Meine Wende Ines Härtel: Die erste Ostdeutsche am Bundesverfassungsgericht

Jessica Brautzsch
Bildrechte: MDR/Markus Geuther

Ines Härtel wurde im 30. Jahr der Einheit die erste ostdeutsche Richterin am Bundesverfassungsgericht. Wir stellen die 1972 in Staßfurt Geborene vor – zum Auftakt unserer Reihe über Persönlichkeiten, die besonders von der Wende geprägt wurden.

Fleiß und Wandel – das sind die leitenden Motive im Leben von Ines Härtel. Fleißig zu sein, lernte sie auf der Erweiterten Oberschule ihrer Geburtsstadt Staßfurt. Einer Schule, die in der ganzen DDR für Disziplin bekannt war. Früh entwickelte sie als Kind den Wunsch, Menschen zu helfen.

"Dieses Helfen war immer schon veranlagt"

Das tat sie als Jugendliche beim Deutschen Roten Kreuz – in der Zeit der Vorwendejahre, als sich die Stimmung in der DDR änderte: "Man hat so ein bisschen das Knistern gemerkt. (…) Wir haben viel darüber diskutiert – nicht in der Schule, aber im privaten Umfeld –, was für uns daraus entstehen wird. Da haben wir doch gehofft, dass auch für uns Freiheit und Demokratie eintreten könnten."

Für Ines Härtel fiel die deutsche Einheit mit der Volljährigkeit zusammen. Die letzten Wochen in der Schule nach dem Mauerfall waren für sie von demotivierenden Ansagen der ehemaligen DDR-Lehrkräfte geprägt: "Da hieß es, im Westen sei man ja viel schlauer als im Osten. Das wurde uns gleich deutlich gemacht." Dass das nicht so war, merkte Härtel spätestens im Studium in Göttingen. Der gelernte Fleiß zahlte sich in guten Leistungen aus.

Dass sie sich für Jura entschied, hing auch mit der deutschen Einheit zusammen: "Dieses Helfen war immer schon veranlagt." In der Wendezeit sei ihr klar geworden, dem Einzelnen zu seinem Recht verhelfen zu wollen.

Veränderungen offen gegenübertreten

Auf die Nachwendejahre blickt Härtel mit Bewundern. Sie sah die Schwierigkeiten, mit denen die Leute zu kämpfen hatten, wenn sie die Heimat besuchte. Aber sie sah auch die Kraft, die die Menschen damals zeigten:

Wenn man einen großen Wandel erlebt: Dass man dann realisieren kann, jetzt geht es weiter – auch mit einer großen Veränderung –, das ist eine ganz wichtige Erfahrung.

Ines Härtel

Diese Fähigkeiten brauche man noch heute, ergänzt Härtel. Auch in ihren Fachgebieten geht es um Neues und Veränderungen: Digitalisierung und Globalisierung. Zu ihnen lehrte und forschte sie an zahlreichen Universitäten wie der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder.

Ostdeutsche Bundesrichter findet sie wichtig

Dann wurde ein neuer Richterposten am Bundesverfassungsgericht frei – und er sollte ostdeutsch besetzt werden. Die Wahl fiel auf Ines Härtel. Seitdem ist ihr Name mit dem Label "erste ostdeutsche Bundesverfassungsrichterin" verbunden. Härtel freut es. Sie findet es wichtig, dass "auch solche Erfahrungsräume" eine Rolle spielten.

Ich bin in Ostdeutschland geboren, das ist meine Heimat und bleibt meine Heimat.

Ines Härtel

Seitdem sie Verfassungsrichterin ist, hat sich ihr Arbeitspensum massiv erhöht. Es blieb kaum Zeit, sich der Presse vorzustellen. Nur für den MDR, in dessen Sendegebiet ihre Heimat liegt, machte sie eine Ausnahme.

Mehr Möglichkeiten durch die Wiedervereinigung

Wie wäre ihr Leben ohne die deutsche Einheit verlaufen? Hätte sie sich trotzdem für die Rechtswissenschaften entschieden? Sie sagt: "Das ist eine fiktive Frage. Es ist immer schwierig zu sagen, 'Was wäre gewesen, wenn ...'." Sie vermutet aber, dass ihre Wahl wohl anders ausgefallen wäre. Die deutsche Einheit habe ihr viele Möglichkeiten und Freiheit gegeben. Für Ines Härtel sei sie einfach zur rechten Zeit gekommen.

Meine Wende – Alle Teile dieser Serie:

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 28. September 2020 | 05:47 Uhr

2 Kommentare

Spinnenweberin vor 3 Wochen

geht doch 😎😎 Frauenpower 👍👍👍
von wegen keine Ostfrauen in wichtigen Positionen; wer nicht auf hohem niveau jammert sondern handelt bringt uns voran; gerade in der not erweist sich wer wirklicher freund oder eben nicht ist

kleinerfrontkaempfer vor 4 Wochen

Zur Wende/Beitrittszeit gerade mal mündig kann die Frau allenfalls als ostdeutsches Alibi dienen. Von der Denk und Handelsweise her ist sie bundesdeutsch.