Ohne große Versuchsreihen Russland lässt ersten Coronavirus-Impfstoff zu

Russland hat als erstes Land der Welt einen Corona-Impfstoff für eine breite Anwendung zugelassen. Das Land missachtet dabei jedoch internationale Zulassungsstandards. Ob und wie der Impfstoff tatsächlich wirkt, ist fraglich.

Vladimir Putin während einer Videokonferenz
Wladimir Putin verkündete die Zulassung des Impfstoffs am Dienstag während einer Videokonferenz mit Kommunalpolitikern. Bildrechte: dpa

Der russische Präsident Wladimir Putin hat am Dienstag die weltweit erste staatliche Zulassung eines Impfstoffs gegen das Coronavirus bekanntgegeben. "Das russische Vakzin gegen das Coronavirus ist effektiv und bildet eine beständige Immunität" sagte er der Agentur Interfax zufolge. Die Registrierung sei am Dienstagmorgen erfolgt, hieß es. Eine seiner beiden Töchter habe sich schon impfen lassen, sagte Putin.

"Sputnik V" ist ein Vektor-Impfstoff

Laut dem russischen Investmentfonds, der das Projekt mitfinanziert, wird der Impfstoff "Sputnik V" nach dem sowjetischen Sputnik-Satelliten genannt, der im Oktober 1957 als erster Satellit weltweit in eine Umlaufbahn um die Erde gebracht wurde. Das V steht für Virus.

Laut Fondschef Kirill Dmitrijew handelt es sich dabei um einen sogenannten Vektor-Impfstoff. Das bedeutet, er stützt sich auf ein für den Menschen ungefährliches Virus, das dann so verändert wird, dass es eine Infektion mit dem Coronavirus verhindert. Als Vektorvirus genutzt wird im Fall von "Sputnik V" den Angaben zufolge das Adenovirus, mit dem auch die Universität von Oxford arbeitet.

Laut Fondschef Kirill Dmitrijew soll am Mittwoch die dritte und letzte klinische Testphase das Impfstoffs beginnen. Die industrielle Produktion soll im September starten. Dmitrijew zufolge gibt es bereits Vorbestellungen von 20 Ländern in einem Umfang von "mehr als einer Milliarde Dosen".

WHO-Richtlinien nicht eingehalten

Der Impfstoff wurde vom staatlichen Gamaleja-Institut für Epidemiologie und Mikrobiologie in Moskau gemeinsam mit dem Verteidigungsministerium entwickelt. Bisher haben ihn erst wenige Menschen im Rahmen einer Studie erhalten. Eine Zulassung vor dem Vorliegen der Ergebnisse großer klinischer Studien widerspricht dem international üblichen Vorgehen. So stellte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Vorfeld klar: "Jeder Impfstoff muss natürlich alle Versuchsreihen und Tests durchlaufen, bevor er genehmigt und ausgeliefert wird." Es gebe klare Richtlinien für die Entwicklung von Impfstoffen.

Eine reguläre Zulassung ohne die umfangreichen Daten aus einer Prüfung mit mindestens mehreren Tausend Probanden erscheine riskant, erklärte auch Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts. In der Etappe könnten unter anderem mögliche seltene Nebenwirkungen entdeckt werden. Die Zahl der Probanden betrage in der Regel mehrere Tausend bis Zehntausende. In Deutschland gibt es eine Zulassung erst nach Abschluss der letzten Phase.

Auch in Russland selbst gibt es Kritik an der schnellen Zulassung des Impfstoffs. Tagesschau.de zitiert den Mediziner Vitali Swerjew vom russischen Metschnikof-Institut mit den Worten, den Impfstoff zu entwickeln sei eine Sache. Man könne in so kurzer Zeit aber "unmöglich beweisen, dass er effektiv und ungefährlich ist". Man wisse auch nicht, wie lange die Immunität anhalte.

