Leben auf der Straße Gibt es genug Hilfe für Obdachlose?

Teresa Liebig
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Über 50.000 Obdachlose leben in Deutschland auf der Straße. Dominiert für sie im Winter der Überlebenskampf, haben sie im Sommer eher mit Depressionen zu kämpfen. Dazu kommt die Stigmatisierung. Dagegen hilft eine Notunterkunft nur bedingt.

Ein Mann sitzt mit seinem Hund auf der Zeil und wartet auf Gaben von Passanten. Zu Hause bleiben in Zeiten der Coronavirus-Pandemie - das ist schwer, wenn man gar kein Zuhause hat.
Ausreichend Getränke und Rückzugsorte sind für Obdachlose im Sommer wichtig. Bildrechte: dpa

Guido hatte monatelang kein Dach über dem Kopf. Nach der Trennung von seiner Frau geriet sein Leben außer Kontrolle. Guido landete auf der Straße und verfiel dem Alkohol: "Ich hab manchmal zwei, drei Flaschen am Tag getrunken, Klaren jetze. Das war ja eigentlich auch, damit man das alles vergessen konnte."

Aufstehen, Alkohol trinken, betteln, Flaschen sammeln. So sah sein Alltag aus. Klar, sagt Guido, hätte er auch Hilfsangebote der Stadt annehmen können. Aber er habe sich geschämt. "Aber das ist peinlich für einen. Ich hab das einfach nicht gemacht. Hab einfach auf eigene Entscheidung draußen gelebt."

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Ein Mann im grünen Shirt von hinten. 19 min
Guido lebte monatelang bei jedem Wetter auf der Straße. Bildrechte: MDR/Theresa Liebig

Depressionsgefahr im Sommer

Und draußen leben heißt bei -10 Grad frieren oder bei +30 Grad im Schatten ohne Abkühlung schwitzen. Schätzungsweise mehr als 50.000 Obdachlosen in Deutschland geht es so. Maria Loheide vom Vorstand der Diakonie Deutschland betont, dass wohnungslose Menschen bei Hitze zu wenige Möglichkeiten hätten, sich zurückzuziehen. Außerdem sei es schwierig, an ausreichend Getränke zu kommen.

Und es gebe noch eine andere Herausforderung: "Gerade im Sommer ist es oft auch so, dass den Wohnungslosen ihre eklatante Situation noch mal bewusster und präsenter ist. Und sie gerade dann noch mal anfälliger sind, auch in Depressionen zu verfallen", betont Loheide.

Diakonie fordert mehr Hilfsangebote

Während sich Obdachlose im Winter permanent mit dem Überlebensdruck beschäftigten, erklärt Loheide, würden sie im Sommer viel mehr über die eigene Situation nachdenken und reflektieren. Die Diakonie Deutschland fordert deswegen mehr Hilfsangebote. "Wir brauchen eben doch auch ein sichereres und flächendeckenderes Netz und Anlaufstellen für Wohnungslose. Da sind wir in der Tat alle gefordert. Vor allem dann auch die Kommunen, die sich um die Bürgerinnen und Bürger kümmern sollten, die sichtbar auf der Straße leben", sagt Loheide.

Eigene Wohnung statt Notunterkunft

Auch die Opposition im Deutschen Bundestag fordert mehr Engagement für Menschen ohne eigene Wohnung. Chris Kühn ist Sprecher für Bau- und Wohnungspolitik der Grünen Fraktion: "Ich würde mir zum Beispiel wünschen, dass wir ein bundesweites Wohnungslosennotfallprogramm haben, das der Bund auch koordiniert, dass auch Bundesmittel hier reinfließen. Und dass wir so Projekte etablieren, wie 'housing first'." Also dass man nicht erst in die Notunterkunft komme, die dann stigmatisierend sei, sondern dass man als erstes eine Wohnung bekomme und dann eine Arbeit.

Davon träumt auch Guido. Und der erste Schritt ist inzwischen getan. Nach Monaten bei Kälte und Hitze auf der Straße ist er vor Kurzem in eine eigene Wohnung gezogen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 03. August 2020 | 05:54 Uhr