Reformationstag Bischöfe rufen zu Toleranz auf

Bundesweit haben evangelische Christen den Reformationstag gefeiert. In Wittenberg waren es rund 30.000. In ihren Predigten riefen Bischöfe zu mehr Toleranz und Verständigung in der Gesellschaft auf.

Besucher sitzen am Reformationstag in der Schlosskirche zu Wittenberg.
Mit einem Gottesdienst in der Wittenberger Schlosskirche wurde an den Beginn der Reformation erinnert. Bildrechte: dpa

In ihren Predigten zum Reformationstag haben evangelische Bischöfe bundesweit zu mehr Toleranz und Verständigung in der Gesellschaft aufgerufen. Die stellvertretende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Annette Kurschus, verurteilte dabei jede Form von Ausgrenzung.

Kurschus: "Mund aufmachen"

Sie sagte während eines Gottesdienstes in der Schlosskirche in Wittenberg, gegenwärtig zögen Spuren von Menschenverachtung und hasserfüllter Wut durch sämtliche Teile Europas und der ganzen Welt. Sie forderte die Gottesdienstbesucher auf, den Mund aufzumachen, wo die Würde und die Freiheit anderer in den Dreck gezogen würden.

Bischöfe warnen vor Antisemitismus

Mehrere Bischöfe warnten in ihren Predigten vor wachsendem Rassismus, Antisemitismus und Fremdenhass. Der Bischof der hannoverschen Landeskirche, Ralf Meister, warnte, Rassismus, Antisemitismus und Fremdenhass seien nie weg gewesen. Sie kämen wieder an die Oberfläche und rissen andere in ihre Dummheit und ihren Wahn.

Dröge schlägt Tag der Toleranz vor

Der Berliner Bischof Markus Dröge schlug angesichts von völkischem Gedankengut und Übergriffen auf Juden vor, den Reformationstag als einen Tag interreligiöser Verständigung und Tag der Toleranz zu feiern; als einen Tag für das friedliche Miteinander der Religionen und für eine offene Gesellschaft.

30.000 feiern in Wittenberg

An den Originalschauplätzen der Reformation feierten in Wittenberg rund 30.000 Menschen ein Fest. Der Überlieferung zufolge soll Martin Luther an die Tür der Schlosskirche seine 95 Thesen angebracht haben.

Neben Festgottesdiensten und -konzerten in den Kirchen fand ein historisches Marktspektakel auf Plätzen und in Höfen der Altstadt statt. An den Originalschauplätzen der Reformation hielten zahlreiche Handwerker, Händler und Wirte ihre Angebote bereit.

Diskussion um "Judensau"-Relief

Das Fest wurde begleitet von Protesten gegen ein umstrittenes Relief an der Stadtkirche in Wittenberg. Rund 30 Mitglieder des "Bündnisses zur Abnahme der Judensau" forderten, dass das Relief abmontiert werde. Sie verwiesen dabei unter anderem auf den Anschlag auf die Synagoge von Halle.

Wittenberg protest gegen Judensau Stadtkirche
Proteste gegen das "Judensau"-Relief in Wittenberg. Bildrechte: dpa

Auch die EKD-Vize-Chefin Kurschus sprach sich dafür das "Judensau"-Relief von der Fassade der Schlosskirche zu entfernen. Sie sagte im ZDF, alles, was Antisemitismus befördern könnte, solle aus der Öffentlichkeit verbannt werden.

Der Pfarrer der Wittenberger Stadtkirche, Johannes Block, sagte hingegen, eine Gedenktafel und eine Hinweistafel seien Ausdruck der Trauer und der Distanzierung von der Geschichte des Antisemitismus. Man wolle das Erbe dieser Schmähplastik nicht zu verleugnen, sondern am Originalplatz Geschichte präsentieren und aufarbeiten.

Mittelalterliche Judensau, ein Schmäh- und Spottbild an der Stadtkirche St. Marien in Wittenberg
Bildrechte: IMAGO

Das "Judensau"-Relief Das Relief zeigt einen Rabbiner, der einem Schwein unter den Schwanz schaut und Juden, die an den Zitzen des Tieres trinken. Die Kontroverse gibt es seit einigen Jahrzehnten. 1988, 50 Jahre nach Beginn der Pogrome in Deutschland, war am Boden ein Gedenkstein eingelassen worden. Aktuell liegt der Fall um dessen Entfernung beim Oberlandesgericht Naumburg.

Felix Seibert-Daiker 3 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 31. Oktober 2019 | 12:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 31. Oktober 2019, 00:35 Uhr

13 Kommentare

Anhaltiner vor 12 Wochen

Lutherstadt Wittenberg, Deutschland, Stadtkirche, Südostflügel Sandsteinrelief mit Gravur um 1440; andere Quellen: um 1300 gut erhalten, restauriert. 2019 werden Forderungen laut , das Relief zu entfernen. Warum nicht gleich die Kirche sprengen ?

Horst Schlaemmer vor 12 Wochen

Die schwere Schuld, sich so massiv vom NS-Staat vereinnahmen zu lassen (Stichwort: "Deutsche Christen"), hat die Evangelische Kirche schon im Stuttgarter Schuldbekenntnis 1945 eingestanden. Gerade wegen dieser Vereinnahmung in der NS-Zeit, sieht sie sich heute in der Tradition der Bekennenden Kirche, und wird sich nie wieder von völkischen Kräften derart vereinnahmen lassen und auch das Reformationsjubiläum nicht mehr wie einst auf deutschtümelnd feiern.
Was die Judensau an der Wittenberger Stadtkirche betrifft, denke ich anders als Sie und der Antisemitismusbeauftragte. Ich meine, das Relief muss dort bleiben und nicht abgeschoben werden in ein Museum - als vielbeachtete Mahnung vor Antisemitismus auch in den Kirchen. Die Stele unten ordnet schon lange das Relief oben gut ein.
Auch schwierige Geschichte muss vor Ort erinnerungsbedürftig bleiben, erklärt und eingeordnet werden. Andernfalls müssten auch ganz viele Altarbilder in Kirchen, die Juden verunglimpfen, "bildergestürmt" werden.

H.E. vor 12 Wochen

@ Horst Schlaemmer
Und die NAZIS haben versucht die Kirchen auch zu vereinnahmen, die NPD steht also in deren Tradition. Die evangelische Kirche war gespalten in die Hörigen und die BEKENNENDE KIRCHE, dies darf NIE vergessen werden.

Bei anderen wurde auch versucht, diese zu vereinnahmen. Z.B. die VERBRECHER HITLER und HIMMLER waren ganz große Fans vom ISLAM und haben im BALKAN die MUSLIME massiv aufgehetzt mit ERFOLG gegen die dortige jüdische Bevölkerung und sie animiert und BELOHNT, wenn sie die Bevölkerung jüdischen Glaubens angezeigt haben, damit diese dann festgenommen und in KZ's gebracht werden konnten.
Auf jeden Fall sollte endlich mal die JUDENSAU von der Wittenberger Kirche entfernt werden in ein Museum.