Reisen Geschäft ohne die Deutsche Bahn: Nachtzüge boomen

Gerade in Corona-Zeiten ist das Reisen komplizierter geworden. Dort, wo Flüge ausfallen, nehmen Reisende gern Nachtzüge als Alternative an – wie etwa den neuen Alpen-Sylt-Nachtexpress des privaten Bahnbetreibers RDC. In den Einzelabteilen sind selbst Hygienevorschriften unproblematisch einzuhalten.

Fahrgäste des Alpen-Sylt-Nachtexpress laufen über den Bahnsteig.
Gut gestartetes Angebot: Der Alpen-Sylt-Nachtexpress. Bildrechte: dpa

Ausgerechnet mitten in die Corona-Krise fiel die Premiere des neuen Alpen-Sylt-Nachtexpress am 4. Juli. Der deutsche Privatbetreiber RDC hatte sich das wahrscheinlich etwas anders vorgestellt. Doch am Ende sei der Start alles andere als holprig verlaufen, sagt Sprecherin Meike Quentin: "Wir sind wirklich positiv überrascht, wie intensiv es auch gebucht wird." Quentin zufolge ist es ein Vorteil für die Reisenden, dass das Abteilkonzept dazu führt, dass Reisende in ihrem Abteil keine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen brauchten. Das sei anders als im Fernverkehr der Deutschen Bahn.

Angepasstes Buchungskonzept

Eine Frau wartet sitzt in einem Abteil des Alpen-Sylt-Nachtexpress.
Während die Betreiber ÖBB und RDC das Nachtzuggeschäft vorantreiben, hält sich die DB zurück. Blick in ein Abteil des Alpen-Sylt-Express. Bildrechte: dpa

Wegen der Hygiene-Auflagen musste der private Bahnbetreiber RDC Deutschland das Buchungskonzept für seine neue Nachtzuglinie anpassen. Die Lösung ist, dass nur noch komplette Schlafabteile gebucht werden können. Egal ob alleinreisend, mit der Familie oder mit fünf Freunden. So teilt man sich den kleinen Raum nicht mit Unbekannten und kann die Maske fallen lassen. In den Gängen muss sie natürlich wieder aufgesetzt werden.

Bis vor kurzem ist RDC Deutschland noch für Flixtrain Züge gefahren. Diese Zusammenarbeit wurde in der Corona-Zeit beendet und hat nun Platz für die neue Nachtzuglinie gemacht, sagt Sprecherin Quentin. Nachtzüge seien bei Reisenden wieder gefragt: "Diese Möglichkeit, eben nicht nur hektisch ganz schnell von A nach B zu kommen, sondern ein Reiseerlebnis zu haben und entspannt am Urlaubsort anzukommen, sich eine Übernachtung und Hunderte Kilometer über Straßen und Stau zu sparen, das ist einfach ein sehr, sehr attraktives Angebot."

ÖBB und RDC dominieren das Nachtzuggeschäft

Dagegen hatte sich die Deutsche Bahn 2016 aus dem Nachtzuggeschäft verabschiedet, weil es sich finanziell nicht rentierte. RDCs schärfster Konkurrent sind die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB). Mit 19 eigenen Linien sowie acht Partnerlinien sind sie derzeit der größte Anbieter von Nachtzugverbindungen in Europa. Das Geschäft lohne sich, sagt ÖBB-Sprecher Bernhard Rieder: "Wir haben einfach gemerkt, es gibt einen Trend zum umweltfreundlichen Reisen. Und wir haben im letzten Jahr 1,5 Millionen Fahrgäste in unseren Nachtzügen transportiert. Und ein Großteil unserer Fahrgäste kommt natürlich aus Deutschland."

Trotz Corona entwickeln sich die Fahrgastzahlen nach der sechswöchigen Zwangspause wieder positiv, bilanziert der ÖBB-Sprecher. Dass die Nachtzüge immer beliebter werden, beobachtet auch Karl-Peter Naumann, Ehrenvorsitzender des Fahrgastverbandes Pro Bahn. Interessant sei dabei, dass Nachtzugverkehr nicht nur eine Preisfrage, sondern eine Komfortfrage sei, sagt Naumann. Es gebe Menschen, die seien bereit für eine Fahrt im Schlafwagen im Single-Abteil 200 Euro auf den Tisch zu legen. Der Vorteil, den sie dadurch hätten, sei ihnen das wert.

Pro Bahn: Europäische Nachtzüge wünschenswert

Höchste Zeit also für die Deutsche Bahn, umzudenken und wieder in das Nachtzuggeschäft einzusteigen? Auf Anfrage von MDR Aktuell teilt die DB schriftlich mit, dass man an dem jetzigen Modell festhalten will und nur Verbindungen mit Sitzwagen anbieten wird.

Eine vernünftige Entscheidung, findet Karl-Peter Naumann vom Fahrgastverband Pro Bahn: "Denn die Deutsche Bahn hat eigentlich bewiesen, dass sie es nicht kann. Das Nachtzuggeschäft war bei der Deutschen Bahn immer ein absolutes Nischenprodukt und sie konnte es irgendwie nicht wirtschaftlich darstellen."

Dagegen habe der Nachtzug bei den Österreichern immer schon einen höheren Stellenwert inne, sagt Naumann. Er würde sich wünschen, dass man perspektivisch eine europäische Nachtzuggesellschaft aufbaue. Denn nachhaltiges Reisen innerhalb Europas werde für die Politik und für die Bürger immer wichtiger.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 07. August 2020 | 05:00 Uhr

8 Kommentare

Erichs Rache vor 17 Wochen

Ich habe leider bis heute NICHT verstanden, warum die Deutsche Bahn das Nachtzuggeschäft an die ÖBB abgegeben hat.
Die Nachtzüge mit denen ich immer unterwegs war, waren immer proppevoll.

Harka2 vor 17 Wochen

Ich will ehrlich sein: Ich genieße die Flüge und die Auskunft der Deutschen Bahn will mir einfach keine Verbindung nach Lanzarote raussuchen.

Unabhängig davon bin ich für die Bahn und gegen deren Rückzug aus der Fläche.

Jan vor 17 Wochen

Schade, dass die Deutsche Bahn hier, wie leider schon so oft in der Vergangenheit (massive Streckenstilllegungen) den Anschluß verpasst.
Ich denke, dass sich mehr und mehr Menschen dem Flugzeug abwenden, weil es eben doch ökologischer ist, mit der Bahn zu fahren. Also suchen sie nach Alternativen, wie man trotzdem entferntere Ziele in Europa erreichen können. Und da sind solche Nachtzüge eine geniale Sache.
Liebe Bahn - Ärmel hochgekrempelt und bitte mehr Angebote für die Reisenden organisieren.