70 Jahre Progress-Filmverleih "Dass einer unabhängig einen Film in die DDR-Kinos gebracht hätte, das war undenkbar"

Wenn Filme heute in die Kinos gebracht werden, dann von Filmverleihern wie Constantin oder Tobis oder Sony. Zu DDR-Zeiten gab es nur einen Verleih, den Progress-Filmverleih. Peter Beddies verdeutlicht dessen Bedeutung.

Ein Archiv von alten Filmuntensilien
"Die Legende von Paul und Paula" ist einer der DEFA-Filmschätze, die im Bestand des Progress-Filmverleihs sind. Bildrechte: dpa

Die Interviewpartner MDR-Filmexperte Peter Beddies hat mit Norbert Wehrstedt über die Bedeutung des Filmverleihs "Progress" für die DDR gesprochen. Norbert Wehrstedt war viele Jahre Filmredakteur  der Leipziger Volkszeitung. Seit Ende der 1970er-Jahre hat er sich intensiv mit Film und Kino beschäftigt.

Peter Beddies: In der DDR wirkt im Rückblick ja vieles allmächtig - der Staat - die Partei - die Stasi. Wie mächtig war Progress?

Norbert Wehrstedt: Eigentlich gar nicht. Die waren abhängig von allen politischen Entscheidungen. Also, selbständiges Handeln – glaube ich – war bei Progress als Vertriebs-Organisation nicht möglich. Das war im Grunde genommen – nein, es war real ein Parteibetrieb.

Wer DDR und Film sagt, kommt an der DEFA nicht vorbei. Wie war die mit Progress verbandelt?

Alle DEFA-Filme konnten nur von Progress vertrieben werden. Es war ja ein Monopol-Verleih. Es gab gar keinen anderen Verleih. Anders ging es gar nicht. Also, dass einer unabhängig einen Film in die DDR-Kinos gebracht hätte, das war undenkbar.  

Ca. 150 Filme hat Progress jedes Jahr in die DDR-Kinos gebracht. Die meisten stammten aus den sozialistischen Bruderländern, wie der Sowjetunion oder Polen und Ungarn. Wobei die letzten beiden Länder, erinnert sich Norbert Wehrstedt, immer für reichlich Ärger gesorgt haben.

Weil wir immer der Meinung waren, dass gerade aus den sozialistischen Ländern, die Filme, die wir sehen wollten, nicht gekommen waren. Vor allem aus Polen und aus Ungarn.   

Mit anderen Worten: Kritik war nicht erwünscht. Oder wenn, dann nur auf Anordnung aus Berlin. Auch Filme aus dem kapitalistischen Ausland wurden aufgekauft. Zum Beispiel aus der BRD.

Also, Didi Hallervorden (lacht), den musste man wirklich nicht ankaufen. Aber er wurde angekauft. Otto wurde angekauft. Es wurde eher so auf dem Unterhaltungs-Bereich gekauft.

Es durften aber auch, so Norbert Wehrstedt, kritische Filme aus dem Westen laufen. Zum Beispiel jene von Margarethe von Trotta.

Oder auch Filme mit Hannelore Elsner sind gelaufen. Denn Elsner hat ja auch in der DDR gedreht. Einen Film zumindest mit Dean Reed.  

Und wie sah es mit den Blockbustern aus? Da gab es ja reihenweise welche, die ideologisch unverfänglich waren. Aber?

Da war ihnen geldlich immer sehr enge Grenzen gesetzt. Also, es gab nicht so viel Devisen in der DDR, um da so einen großen Film einzukaufen. "E.T." zum Beispiel: Ich weiß, dass da lange darüber diskutiert wurde. Aber dann war er doch wieder zu teuer.   

Erst zum Ende der DDR - als viele Menschen ihn schon in Ungarn gesehen hatten - durfte der Film von Steven Spielberg auch in der DDR laufen. Gemäß der Devise - es war nicht alles schlecht - fallen dem Film-Journalisten Norbert Wehrstedt aber auch ein paar Filmerlebnisse ein, die er Progress zu verdanken hat.

"Ich war 19" von Konrad Wolf hat mich ganz stark beeindruckt, als ich den das erste Mal gesehen habe. "Solo Sunny" war stark beeindruckend. Und ganz am Ende 1990 "Die Architekten", den ich immer wieder empfehle.  

"Die Architekten" kam Mitte 1990 in die Kinos und wurde leider nicht als das erkannt, das es ist: Der große Wurf, der zeigt, dass in der DDR vieles sehr gut gemeint war. Aber systembedingt schief gehen musste.   

- Das Gespräch mit Norbert Wehrstedt führte Peter Beddies. -

Ein Mann in einer Archivkammer mit Filmrollen 9 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 04. August 2020 | 20:15 Uhr