Ostdeutsche Kunst Kritik: Westdeutsche Ignoranz gegenüber Kunst aus Osten

Der Berliner Kunsthistoriker Christoph Tannert beklagt eine westdeutsche Ignoranz gegenüber der Kunst aus dem Osten. Ihm zufolge, mangelt es in den bundesweiten Kunstmuseen an Führungspersonal mit ostdeutscher Herkunft. Deshalb fehle es an ostdeutschen Perspektiven.

von Juliane Neubauer, MDR AKTUELL

Im Museum der Bildenden Künste ist die Holzplastik "Zweifel" von Hans Scheib aus dem Jahr 1984 und das Gemälde "Zurück in die Zukunft" von Wolfram Adalbert Scheffler aus dem Jahr 1988 zu sehen.
Bis Anfang November konnte man sich im Museum der bildenden Künste in Leipzig eine komplette Ausstellung anschauen, die sich mit ostdeutschen Künstlern und Künstlerinnen beschäftigt hat. "Point Of No Return" war ein Teil der Aktionen zu 30 Jahren Friedliche Revolution. Bildrechte: dpa

Es sei natürlich kein Zufall gewesen, dass die Ausstellung "Ostdeutsche Malerei und Skulptur von 1945-1990" ein knappes Jahr nach dem Eklat folgte, gibt Hilke Wagner, die Direktorin der Galerie Neue Meister in Dresden, offen zu.

Anerkennung ostdeutscher Kunst gefordert

Die Bestandsschau folgte der Forderung, ostdeutscher Kunst mehr Raum im Kunstmuseum zu geben. Wagner musste sich als westdeutsche Direktorin von einigen Museumsbesuchern heftige Kritik an ihrem Umgang mit Werken aus der DDR-Zeit gefallen lassen und begegnete ihr mit offenen Gesprächen.

Schließlich verstand sie den Ursprung der Unzufriedenheit besser: "Weil man das Gefühl hatte, dass ich als Westdeutsche den Ostdeutschen zeigen möchte, was gute DDR-Kunst ist." Das sei ihr durch die Gespräche erst bewusst geworden und das es auch um eine dauerhafte Anerkennung von bestimmten Werken gehe.

Kaum ostdeutsches Führungspersonal in Museen

Wagner gehört zur Riege westdeutscher bzw. westeuropäischer Museumsdirektoren. Es finde sich kaum Führungspersonal mit ostdeutscher Herkunft in den bundesweiten Kunstmuseen, kritisiert auch Kunsthistoriker Christoph Tannert. Hier fehle es an ostdeutschen Perspektiven.

Tannert unterstützt als Galerist seit Anfang der 80er Jahre ostdeutsche Künstler und Künstlerinnen. Dieses Jahr kuratierte er zum Beispiel die Ausstellung "Point of no Return", die am Museum der bildenden Künste verschiedene Werke von über 90 ostdeutschen Künstlern und Künstlerinnen präsentierte.

Das Problem, so Tannert, sei nicht nur die mangelnde Präsenz ostdeutscher Künstler und Künstlerinnen in ostdeutschen Museen, sondern vor allem die Abwesenheit in den alten Bundesländern. "Wenn nach wie vor Museen in Westdeutschland sich nicht die Bohne dafür interessieren, was sich in dem anderen Teil Deutschlands entwickelt, dann ist das eine kulturpolitische Ignoranz, die ich nicht nachvollziehen kann."

Ostdeutsche Kunst zu wenig kuratiert

Dabei scheint das Interesse an ostdeutschen Künstlern und Künstlerinnen langsam zu wachsen. So plant zum Beispiel der Kunstpalast in Düsseldorf eine Sonderausstellung zu Kunst in der DDR. Kunsthistoriker Tannert wünscht sich jetzt noch, dass es auch in monothematischen Ausstellungen üblich wird, Arbeiten ostdeutscher Künstler und Künstlerinnen einzubeziehen, was bisher vor allem an westdeutschen Häusern kaum passiert.

Hilke Wagner hat sich nach fünf Jahren im Dresdner Albertinum ihrem Publikum und den ostdeutschen Kunstwerken angenähert. Ihre Erfahrungen zeigen, dass man im Umgang mit Kunst aus der DDR neue Wege suchen und diese auch nach ihrer Aktualität befragen müsse. "Und da gibt es ganz, ganz viel, was diese Kunst uns noch zu sagen hat."

Für nächsten Herbst wird in Dresden eine Ausstellung zum Thema "Solidarität" gezeigt, wo neben zeitgenössischen Arbeiten auch viele ostdeutsche Werke aus dem Bestand einbezogen werden, die neben den aktuellen Bildern nicht weniger zeitgemäß erscheinen, findet Wagner.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 31. Dezember 2019 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 31. Dezember 2019, 12:00 Uhr