Interview | Corinna Pietsch Virologin: Komplett-Lockdown aus epidemiologischer Sicht wünschenswert

Corinna Pietsch ist Chef-Virologin am Leipziger Universitätsklinikum. Im Interview spricht sie über Infektionsrisiken am Arbeitsplatz, die Verantwortung der Arbeitgeber und einem möglichen Komplett-Lockdown.

MDR AKTUELL: Frau Pietsch, welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht der Arbeitsplatz beim Infektionsgeschehen und der Virusausbreitung?

Corinna Pietsch: Ja, die spielen natürlich eine Rolle. Auch da finden Kontakte zwischen Menschen statt. Es gibt Übertragungsgelegenheiten für das Virus. Und wenn man sich die Zahlen anguckt von den Fällen, wo man weiß, wo die Übertragung stattgefunden hat, ist der Arbeitsplatz so bei fünf bis zehn Prozent der Fälle schon benannt.

Wo sehen Sie da besondere Schwachstellen?

Schwachstellen sind natürlich solche Gelegenheiten wie in Großraumbüros, wo man zwar vielleicht so Plastikwände aufgestellt hat, um die Direktübertragung zu vermeiden. Aber Aerosole sammeln sich da trotzdem an. Oder Sammeltransporte auf eine Baustelle in kleinen Autos. Und ganz kritisch überall sind immer diese Pausenzeiten, also das gemeinschaftliche Essen, das ist die gemeinschaftliche Raucherpause. Und natürlich auch der Weg zur Arbeit selbst, ist auch natürlich schon problematisch.

Was immer wieder auffällt ist, dass beispielsweise an Baustellen, die Arbeiter sehr eng ohne Maske beieinander stehen, also nicht nur beim direkten Arbeiten, sondern auch wenn Pause ist. Muss man da die Unternehmen noch stärker in die Pflicht nehmen?

Ja, das sollte natürlich nicht passieren. Es ist schon so, wenn man diesen Abstand nicht einhalten kann, auch wenn man sich draußen aufhält, muss man entsprechende Masken auf jeden Fall tragen. Im besten Fall natürlich FFP2-Masken. Und da ist der Arbeitgeber ganz klar in der Verantwortung, das zu realisieren, um auch einfach den Gesundheitsschutz seiner Mitarbeiter gewährleisten zu können. Und das muss auch durchgesetzt und kontrolliert werden.

Welche Branchen sind die besonderen Infektionsherde?

Das ist schwer zu sagen. Es ist natürlich, wie gesagt, natürlich in einer Produktion, bei der Montage auf dem Bau, da wird schon einiges passieren. Und wenn man in solchen Verwaltungseinheiten kein mobiles Arbeiten zulässt, sondern die Person weiterhin in die Großraumbüros steckt. Auch das ist natürlich ein relevantes Infektionsrisiko. Und da sollte man alles vermeiden, was man vermeiden kann. Natürlich gibt es auch Infektionen im Gesundheitssektor, die man nicht immer hundertprozentig vermeiden kann, weil einfach die Krankenpflegerin nicht im Homeoffice arbeiten kann.

Nun wird, weil der momentane Lockdown noch nicht so viel gebracht hat, auch immer öfter über einen möglichen kompletten Lockdown der Wirtschaft diskutiert. Also ein Runterfahren aller Betriebe, die nicht unbedingt überlebenswichtig sind. Welchen Effekt hätte das aus Ihrer Sicht?

Aus epidemiologischer Sicht wäre das natürlich wünschenswert, dass man lieber einmal richtig alles zumacht, und sei es für einige wenige Wochen. Das ist sicherlich vielleicht am Ende effizienter, als langfristig immer nur alles halb zu schließen.

Wie lange müsste dieser komplette Lockdown dann dauern?

Also ich denke, zwei Wochen müsste das wahrscheinlich mindestens sein.

Und dann werden wir das Virus los?

Nein, natürlich nicht. Aber es hätte einen relevanten Effekt auf die Infektionszahlen. Da bin ich mir ziemlich sicher.

Coronna Pietsch ist Leiterin des Instituts für Virologie an der Uniklinik Leipzig und Fachärztin für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 12. Januar 2021 | 13:00 Uhr

92 Kommentare

Wikreuz vor 4 Tagen

Ich beobachte zunehmend lokale Testungen in Schulen Altersheimen Verwaltungen.
Dies ist der falsche Gedankenansatz: Hier sollen nur "negativ getestete Personen" Zugang erhalten. Richtig wäre: kostenlose Massentests um "Positiv getestete Personen" einer Quarantäne zu zuführen. Siehe Auch Beitrag der "Grünen" im Bundestag vom 13.1.2021. Ich Prophezei: Ehe nicht konsequent getestet wird, werden die Corona Infektionszahlen nicht sinken.

jako vor 4 Tagen

Für den misserablen Schutz der Heime wo 70 bis 80 Prozent der schweren Verläufe herkommen sind die Regierenden zuständig. Die Lockerungen bei Höchstzahlen zu Weihnachten mit größeren Reiseverkehr und dem damit verbundenen Treffen der Generation hat auch Kretschmar und Co zu verantworten. Der kleine Grenzverkehr wurde viel zu lange zugelassen jetzt sind die Ferien kurzfristig verschoben mit den Effekt dass Eltern jetzt in der Zeit wo Sie sich um die Betreuung der Kinder gekümmert hätten arbeiten müssen und in der neuen Ferienzeit sich die Großeltern kümmern müssen. Es ist mir aus genannten Gründen zu billig die Verantwortung für die hohen Todeszahlen der ungeliebten Partei zuzuschreiben. Jetzt gibt es eine Impfung warum nicht zielgerichtet die Menschen die aus bekannten Gründen zuerst geimpft werden mit Maßnahmen belegen? Die Jugend gehört überhaupt nicht mehr beschränkt da Sie mit dem Virus sehr gut leben kann.

REXt vor 4 Tagen

Hallo Dermbacherin, gerade in einem alternativen Medium gelesen, die Stimmung kippt in Bayern. Die erkennen wohl gerade, der MP S. ist ein Selbstdarsteller, wie Lauterbach auch. In S,s Fam. soll es ja Profiteure einer strengen Maskenpflicht geben.