Meine Wende Christof Günther: Vom Monteur zum Manager von InfraLeuna

MDR-Wirtschaftsjournalist Ralf Geißler
Bildrechte: Ralf Geißler

Bei MDR AKTUELL fragen wir in dieser Woche Menschen aus Wirtschaft, Kultur und Politik, wo sie den Mauerfall verbracht haben, wie die Wende ihr Leben beeinflusst hat und was aus ihnen geworden wäre, wenn es die DDR heute noch gäbe. Diesmal im Porträt: Christof Günther, der Chef des Chemieparks Leuna.

Ein Mann lächelt in die Kamera. Er steht draußen vor einem Baum an einem Hauseingang.
Christof Günther ist der Chef von InfraLeuna Bildrechte: MDR/Ralf Geißler

Als die Mauer fiel, war Christof Günther Soldat: Panzer-Elektriker bei der Nationalen Volksarmee (NVA), stationiert in Halle. Er kannte damals schon den Chemiepark Leuna – zumindest aus der Ferne. "Ich bin hier regelmäßig mit der Bahn durchgefahren, als ich in Halle meinen Grundwehrdienst geleistet habe. Und wenn man hier durchfuhr, sagten die Leute schon einige Kilometer vorher: Mach mal die Fenster zu, wir fahren gleich durch Leuna und da stinkt es."

Der Chemiepark boomt und ist sauber

Günther sitzt in seinem Auto, auf einer kleinen Reise durch Leuna und in seine Vergangenheit. Er trägt einen schmal geschnittenen Anzug über einem strahlend weißen Hemd. Schon die Kleidung signalisiert: In Leuna rußt und stinkt fast nichts mehr.

Er fährt am Kraftwerk vorbei, unter Versorgungsleitungen hindurch. An auffallend vielen Orten wird gebaut. Der Chemiepark erlebt gerade seinen zweiten Boom nach der Wiedervereinigung. "In zwei Jahren wird man das alles hier nicht mehr wiedererkennen. Hier auf diesem Bereich wird eine neue Schaltanlage stehen – der Bagger hebt gerade die Baugrube aus. Und dahinter entstehen dann neue Kühlwerke, die neue Deionat-Anlage [Anmerkung der Redaktion: Deionat ist demineralisiertes Wasser] und die Drucklufterzeugung."

Begrenzte Möglichkeiten in der DDR

Günther managt die Betreibergesellschaft InfraLeuna seit acht Jahren. In der DDR hätte er alle für verrückt erklärt, die ihm diese Zukunft vorausgesagt hätten. Günther ist Sohn eines Pfarrers aus dem thüringischen Oberweißbach. Da waren die Karrieremöglichkeiten begrenzt.

Mir wurde damals in der Berufsberatung gesagt: Als Elektromaschinenbauer kannst du jedes elektrische Gerät reparieren. Das fand ich ganz toll und habe den Beruf gelernt. Und es stimmte: Ich habe alles, was elektrisch war, irgendwie repariert.

Christof Günther

Günther beginnt 1985 als Lehrling im VEB Reparaturwerk Clara Zetkin in Erfurt. Die Revolution 1989 erlebt er in der Kaserne in Halle.

Die Wende erlebt er in der NVA-Kaserne

Die Stimmung unter den Soldaten ist damals angespannt, besonders am 7. Oktober – dem 40. Jahrestag der DDR. "Da war in der Kaserne Alarmstufe Rot. Wir durften die Kaserne nicht mehr verlassen, die telefonischen Verbindungen wurden gekappt. Und die Mot-Schützen [Motorisierte Schützentruppen], wie man die damals nannte, bekamen ihre Waffen ausgehändigt. Da hatte ich schon große Angst, weil die Gefahr bestand, dass ein großes Blutvergießen stattfindet."

Auch am Tag des Mauerfalls ist Günther kaserniert. Er erfährt vom historischen Ereignis erst am nächsten Tag. Zigtausende gucken sich fix mal den Westen an. Soldat Günther darf nicht. "Es gab nur einmal die Woche die Möglichkeit, Ausgang zu erhalten. Und da war festgeschrieben, dass man den Ausgang am Standort und in Uniform zu verbringen hatte. Also einfach mal in den Zug setzen und irgendwohin fahren, das war nicht vorgesehen. Schon gar nicht nach West-Berlin." Weihnachten 1989 bekommt Günther Urlaub und reist das erste Mal nach Bayern.

Die Wende bringt viele Optionen

Nach der Wiedervereinigung nutzt Günther die neuen Möglichkeiten, studiert in Deutschland, in den USA und den Niederlanden. Er beginnt bei einer Unternehmensberatung und wechselt zu einem Energiekonzern. 2004 kommt er als Manager nach Leuna.

Und wenn die Mauer nicht gefallen wäre? Zumindest hätte Christof Günther auch dann gern Elektrotechnik studiert. Ob es tatsächlich so gekommen wäre, weiß er natürlich nicht. Seine Vermutung:

Möglicherweise wäre ich dann heute nach wie vor im VEB Reparaturwerk Clara Zetkin in Erfurt tätig und würde Generatoren und Großmotoren für Braunkohlenkraftwerke reparieren.

Christof Günther

Sein ehemaliger Ausbildungsbetrieb ist inzwischen ein Ableger von Siemens. Vor ein paar Jahren hat Günther dort einen Generator für Leuna bestellt. Zur Abnahme kam er persönlich vorbei. Die alten Kollegen führten alles vor. Doch eigentlich hätte er die Endprüfung auch selbst machen können. Schließlich hatte er genau hier und genau das bei ihnen gelernt.

Meine Wende – Alle Teile dieser Serie:

30 Jahre Deutsche Einheit

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 29. September 2020 | 05:00 Uhr

1 Kommentar

Sachsin vor 9 Wochen

Sehr gutes Beispiel auf 30. Jahre Deutsche Einheit stolz zu sein. Daumen hoch!