Hessen Elf Tote nach Schüssen in Hanau

Bei einem mutmaßlich rechtsradikalen und rassistischen Anschlag hat ein 43-jähriger Deutscher im hessischen Hanau zehn Menschen und sich selbst erschossen. Der Generalbundesanwalt zog den Fall noch in der Nacht zu Donnerstag an sich und ermittelt wegen Terrorverdachts. Unter den Toten sind fünf türkische Staatsbürger.

Ein Polizist geht neben einem mit Thermofolie abgedeckten Auto unter Absperrband her.
Die Polizei ermittelt zu den Hintergründen der Tat. Bildrechte: dpa

Nach einem offenbar rassistisch motivierten Gewaltverbrechen im hessischen Hanau sind elf Menschen tot. Der mutmaßliche Todesschütze sei ein 43-jähriger Deutscher aus Hanau, sagte Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) am Donnerstag im Landtag in Wiesbaden. Der Todesschütze habe am späten Mittwochabend in zwei Shisha-Bars und in einem Kiosk das Feuer eröffnet. Auch ein Auto sei beschossen worden. Der mutmaßliche Täter sei nach ersten Erkenntnissen Sportschütze gewesen, der die Waffen legal besessen habe.

Bei der Gewalttat seien zunächst neun Menschen getötet und mehrere Menschen verletzt worden. Eines der Opfer wurde schwer verletzt. Der Täter habe später vermutlich sich und seine 72-jährige Mutter erschossen, erklärte Beuth. Der Generalbundesanwalt in Karlsruhe habe noch in der Nacht die Ermittlungen an sich gezogen. "Er stuft das Verbrechen als Verdacht einer terroristischen Gewalttat ein", erklärte der Innenminister.

Stadtkarte von Hanau mit Ortsmarkern Heumarkt und Kurt-Schumacher-Platz
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Türkische Staatsbürger unter den Opfern

Nach Angaben der türkischen Botschaft in Berlin sind unter den Opfern fünf türkische Staatsbürger. Laut Medienberichten sollen unter den Toten auch viele weitere Menschen mit ausländischen Wurzeln sein. Das türkische Außenministerium in Ankara verurteilte den "niederträchtigen Anschlag". Er sei eine "neue und schwere Auswirkung von wachsendem Rassismus und Islamfeindlichkeit".

Forensiker arbeiten an einem Tatort in Hanau-Kesselstadt an einem Mercedes.
Forensiker ermitteln an einem der Tatorte. Bildrechte: dpa

Nach einer Telefonschalte der Innenminister von Bund und Ländern sagte der bayerische Ressortchef Joachim Herrmann (CSU): "Aktueller Ermittlungsstand ist, dass es sich um einen 43-jährigen Deutschen handelt, der gestern Abend eine Reihe überwiegend aus dem Ausland stammender Menschen erschossen hat. Insofern müssen wir auch aufgrund aufgefundener Materialien davon ausgehen, dass es sich um einen rechtsradikalen, ausländerfeindlichen Hintergrund handelt."

Nach Angaben der Behörden gibt es derzeit keinen Hinweis auf weitere Täter. Der Mann habe alleine gehandelt. Er sei zuvor nicht im Visier der Ermittler gewesen. Er sei weder als "fremdenfeindlich" bekannt gewesen noch polizeilich in Erscheinung getreten.

Krudes Video

Wenige Tage vor dem Verbrechen hatte der mutmaßliche Täter nach Informationen aus Sicherheitskreisen ein Video bei Youtube veröffentlicht. In diesem Video spricht der Mann in fließendem Englisch von einer "persönlichen Botschaft an alle Amerikaner". Der Clip, der am Donnerstagmorgen weiter im Internet zu sehen war, wurde offensichtlich in einer Privatwohnung aufgenommen. Darin sagt der Mann, in den USA existierten unterirdische Militäreinrichtungen, in denen Kinder misshandelt und getötet würden. Dort würde auch dem Teufel gehuldigt. Amerikanische Staatsbürger sollten aufwachen und gegen diese Zustände "jetzt kämpfen". Ein Hinweis auf eine bevorstehende eigene Gewalttat in Deutschland ist in dem Video nicht enthalten.

Der mutmaßliche Täter behauptet auch, Deutschland werde von einem Geheimdienst gesteuert. Außerdem äußert er sich negativ über Migranten aus arabischen und afrikanischen Ländern sowie der Türkei.

Der Bundespräsident, die Kanzlerin, Spitzenpolitiker aller Parteien sowie Vertreter aus der Gesellschaft reagierten mit Erschütterung, Anteilnahme und Wut auf die Tat. Kanzlerin Merkel sagte: "Rassismus ist ein Gift, der Hass ist ein Gift. Und dieses Gift existiert in unserer Gesellschaft, und es ist schuld an schon viel zu vielen Verbrechen." Die Kanzlerin sagte wegen des Verbrechens einen geplanten Besuch in Sachsen-Anhalt ab.

Mahnwache am Brandenburger Tor

Die SPD rief nach der Gewaltat zu einer Mahnwache vor dem Brandenburger Tor auf. "Wir müssen ein Zeichen setzen. Gegen den rechten Terror, gegen den rechten Hass, gegen Faschismus", schrieb Generalsekretär Lars Klingbeil am Donnerstag auf Twitter. Bei einer Solidaritätsbekundung am Donnerstagabend um 18 Uhr solle deutlich werden, "dass wir den Hetzern und rechten Terroristen nicht unser Land überlassen".

FDP-Chef Christian Lindner kündigte auf Twitter an, er werde an der Mahnwache teilnehmen. "Alle Demokraten müssen jetzt zusammen stehen, um ein Zeichen gegen Hass, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt zu setzen", betonte er.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 20. Februar 2020 | 00:30 Uhr