Nur eine Frage der Kosten? Seniorinnen kämpfen um häusliche Pflegebetreuung

Zwei Seniorinnen aus Treuen werden in einem Pflegeheim versorgt. Sie wünschen sich aber eine Hilfe daheim - durch einen günstigeren Betreuer aus Polen. Dessen Dienst wird vom Sozialamt jedoch nicht bezuschusst.

Carmen Luzius und Karin Zitterbart leiden unheilbar an fortschreitendem Muskelschwund und benötigen tägliche Pflegeleistungen. In ihrem Haus im sächsischen Vogtland, in Treuen, wurden die Schwestern von einem ambulanten Pflegedienst betreut. Das ermöglichte es ihnen, selbstbestimmt in ihrem gewohnten Umfeld weiter zu leben. Das Sozialamt zahlte für beide einen Zuschuss von etwa 1.000 Euro. Der Pflegedienst musste ihnen jedoch wegen Personalmangels kündigen.

Pflege durch polnische Pflegekraft – Kosten: 3.700 Euro

Die Seniorinnen suchten in der Region vergeblich nach Ersatz. Schließlich ließen sie sich einen polnischen Betreuer vermitteln. Dieser wohnte bei ihnen im Dachgeschoss und konnte die Damen rund um die Uhr betreuen. 3.700 Euro monatlich schlugen für die Schwestern unterm Strich zur Abdeckung aller Kosten zu Buche.

Mit Rente, Pflegegeld und Zuschuss vom Sozialamt wären die Kosten auch weiter für die Seniorinnen bezahlbar gewesen. Doch das Sozialamt strich den Zuschuss. Ein Schock für die hilfsbedürftigen Frauen. Ersparnisse und ein aufgenommener Kredit waren schnell aufgebraucht. Im Sommer 2019 mussten sie das Haus verlassen, kamen gegen ihren Willen in ein Pflegeheim. Ohnmächtig und diskriminiert habe sie sich gefühlt, erklärt Carmen Luzius "mdr-exakt".

Sozialamt gibt kein Geld für Bezahlung einer Vermittlungsagentur

Der engagierte Dienst  sei als Leistungserbringer von den Kranken- bzw. Pflegekassen nicht anerkannt, begründet das Amt seine Entscheidung. Es gäbe auch keinen Versorgungsvertrag mit den Pflegekassen. Das heißt: Für die Bezahlung der Vermittlungsagentur kann das Sozialamt demnach keine Hilfe gewähren.

Kosten für zwei Pflegeheimplätze: rund 6.500 Euro

Seit einem halben Jahr leben die Schwestern nun im Pflegeheim Panoramablick in Auerbach. Wo für beide rund 6.500 Euro an Kosten zusammenkommen. "In dem Modell, was die Schwestern bisher hatten, dass eine Person rund um die Uhr für die Schwestern da ist, das kann man natürlich im Pflegeheim in dieser Intensität nicht leisten", räumt Michael Hummel, Geschäftsführer der AWO Auerbach, ein. Die Schwestern fühlen sich dort gut versorgt. Doch wollen sie wieder selbstbestimmt zu Hause leben und soziale Kontakte pflegen können. "In unserer gewohnten Umgebung", wünscht sich  Carmen Luzius.

Hoffnung auf häusliche Pflege durch das Persönliche Budget …

Carmen Luzius, Karin Zitterbart und Gregor von Wilcke
Gregor von Wilcke, gerichtlich bestellter Berufsbetreuer der Schwestern, setzt sich für deren Belange ein. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Um die Belange beider Schwestern kümmert sich der gerichtlich bestellte Berufsbetreuer Gregor von Wilcke. Er sieht noch eine letzte Möglichkeit, dass beide  wieder im eigenen Haus leben können. Eine, wenn auch kleine, Hoffnung gebe es, die Pflegekosten über ein Persönliches Budget über das Sozialamt zu finanzieren. Mit diesem Persönlichen Budget können Menschen mit Behinderungen und chronisch Kranke ihre Betreuung zu Hause individuell organisieren und bezahlen – wenn der Antrag vom Sozialamt bewilligt wird. Die bürokratischen und personellen Hürden seien hier jedoch hoch. "Wir brauchen mindestens vier Pflegekräfte, um die 24-Stunden Versorgung im Schichtdienst von den Schwestern gewährleisten zu können", erklärt der gerichtlich bestellte Berufsbetreuer "mdr-exakt".

… für veranschlagte 17.300 Euro an Kosten

Die häusliche Betreuung im Rahmen des Persönlichen Budgets kostet laut einem ersten Angebot, das den beiden Schwestern vorliegt, rund 17.300 Euro pro Monat - für mehrere angestellte Betreuerinnen, die im Schichtdienst arbeiten.

"Exakt" hat beim zuständigen Landratsamt Plauen nachgehakt, ob im Fall der Schwestern aus Treuen eine Chance besteht, ihrem Wunsch nach einer häuslichen Pflege nachzukommen. Die Behörde erklärte daraufhin, eine Lösung sei in Sicht. Ein Betreuungsdienst sei bereits gefunden. "Vom Betreuer haben wir noch keine Rückinformation, ob und ggf. wann die beiden Frauen wieder in die Häuslichkeit entlassen werden können, so dass auch der Dienst noch nicht zum Einsatz kommen konnte", heißt es in der schriftlichen Antwort der Behörde.

Expertin fordert Reform, um Senioren vom Kostenrisiko zu befreien

Ulrike Kempchen
Ulrike Kempchen vom BIVA-Pflegeschutzbund in Bonn fordert eine Reform des deutschen Pflegesystems. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Beim BIVA-Pflegeschutzbund in Bonn berät Ulrike Kempchen Betroffene täglich zu Betreuungs- und Pflegeproblemen. Die Entscheidung des Sozialamtes im Falle der beiden Schwestern ist für sie zwar juristisch nachvollziehbar. Doch fordert sie ein verbessertes Pflegeangebot im ambulanten Bereich und eine grundlegende Reform des deutschen Pflegesystems. "Eine Forderung wäre, dass die Pflegeversicherung eine echte Pflegeversicherung ist. Dass also die Pflegebedürftigen einen bestimmten Anteil zu tragen haben und der Rest der Kosten voll finanziert ist. Und nicht wie jetzt – das Risiko voll beim Betroffenen liegt. Dann haben wir derartige finanzielle Probleme wie bei den Damen nicht", ist sich Ulrike Kempchen sicher.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt | 15. Januar 2020 | 20:15 Uhr