Langzeitreportage Leben mit Obdachlosigkeit – Schicksale vom Leipziger Hauptbahnhof

In der Exakt – die Story-Langzeitreportage von Thomas Kasper wird das Schicksal von zwei Obdachlosen, Sigi und Nadine, erzählt. Nadine hat dabei geschafft, was nur wenige schaffen: Sie ist weg vom Alkohol.

Sendungsbild
Vor dem Bahnhof sitzen Bettler bei jeder Witterung und trinken. Auch während Corona. Bildrechte: MDR/Thomas Kasper

"Stay home", also "Bleibt zuhause" ist seit dem ersten Lockdown zu einem Slogan der Corona-Krise geworden. Aber wohin, wenn man kein Zuhause hat? Obdachlose in Leipzig und in anderen Städten teilen ein Schicksal: Sie sind häufig verzweifelt, haben wenige oder keinen Zufluchtsort und kämpfen nicht selten gegen eine Sucht, oft gegen den Alkohol. Und das nicht erst seit Corona.

Zwei unterschiedliche Leben: Sigi und Nadine

betteln, saufen, sterben - Teil drei
Nadine ist seit mehreren Jahren trocken und lebt in einer eigenen Wohnung. Bildrechte: Thomas Kasper

Auch auf Sigi und Nadine passt diese Beschreibung. Sie sind Freunde, beide kennen sich seit vielen Jahren von der Straße, genauer: vom Leipziger Hauptbahnhof. Thomas Kasper, Reporter und Kameramann, hat vor vier Jahren das erste Mal mit den beiden gedreht. Die ersten Videos zeigen Nadine, wie sie in einer Halle hinter dem Bahnhof lebt und Sigi, wie er vor dem Bahnhof bettelt.

Sigi ist auch derjenige, der Nadine nach einem körperlichen Zusammenbruch im Krankenhaus in Leipzig besucht. Fast 15 Jahre Alkoholsucht sorgen bei ihr für ein Organversagen. Ein Weckruf für Nadine. Ihr wird geraten, keinen Alkohol mehr zu trinken. Beim Treffen mit Thomas Kasper im April 2020 ist sie seit drei Jahren trocken. Sie lebt in einer eigenen Wohnung und nimmt ihr Leben selbst in die Hand. Sie hat geschafft, was nur wenige in der Szene schaffen: Sie ist weg vom Alkohol.

Abstinenz oder Leberzirrhose

So gut wie bei Nadine läuft es bei Sigi nicht. Zwar lebt auch er inzwischen in einer eigenen, eher spärlich eingerichteten Wohnung, doch er hat große gesundheitliche Probleme. Er leidet unter fortgeschrittener Leberzirrhose. Im Gespräch mit Thomas Kasper sagt er resigniert: "Mensch, Thomas, ich habe keinen Bock mehr."

Ein Mann mit großer Narbe im Gesicht
Sigis Leben dreht sich größtenteils um eins: Alkohol. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Er nimmt Schmerztabletten und ist kurzatmig. Der Arzt habe ihm gesagt, er habe nur noch ein halbes bis ganzes Jahr zu leben. Ist das nun der Wendepunkt in Sigis Leben? Nein. Er werde weitertrinken, denn "Was habe ich denn zu verlieren?", fragt er.

Zwei Lebenswege

Sigi und Nadine sehen sich nur noch selten. Sigi hat mittlerweile Hausverbot im Hauptbahnhof und ist nun im Westen, in Lindenau, zu finden. Nadine ist hingegen zu einem Vorbild für viele ihrer alten Kumpel vom Bahnhof geworden.

Den beiden geht es, was die Wohnungslosigkeit angeht, offenbar gut: Sie haben einen Ort, an dem sie sich aufhalten können, ohne zu frieren – anders als früher als sie in den leeren, zugigen Hallen hinter dem Leipziger Bahnhof hausten.

Bahnhofsmission
Letzte Anlaufstelle für Obdachlose ist oftmals die Bahnhofsmission. In Leipzig wurde das Personal auf drei Beschäftigte aufgestockt. Bildrechte: IMAGO

Bahnhofsmission als letzte Anlaufstelle

Von diesen Hallen ist mittlerweile nicht mehr viel übrig. Sie wurden abgerissen, der illegale Zufluchtsort vieler Obdachloser ist passé. Als letzte Anlaufstelle gilt nun die Bahnhofsmission. Man sei hier für alle Menschen in der Krise da, sagt der Leiter Carlo Arena und ergänzt: "Aber, das ist meine persönliche Meinung, es wird immer einen Prozentsatz an Menschen geben, die trotzdem auf der Straße leben wollen, möchten oder können."

Mann mit Mütze in Dunkelheit 30 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
EdS: Betteln, Saufen, Sterben (2) – Obdachlose am Bahnhof (2019) 30 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein Mann mit großer Narbe im Gesicht 38 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt - die Story | 13. Januar 2021 | 20:45 Uhr