Nach dem Lockdown Saisonbeginn an der Ostsee – begleitet von Freude und Angst

Pfingsten ist das erste Wochenende, an dem Mecklenburg-Vorpommern wieder Urlauber empfängt. Der Neustart wurde herbeigesehnt. Doch es gibt auch Ängste: vor Feriengästen mit Corona-Infektionen.

Zehn Wochen lang war Mecklenburg-Vorpommern touristenfreie Zone. Seit dem 25. Mai dürfen Nichteinheimische wieder dort Urlaub machen. Auch die Hotels fahren langsam wieder hoch. Nicht nur weil keiner weiß, wie viele Gäste kommen werden. Auch die Auflagen führen zu einem Neustart mit Handbremse. Die Hoteliers dürfen etwa nur 60 Prozent ihrer Betten belegen. Zimmer müssen nach Besuch desinfiziert und 20 Stunden lang gelüftet werden.

Erlaubte Maximalauslastung der Hotels beträgt 60 Prozent

Auch das "Cliff"-Hotel in Binz, ein ehemaliges Feriendomizil der SED-Parteigrößen und heute Spa- und Wellnessressort mit mehr als 500 Betten, nimmt den Betrieb wieder auf. Dass für alle Mundschutz gelte, sei durchaus gewöhnungsbedürftig, so Hoteldirektor Peter Schwarz zu "exakt".

Mundschutzpflicht im Hotel
Hoteldirektor Peter Schwarz mit Mundschutz Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Die Situation ist ein bisschen unwirklich. Ich habe neulich einen Gast gegrüßt, mit einem riesigen Mundschutz vorm Gesicht. Aber da war es eine Mitarbeiterin. Also man erkennt wirklich die Menschen nicht mehr", beschreibt er eine der neuen Herausforderungen durch die Corona-Regeln.

Gäste aus Risikogebieten dürfen nicht anreisen

Hoteldirektor Peter Schwarz erklärt, oberstes Gebot seien nun Hygiene, Abstand und Nachverfolgbarkeit. Das gelte für Gäste und Mitarbeiter. Diese Schutzmaßnahmen werden auf Grundlagen von Bestimmungen der Landesregierung umgesetzt. Hoteliers dürfen auch keine Gäste aus Risikogebieten empfangen. Die Reservierungen müssen immer wieder darauf geprüft werden. "Das ist sehr aufwendig. Wir gucken täglich auf diese Liste“," so Schwarz zu "exakt". Bisher habe bei ihm niemand aus einem Risikogebiet Übernachtungen gebucht. "Ich hoffe auch, dass es so bleibt", räumt der Hoteldirektor vom Cliff-Hotel ein. Dass auch all die anderen geltenden Auflagen eingehalten werden, würden er und die Abteilungsleiter überprüfen. Das Hotel sei mit dem Ordnungsamt im Kontakt. "In erster Linie kontrollieren wir uns selbst", so Schwarz. Da gewesen sei noch niemand von der Behörde.

Halten sich die Touristen an die Auflagen?

Damit Urlaubsorte nicht zum Infektionsherd werden, kommt es  auch auf das Verantwortungsbewusstsein der Gäste an. An Bord der Fähre von Schaprode nach Hiddensee haben "exakt"-Reporter noch vor der Öffnung Mecklenburg-Vorpommerns Touristen getroffen. Nicht alle haben die vorgeschriebenen Masken getragen.

Fähre Gäste
Gäste auf der Fähre - nicht alle mit Mundschutz Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ein älteres Paar erzählt, es sei bereits vor einer Woche im Urlaubsgebiet angekommen - da galt eigentlich noch ein Einreiseverbot für Mecklenburg-Vorpommern. Eine Unterkunft sei leicht zu finden gewesen, sagen sie "exakt". "Wir haben uns angemeldet und haben eine Ferienwohnung bekommen", schildern  sie freimütig.

"Lass hier ein, zwei  Fälle passieren. Ist die Insel dicht oder nicht?"

