Forderung an die Politik Gesetzliche Unterstützung für gesunden Schlaf

MDR-INFO-Hauptstadt-Korrespondention Cecilia Reible.
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Schlaflosigkeit ist inzwischen fast so etwas wie eine Volkskrankheit. Umfragen verschiedener Krankenkassen zeigen: Mindestens zwei Drittel der Erwerbsbevölkerung leiden zumindest gelegentlich unter schlechtem Schlaf. Nun gibt es Forderungen, die Politik müsse das Problem stärker in den Fokus nehmen.

Schlafstörungen
Schlafstörungen sind chronische Erkrankungen, die zu gesundheitlichen Schäden führen. Bildrechte: colourbox.com

Gelegentliche Schlafstörungen kennt wohl jeder. Jeder zehnte Erwachsene in Deutschland benötigt allerdings eine dauerhafte Therapie gegen seine Schlafstörungen. Das sagt Professor Ingo Fietze, Leiter des Instituts für Schlafmedizin an der Berliner Charité.

Das ist eine chronische Erkrankung wie Bluthochdruck oder Diabetes.

Ingo Fietze Leiter des Instituts für Schlafmedizin an der Berliner Charité

Schlafstörungen gebe es schon immer, aber sie würden tatsächlich häufiger, weil die Auslöser wie Stress, Schichtarbeit, Drogen, Alkohol etc. häufiger würden.

Schlechter Schlaf ist schlecht für die Wirtschaft

Schlafmangel kann nicht nur gesundheitliche Folgeschäden nach sich ziehen, sondern wirkt sich auch auf die Wirtschaft aus. Schlafmediziner Ingo Fietze verweist auf eine britische Studie: Demnach gehen in Deutschland durch die Folgen von Schlafstörungen jährlich 200.000 Arbeitstage verloren. Die volkswirtschaftlichen Kosten belaufen sich der Studie zufolge auf insgesamt 60 Milliarden Euro.

Ingo Fietze erklärt, das seien nicht die Krankenhauskosten, sondern vornehmlich die Folgen, da man mit schlechtem Schlaf nicht arbeiten könne. Das seien Arbeitsausfalltage, Arbeitsunfälle, Verkehrsunfälle. Deshalb könne man sagen: Schlechter Schlaf tut der Wirtschaft nicht gut.

Forderung nach neuen Studien

Die britische Studie ist schon ein paar Jahre alt. Der Bundesregierung liegen keine aktuellen belastbaren Zahlen zu den gesundheitlichen und den gesamtgesellschaftlichen Kosten von Schlafstörungen vor.

Andrew Ullmann, Professor für Infektiologie und MdB (FDP)
Andrew Ullmann, Mitglied des Deutschen Bundestags für die FDP und Professor für Infektiologie. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Andrew Ullmann, FDP-Gesundheitspolitiker im Bundestag, fordert die Koalition zum Handeln auf: "Ich würde gern mehr Forschung in dem Bereich sehen, mehr Forschungsförderung, mehr Versorgungsforschung." Es sei nicht ausreichend, wenn die Bundesregierung nicht bereit sei, Forschungsgelder freizusetzen, um zu gucken, wie häufig Schlafstörungen existieren. Die letzte Studie liege schon über neun Jahre zurück.

CDU sieht keinen Handlungsbedarf

Widerspruch kommt vom stellvertretenden Vorsitzenden der Unionsfraktion im Bundestag, Georg Nüsslein. Er sieht keinen Handlungsbedarf in Sachen Schlafstörungen. Georg Nüsslein verweist auf die Entwicklung der letzten Jahre, von Schlaflaboren bis hin zu vielfachen wissenschaftlichen Grundlagen, gebe es durchaus eine Menge, was man im Blick haben könne.

Ich kann nun nicht erkennen, was wir da politisch machen sollten.

Georg Nüsslein Vorsitzender der Unionsfraktion im Bundestag

Impulse aus der Politik

Professor Ingo Fietze
Leiter des Instituts für Schlafmedizin an der Berliner Charité. Bildrechte: Universitätsklinikum Charité

Charité-Professor Ingo Fietze hätte da ein paar Ideen. Der Forscher fordert neben den Schlaflaboren in den Kliniken auch ambulante Schlafpraxen und die Berücksichtigung des Themas schon im Medizinstudium. Die Politik könnte dafür einen Impuls geben: "Konkret muss die Politik es schaffen, dass wir den Schlaf ins Präventionsgesetz bekommen. Das ist die Legitimation der Krankenkassen, Geld auszugeben für den Schlaf."

Dann könne man viel mehr aufklären und in die Schulen gehen. Auch die Arbeitgeber hätten dann mehr Möglichkeiten, das Thema zu platzieren.

Tatsächlich haben Union und SPD im Koalitionsvertrag vereinbart, in dieser Legislaturperiode zumindest ein Eckpunktepapier zur Weiterentwicklung des Präventionsgesetzes vorzulegen. Vom Bundesgesundheitsministerium heißt es, die Bundesregierung erarbeite derzeit die Stellungnahme zum aktuellen Präventionsbericht.

Investitionen in Prävention

Voraussichtlich im Herbst würden Bericht und Stellungnahme dem Bundestag für weitere Beratungen zugeleitet. Anschließend werde das Eckpunktepapier erarbeitet. Es werde in diesem Rahmen geprüft, ob und wie das Thema "Gesunder Schlaf" im Rahmen eines etwaigen Gesetzgebungsvorhabens aufgegriffen werden sollte.

Der FDP-Politiker Ullmann hofft, dass bald Bewegung in die Sache kommt. Es lohne sich, in Prävention zu investieren, um Folgeschäden zu verhindern. Daher müsse die Bundesregierung das Thema gesunder Schlaf ins Präventionsgesetz aufnehmen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 01. September 2020 | 06:21 Uhr

2 Kommentare

Critica vor 12 Wochen

Länger als 36 Stunden kann es der Mensch nicht ohne Schlaf aushalten. Dann schläft man einfach ein, und das ist gesund. Was also soll diese komische Diskussion?

der Harzgeist vor 12 Wochen

Gut erkannt, mit den Schlafproblemen. Das eigentliche Problem ist, daß Normalschichter über die Schlafprobleme von Schichtarbeitern theoretisieren und gar nichts aus eigenem Erleben kennen. Dabei kann sich jeder mit einem Schichtrhythmus 6-14-22 Uhr noch glücklich schätzen. Es geht viel schlimmer... - im privaten Schienengüterverkehr. Schichtbeginn zwischen 0.00 und 4.00 Uhr, dann vielleicht mit Verspätung losfahren, 10 Stunden Arbeitszeit oft die Regel, wann bitteschön soll man gesunden Schlaf finden??? Rente bis 67? Es wird nur wenige Auserwählte mit so einer robusten Gesundheit geben. Wenn es gesundheitlich nicht mehr geht, hat der M... seine Schuldigkeit getan und kann gehen - Hartz 4, auch nach 25 Jahren im Betrieb. Liebe Wissenschaftler, macht‘s mal selber mit, für ein realistisches Ergebnis.