Kampf gegen Fettleibigkeit Umstrittener Trend und letzter Ausweg: Schlank dank OP

16 Millionen Menschen in Deutschland sind fettleibig. Ihre Zahl steigt. Und immer mehr sehen nur eine Lösung, um die Pfunde wieder loszuwerden: die Magen-Operation. Mit der OP ist es aber meist nicht getan.

von Anja Walczak und Sven Stephan

Thomas passt jetzt zwei Mal in seine alte Jeans. Er hat nach einer Magen-OP 105 kg abgenommen; zuvor wog er 226 kg. 30 min
Thomas passt jetzt zwei Mal in seine alte Jeans. Er hat nach einer Magen-OP 105 kg abgenommen; zuvor wog er 226 kg. Bildrechte: MDR/Anja Walczak

Jeder vierte Erwachsene in Deutschland ist stark oder sogar krankhaft übergewichtig – Tendenz steigend. In den vergangenen Jahren ist die Zahl um 22 Prozent gestiegen und liegt bei 16 Millionen. Die Diagnose Adipositas geht für die Betroffenen einher mit einem höheren Risiko, frühzeitig zu sterben. Fettleibigkeit begünstigt nach Angaben des Robert-Koch-Instituts chronische Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes-mellitus, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und einzelne Krebserkrankungen.

Herausforderung für das Gesundheitssystem

Viele Betroffene schaffen es trotz Diät oder Bewegung nicht, ihr starkes Übergewicht dauerhaft loszuwerden. Damit wird Adipositas zu einer wachsenden Herausforderung für das Gesundheitssystem, bestätigt Anja Hilbert, Professorin für Verhaltensmedizin am Forschungs- und Behandlungszentrum für Adipositas-Erkrankungen an der Universität Leipzig:

Es ist wichtig, selbst Verantwortung für seine Gesundheit zu übernehmen, aber ab einem bestimmten Grad der Erkrankung können viele Betroffene das nicht mehr.

Anja Hilbert, Professorin für Verhaltensmedizin für Adipositas-Erkrankungen

Dann besteht der Ausweg oft nur in einer Magen-Operation. Durch den Eingriff wird das Magenvolumen stark reduziert. Die Betroffenen essen weniger, in der Folge purzeln die Pfunde.

Thomas aus Halle hat diesen Weg gewählt. Bei 226 Kilogramm zog er die Notbremse. Zweieinhalb Jahre ist seine OP her. Seitdem hat er 105 Kilogramm verloren. Heute zeigt er mit Stolz seine Hose von damals. In die würde der 44-Jährige jetzt zweimal reinpassen. Er sagt: "Ich kann jetzt viel laufen, ohne Schmerzen zu haben, ich kann Treppen steigen, ohne Schmerzen zu haben, also meine Bewegung ist quasi komplett wieder hergestellt."

Mann hält eine übergroße Hose in den Händen
Nach der Magen-OP passt Thomas zwei Mal in seine alte Jeans. Er hat 105 Kilogramm abgenommen. Zuvor wog er 226 kg und nun 121 kg. Bildrechte: MDR/Anja Walczak

Doch das ist und bleibt ein harter Kampf. Denn ein Wunschgewicht oder gar die Wunschfigur erreichen die Patienten nicht in jedem Fall. Hinzu kommt, dass die meisten von ihnen viele bürokratische Hürden nehmen müssen, bevor sie die Operation von der Krankenkasse überhaupt bewilligt bekommen.

Trotzdem steigt mit der Zahl der Adipositas-Fälle auch die Zahl der OPs. Deutschlandweit spezialisieren sich Kliniken auf diese Eingriffe. Unter anderem hat das Diakoniekrankenhaus in Halle viel Geld investiert, um solche Operationen durchführen zu können.

Während es bei der technischen Ausstattung keine Probleme gebe, beklagen sowohl Betroffene als auch Ärzte und Forscher, dass die therapeutische Versorgung von Adipositas-Patienten in Deutschland nicht ausreiche. Thomas erlebt tagtäglich, dass die Psyche auf Dauer die Hauptrolle spielt: "Der Kopf ist dein größter Feind, und er wird es immer bleiben. Ob du hundert Kilo abgenommen hast, oder ob du 50 Kilo abgenommen hast, es ist halt so."

Psychologische Nachsorge problematisch

Adipositas-Forscherin Anja Hilbert kritisiert die fehlende psychologische Nachbetreuung: "Niedergelassene psychologische Psychotherapeuten haben meist sehr wenig oder gar keine Erfahrung mit der postoperativen Nachsorge von Patienten mit Adipositas. Darin besteht in Deutschland wirklich ein großer Nachholbedarf."

Kritik kommt aber auch von anderer Seite. Dass es immer mehr Magen-Operationen gebe, sei auch Folge einer gesellschaftlichen Stigmatisierung dicker Menschen, so die Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung. Ärzte und Kliniken nutzten diese Entwicklung, weil sich mit den Eingriffen gut Geld verdienen ließe. Es sei endlich an der Zeit, Menschen mit Übergewicht zu akzeptieren, anstatt sie in eine Norm pressen zu wollen.

Ist die Gewichtsreduktion nur eine Willensfrage? Oder sind Operationen die Lösung? Wie gelingt es, mit dem Thema Übergewicht angemessen umzugehen? Diesen Fragen geht "Exakt - Die Story" nach - hier zu sehen:

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt - Die Story (Wiederholung vom 10.10.2018) | 24. April 2019 | 20:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. April 2019, 13:26 Uhr

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3 Kommentare

25.04.2019 11:08 Dr. med. Fevzi Cebe 3

Eine weltweite Epidemie (Übergewicht und Adipositas) betrifft international und interkontinental über 2 Mrd. Menschen !
Der Magen und die Verdauung kann durch die Chirurgie „verstümmelt“ werden. Aber die Psyche bleibt in vielen Fällen auf der Strecke. Aus Angst lassen sich die meisten nicht operativ behandeln. Viele sind für die OP nicht dick genug. Manche sind schon zu krank, um operiert zu werden. Und mein Vorschlag, meine Erfindung zur Vermeidung von (Über)-Sättigung: [Link wegen Verstoß gegen die Kommentarrichtlinien von der Redaktion entfernt]

23.04.2019 17:08 Bärbel 2

@ 1 weil wir warscheinlich gesünder gelebt haben und nicht alles hatten und mußten stets Arbeiten gehen trotz Kinder und Familie.

23.04.2019 16:20 A 1

Operierte können nach ein paar Jahren wieder kräftig zulegen. Ich bin für verstärkte Prävention, damit es erst gar nicht zu einem derartig hohen Übergewicht kommt. Warum gab es in der DDR nicht so viele schwer Übergewichtige ?
Brauchen wir jetzt noch mehr Operateure?