Straßenverkehr Warum der Mai für Rehe gefährlich ist

Vielleicht ist es Ihnen aufgefallen: In den vergangenen Tagen war in den Verkehrsmeldungen ziemlich häufig von Rehunfällen die Rede. Aber warum geraten Rehe derzeit scheinbar häufiger in den Straßenverkehr? Haben sie vielleicht während des Lockdowns ihre Scheu etwas verloren? Oder ist das normal zu dieser Jahreszeit? Hier lesen sie mögliche Gründe.

Rehbock, Reh
Wenn Rehe und Rehböcke durch ihre Reviere streifen oder sich ein neues suchen, müssen sie immer wieder auch Straßen überqueren. Bildrechte: Alvin Tarkmees/ Comedy Wildlife Photography Award 2020

Der Wonnemonat Mai. Blumen blühen. Vögel brüten. Und Rehe überqueren Straßen? Nicht ganz. Denn Wildunfälle mit Rehen gibt es das ganze Jahr über. Die meisten im Oktober, November und schließlich auch im Mai.

Statistisch gesehen machen Rehe 41 Prozent aller Wildunfälle aus. Das ergab eine wissenschaftliche Auswertung von knapp 20.000 Unfallmeldungen aus dem Tierkataster des Deutschen Jagdverbands.

Zeitumstellung und Reviersuche

Doch was machen die Tiere im Mai auf den Straßen? Dazu gibt es ganz verschiedene Theorien. Stefan Stiefel ist unter anderem Sachgebietsleiter für Jagd in der Thüringen-Forst-Zentrale in Erfurt. Er glaubt: "Im Mai werden die kleinen Kitze gesetzt, und das ist die Zeit, in der die alten Ricken den Nachwuchs vom letzten Jahr in die Flucht schlagen. Sie verscheuchen die."

Darum müssten die Jungtiere vom vergangenen Jahr sich im Mai ein neues Revier suchen, sagt Stefan Stiefel weiter. Gerade die Jährlingsböcke und die Schmalrehe. "Das sind die, die dann meistens auf der Suche nach einem neuen Revier, nach einem eigenen Revier, Opfer des Verkehrs werden."

Dem stimmt auch der Präsident des Jagdverbands Thüringen, Steffen Liebig, zu. Er sagt zudem, Rehe seien im Mai aktiver, da sie sich von der Winterernährung auf die Sommerernährung umstellten und das frische Grün suchen würden. Dass sie bei der Nahrungssuche aber vor Autos landen, liegt Liebig zufolge auch an der Zeitumstellung Ende März: "Genau in die Aktivitätszeit des Rehwilds fällt dann auch die Zeit, wo wir Menschen unterwegs sind, um auf die Arbeit zu fahren. Und auch am Abend."

Lockdown führt wohl nicht zu mehr Rehunfällen

Doch starben 2020 tatsächlich mehr Rehe auf den Straßen als sonst? Eher nicht. Die Polizei Sachsen teilte auf Anfrage von MDR AKTUELL mit, zwischen dem 1. April und dem 18. Mai habe es mit 1.518 Wildunfällen knapp 600 weniger als ein Jahr zuvor gegeben. Allerdings wurden hier nicht die Tierarten erfasst.

Auch unabhängig von den Zahlen scheint es den Jägern und Forstamtsmitarbeitern unwahrscheinlich, dass die Tiere durch den Lockdown der vergangenen Wochen ihre Scheu verloren hätten. Und Christiane Wolfram vom Forstbezirk Leipzig bei Sachsenforst gibt zu bedenken: "Was will ein Reh auf der Straße? Da gibt es nichts Leckeres zu fressen. Die wollen eigentlich Kräuter vom Feinsten, die findet man nicht an der Autobahn-Trasse."

Außerdem bedeute der Lockdown zwar eine Entschleunigung für die menschliche Gesellschaft, sagt Wolfram. Auf die Natur hätte diese Maßnahme aber eventuell eine gegenteilige Wirkung gehabt:

Also für die Tiere war es nicht ruhiger. Denn die Leute sind ja vermehrt in den Wald gegangen und haben sich da erholt.

Christiane Wolfram Staatsbetrieb Sachsenforst Forstbezirk Leipzig


Ob 2020 tatsächlich bundesweit mehr Wildunfälle mit Rehen passiert sind, das zeigen erst die Statistiken, die in den nächsten Monaten entstehen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 22. Mai 2020 | 05:00 Uhr