Häusliche Pflege Pflegende Angehörige wollen mehr Anerkennung von der Politik

Fast 80 Prozent aller Pflegebedürftigen werden derzeit in Deutschland zu Hause betreut. In der Corona-Krise ist jedoch die berufliche Pflege sehr in den Fokus gerückt. Deshalb beklagt der Verein "Pflegende Angehörige" eine Ungleichbehandlung während der Krise. Der Verein fordert nun einen gesellschaftlichen Diskurs über eine bessere Anerkennung für pflegende Angehörige.

Ein Mann kümmert sich um seine Ehefrau, die an Alzheimer erkrankt ist.
Einen Angehörigen zu Hause zu pflegen, ist oft mit Konflikten und einer hohen psychischen Belastung verbunden. Deshalb fordern pflegende Angehörige mehr Anerkennung von Gesellschaft und Politik. Bildrechte: dpa

Brigitte Braun pflegt ihren demenzkranken Mann und ist berufstätig. Wenn sie arbeiten muss, bringt sie ihn zur Tagespflege, denn nur so kann sie ihren Job behalten. Zu Beginn der Corona-Krise war die Einrichtung geschlossen und Braun auf sich allein gestellt: "Machen Sie mit einem schwer demenzkranken Mann zu Hause mal Homeoffice."

Braun saß also im Endeffekt elf Wochen zu Hause, hat von einer Woche zur nächsten die Corona-Verordnungen gelesen und den Kontakt zur Leiterin der Tagespflege ihres Mannes gehalten, die ihr immer wieder sagte, dass man so schnell aufmache, wie es gehe. Und dann sind da noch ihre Eltern und ihr Sohn: "Ich konnte meine Eltern im Heim nicht besuchen und mein Sohn hat sich nicht zu uns getraut. Er hat gesagt: 'Du, wenn du was brauchst, ich hol es dir, aber ich stell es dir in den Keller.'"

Verein für pflegende Angehörige gegründet

Knapp 3,7 Millionen Pflegebedürftige gibt es in Deutschland – fast 80 Prozent von ihnen werden zu Hause gepflegt. Für die Angehörigen kann das zum Balanceakt werden. Das weiß auch Annelie Wagner aus Zwickau. Sie hat elf Jahre lang zu Hause ihre Mutter gepflegt. Damals begann sie, sich mit anderen Pflegenden zu vernetzen und sich bundesweit für mehr Anerkennung der Angehörigen einzusetzen.

Nach dem Tod ihrer Mutter führte Wagner das Engagement fort. Im Verein "Pflegende Angehörige" bringt sie Betroffene aus Sachsen und ganz Deutschland zusammen. Eine Interessensgemeinschaft für pflegende Angehörige sei wichtig, aber selten, sagt sie. Und das habe auch seinen Grund, denn: "Pflegende Angehörige, die aktuell pflegen, die haben einfach zu tun und sich dann noch zu organisieren, das ist eine ganz anstrengende Tätigkeit."

Jerzy der Pfleger 8 min
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Jerzy arbeitet rund um die Uhr. Der junge Pole pflegt in Deutschland eine 92-jährige demenzkranke Frau. Er träumt von einer Zukunft in Deutschland.

Do 16.10.2014 11:17Uhr 07:57 min

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Hohe psychische Belastung für Pflegende

Mit Fragen und Problemen können sich die Angehörigen an die Pflegekassen und an Beratungsstellen wenden. Eine davon ist die Beratungsstelle für Senioren und Angehörige der Arbeiterwohlfahrt in Dresden. Dort arbeitet Tom Motzek. Die Menschen, die er berät, hätten vor allem Angst davor, selbst einmal auszufallen, sagt er: "Wie finde ich Entlastung? Wie kann jemand anderes mal meinen Angehörigen pflegen? Da geht es darum, wenn man selbst ins Krankenhaus muss oder wenn man auch mal einfach nur für sich Zeit haben will, in den Urlaub fahren will." Und die größte Sorge sei, in diesem Fall eine Option zu finden.

Hinzu komme die psychische Belastung der Pflegesituation zu Hause. Die Herausforderung sei dann, "dass es manchmal auch sehr anstrengend sein kann, dass die Kommunikation manchmal nicht so gut miteinander funktioniert, dass man vielleicht auch Schuldgefühle hat oder dass die Familiendynamik ungünstig verläuft. Das kann natürlich sehr belasten und überfordern".

Es gehe auch darum, dass man eine Möglichkeit finde, wie die Angehörigen wieder mehr Zeit für sich nehmen, denn "viele pflegende Angehörige können auch in eine soziale Isolation kommen. Also, dass sie einfach wenig Kontakt zu anderen haben und wenig Schlaf".

Beratungsangebote kaum mit Alltag vereinbar

Anders als in anderen Bundesländern gibt es in Sachsen keine Beratungsstellen vom Land, sogenannte Pflegestützpunkte. Stattdessen gibt es die Beratungsangebote der Pflegekassen, von Vereinen und Verbänden.

Brigitte Braun fühlt sich von der Politik im Stich gelassen: "Das Land Sachsen hat sich aus meiner Sicht schon aus der Daseinsfürsorge für eine große Bevölkerungsgruppe verabschiedet."

Das Sächsische Sozialministerium verweist auf die Beratung der Pflegekassen und die digitale Pflegedatenbank des Freistaats. Braun sagt, sie habe die Beratungsangebote zwar schon genutzt, aber sie seien aber oft nicht mit ihrem Alltag vereinbar. Und im Notfall sei sie dann auf sich allein gestellt.

Mehr Anerkennung für häusliche Pflege gewünscht

Annelie Wagner hat noch einen weiteren Kritikpunkt: den Status in der Gesellschaft. "Wir haben es ja jetzt erlebt: Zur Corona-Zeit ist die berufliche Pflege sehr in den Fokus gerückt. Dabei sind die pflegenden Angehörigen die tragende Säule der Pflege. Ich wünsche mir sehr, dass der gesellschaftliche Diskurs beginnt und dass wir da beteiligt werden." Es sei wichtig, dass Pflege als Gesamtheit betrachtet werde, betont Wagner.

Für mehr Anerkennung sorge die Vernetzung im Verein. Auch Brigitte Braun ist seit Kurzem Mitglied bei den "Pflegenden Angehörigen", um sich für deren Bedürfnisse stark zu machen. Für ihre persönliche Zukunft wünscht sie sich: "Dass ich es lange noch schaffe, mich zu kümmern. Pflege stresst, Pflege kann krank machen. Pflege kann dazu führen, dass man selbst als Pflegender nicht mehr die Zeit hat, sich um bestimmte Sachen zu kümmern." Vor allem wünscht sie sich, dass sie eine gute Betreuung für ihren Mann finde, wenn sie selbst es nicht mehr schaffe.

Wenn es geht, wollen sich die Mitglieder des Vereins "Pflegende Angehörige" auch wieder persönlich treffen – zum Austausch mit Menschen, die die eigene Situation nachvollziehen können, weil sie selbst drin stecken.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 19. September 2020 | 08:05 Uhr