Dass sich die Gäste nicht an die Corona-Maßnahmen halten könnten, macht auch den Einwohnern auf Hiddensee Sorge. "Lass hier ein, zwei  Fälle passieren. Ist die Insel dicht oder nicht? Wie verfahren wir da?", äußert ein Insulaner gegenüber "exakt" seine Bedenken.

Thomas Gens, Bürgermeister von Hiddensee
Thomas Gens, Bürgermeister von Hiddensee Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Das ist die große Frage", sagt Hiddensees Bürgermeister Gens. Und er betont, er habe immer gesagt, dass diese geklärt sein müsse, bevor überhaupt über ein Neustartdatum geredet werde. "Und jetzt werden wir da so ein bisschen reingeworfen in dieses knallharte Pfingstgeschäft. Ich halte das auch für ein gewagtes Unternehmen. Und kann nur darauf pochen, dass wir Glück haben", so der Bürgermeister.

Kritik an fehlenden Plänen für Quarantänefall

Im schlimmsten Fall könne die Insel Hiddensee schnell unter Quarantäne gesetzt werden, schätzt der Bürgermeister ein. Umso wichtiger sei es gewesen, für den Ernstfall einen Plan für die Organisation von Infektionsschutz-Transporten oder Quarantänefällen von einzelnen Personen in der Schublade zu haben.

Jörg Heusler Gesundheitsamt Vorpommern-Rügen
Jörg Heusler, Gesundheitsamt Vorpommern-Rügen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dafür wäre das Gesundheitsamt Vorpommern-Rügen zuständig gewesen. Von dort heißt es: Ein Rücktransport von erkrankten Touristen sei kompliziert - wahrscheinlicher sei die Quarantäne im Hotel. Gesundheitsamtsleiter Jörg Heusler ist sich bewusst, dass die Hoteliers hier vor Herausforderungen stünden, "die man auch nicht genau absehen kann". Etwa durch Umbuchungen. Durch die beschränkte Maximalauslastung seien für den Ernstfall zumindest immer Zimmer frei. "Man hätte also jetzt akut für einen kurzen Zeitraum sicherlich die Möglichkeit, jemanden auch in einem Hotel zu isolieren. Hier ist es aber wirklich fraglich: Ist das möglich?", räumt  Gesundheitsamtsleiter Jörg Heusler ein.

Wer trägt die Hotelkosten von Urlaubern im Quarantänefall?

Das Landratsamt hat ein mobiles Abstrichteam auf der Insel Hiddensee eingerichtet. Per Amtshilfe wurde dafür die Bundeswehr mit ins Boot geholt. Marinesoldaten unterstützen so das Gesundheitsamt bei der Rückverfolgung möglicher Infektionsketten. Können diese aber nicht mehr nachvollzogen werden, muss im Ernstfall großflächig abgeriegelt werden. Nicht geklärt ist, wer dann die Kosten für einen längeren Hotelaufenthalt von Urlaubsgästen übernimmt. "Das haben wir schon abgefragt hinsichtlich unseres Landes", erklärt Gesundheitsamtsleiter Jörg Heusler. Das müsse im Einzelfall geklärt werden, sei die Antwort gewesen.

350.000 Übernachtungsgäste zu Pfingsten erwartet

Hoteliers in der Region bereitet die Vorstellung von mit dem Coronavirus infizierten Mitarbeitern oder Gästen Bauchschmerzen. Das "Cliff"-Hotel in Binz auf Rügen etwa hat gerade erst einen Großteil seiner Mitarbeiter aus der Kurzarbeit geholt.

Verkehr auf der Rügenbrücke
Verkehr auf der Rügenbrücke (Bild vom 25. Mai) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ein Quarantänefall in der Vorsaison würde den existenziell wichtigen Sommerbetrieb gefährden, sagt Hoteldirektor Schwarz. "Wir brauchen dreieinhalb Wintermonate, um den Umsatz eines Sommermonats zu erzielen", erklärt er "exakt". Aber auch das Pfingstgeschäft dürfte unter den gegebenen Umständen lukrativ werden. Über Pfingsten werden in Mecklenburg-Vorpommern über 350.000 Übernachtungsgäste erwartet.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt | 27. Mai 2020 | 20:15 Uhr