Impfstoff zuerst für Ärzte und Lehrer

Russlands Gesundheitsminister Michael Muraschko erklärte, das Gamaleja-Institut und die Firma Winnopharm sollten das Medikament produzieren. Zuerst sollen Lehrer und Ärzte geimpft werden. Nach Behördenangaben beginnt die Impfung noch im August oder im September. Ab Januar soll die Bevölkerung geimpft werden, berichten russische Agenturen unter Berufung auf das Arzneimittelregister des Gesundheitsministeriums.

Weltweit wird in mehr als 170 Projekten nach Corona-Impfstoffen gesucht. Mehrere Forscherteams haben vielversprechende Zwischenergebnisse veröffentlicht. Allerdings rechnen Experten generell mit einem marktfähigen Impfstoff zumeist erst im kommenden Jahr.

Keine unabhängigen Bewertungen

Das Gamaleja-Institut hatte bereits im Mai mitgeteilt, einen Impfstoff entwickelt zu haben. Nach eigener Darstellung liefen die ersten Tests erfolgreich. Das Präparat wurde demnach an 50 Soldaten erprobt, die sich freiwillig gemeldet hätten.

Russland hat bislang keine wissenschaftlichen Daten zu dem Impfstoff für eine unabhängige Bewertung veröffentlicht. Nach Angaben von Gesundheitsminister Muraschko wird derzeit gleichwohl bereits ein zweiter Impfstoff gegen Sars-CoV-2 klinisch getestet. Weitere Impfstoffe sollen folgen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 11. August 2020 | 12:00 Uhr

13 Kommentare

der Uwe vor 11 Wochen

Hallo Eulenspiegel! Ihr Zitat:""Hier geht es darum das ein neuer Impfstoff erst nach einer ganz bestimmten Serie von klinischen Test auf den Markt kommt"" Zitatende .
Von einer dritten Testphase in Russland wissen Sie nichts, Ich nichts und unsere werten Jurnalisten auch nichts. Aber mal überlegen: Glauben Sie im Ernst, dass Putin das Risiko eingeht, seine eigenen Leute " "" zu vergiften """ ?
..und wieso klammern Sie sich immer an die Hersteller die voraussichtlich erst im Jan/ Feb auf den Markt sind ? -Weil es gerade mal im Fernsehen kam?
Bereits Ende Juni ( hatte es selber damals schon gelesen) hat ein GB - Hersteller mit der Uni Oxford ( Astra Zeneca) verkündet, MIT DER DRITTEN TESTSTUFE zu beginnen, da haben unsere Medien noch fleißig Biontech,Curevac und Co " gefeiert...
Irgendwann wird es von anderen Ländern heißen: Noch 1000 Impfdosen, dann sind wir durch,- und Deutschland erwidert: Noch 1000 Formulare, dann fangen wir an...

Eulenspiegel vor 11 Wochen

Hallo Wahrsager
Ich denke sie verwechseln da was. Der Konflikt Amerika, Russland und Europa dazwischen hat doch hiermit nichts zu tun.
Und die Hände in den Schoß legt hier niemand.
Hier geht es darum das ein neuer Impfstoff erst nach einer ganz bestimmten Serie von klinischen Test auf den Markt kommt. Und bevor diese klinischen Test nicht abgeschlossen sind und die vielleicht Erforderlichen Veränderungen des Impfstoffes nicht durchgeführt wurden kann man Risiken, unter Umständen sogar Nebenwirkungen die schlimmer sind als die eigentliche Krankheit, nicht ausschließen.
Nicht mehr und nicht weniger.
Und bei dem Russischen Impfstoff wurde die letzte Serie der klinischen Test einfach noch nicht vorgenommen.
Nur zu ihrer Information Wissenschaft geschieht Heute international. Projektbezogen wissen die Wissenschaftler genau den einzelnen Land und geben sich auch gelegentlich Hilfestellung.

Norbert 56 NRW vor 11 Wochen

Mehr gibt es da gar nicht mehr zu sagen, ausser das mich diese Arroganz gegen Russland extrem nervt. Wenn Russland Impfstoff hat und einsetzt ist das ganz alleine Russlands Sache und nicht die der Klugscheisser aus Berlin oder Brüssel.