können sich aber Wohnraum in Ballungsgebieten nicht leisten. So lange das auch so funktioniert wird das Verwertungs- System nichts daran ändern, es findet höchtens Verdrängung statt wie bei der Zeltstadt entlang der Saine in Paris.

20.06.2019 15:47 Fragender Rentner 5

Wer hat sie wohl dahin gebracht?

Das System oder wer noch alles?

Im Osten hatten wir diese Menschen sogar von zu Hause abgeholt und auf Arbeit gebracht, wenn sie in die Falle mit dem Alkohol kamen.

Nur heute gibt es leider noch viel mehr von den Drogen.

Da regen sie sich auch im Fernsehen über den Osten auf ! :-(

20.06.2019 14:01 Siggi 4

und so etwas hat damals die DDR anders hinbekommen, so das diese in einem Heim waren und arbeiten mußten was total auch richtig war sowie auch ihre Freizeit hatten, aber in D. jetzt werden die meisten alleine gelassen , und betreffen kann das jedem egal was passiert der eine schafft es der andere nicht.

20.06.2019 12:20 Hodi 3

Wie heißt es doch in der Bibel?
"Wer ohne Sünde ist, werfe als Erstes den Stein."
Also alle über einen Kamm zu scheren, ist nicht nur dumm, sondern auch kurzsichtig. Man sollte zudem bedenken dass Menschen, von der Art und Weise ihrer Verhaltensmuster, sehr vielschichtig sind. Manche wollen nicht, manche können einfach nicht, über ihren Schatten springen. Da braucht es viel Geduld und Anleitung für solche Personen.
Außerdem darf man nicht vergessen dass jeder, gewollt oder ungewollt und plötzlich, in so eine Abwärtsspirale hinein kommen kann. Dafür gibt es ebenfalls belegbare Studien...

20.06.2019 09:08 Mane 2

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20.06.2019 08:08 Gerd Müller 1

Jeder ist für sich selbst verantwortlich! Hilfe gibt es überall, wer sie nicht annimmt ist selbst schuld.
Hier hält sich mein Mitleid in Grenzen.
Die meisten haben kein Bock auf Arbeit, nur Party machen und abhängen. Zu DDR-Zeiten wurde so etwas nicht geduldet.

[Lieber Gerd Müller, es geht nicht darum Mitleid zu haben. Die Reportage soll auf das Schicksal der Menschen, an denen viele nur vorbeigehen und sie nicht wahrnehmen, aufmerksam machen. Die Obdachlosen über einen Kamm zu scheren, wird der Sache nicht gerecht. Die Gründe für Obdachlosigkeit sind vielschichtig. Die Obdachlosen sind Menschen und haben Rechte wie alle anderen auch. Deshalb ist es wichtig auch Ihnen eine Stimme zu geben.
Diesen Menschen zu unterstellen, sie seien selber Schuld und wollen nur Party machen, obwohl man sie nicht kennt, ist vollkommen deplatziert.
Liebe Grüße aus der MDR.de-Redaktion]