Schweine
Ein Teil der ehemals beanstandeten Kastenställe ist heute noch im Einsatz. Doch dort stünden die Tiere heute "auf Lücke", wie Geschäftsführer Jörn Göbert betont. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nach dem Tierschutzskandal Wie sieht es heute in der ehemaligen Straathof-Anlage in Gladau aus?

Nach dem Tierschutzskandal um den früheren Betreiber sollte in der Schweinezuchtanlage in Gladau vieles verändert werden. Wie geht es den Tieren heute? Was halten die Anwohner von den Erweiterungsplänen? "Exakt" war vor Ort.

Schweine
Ein Teil der ehemals beanstandeten Kastenställe ist heute noch im Einsatz. Doch dort stünden die Tiere heute "auf Lücke", wie Geschäftsführer Jörn Göbert betont. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Immer wieder hat MDR-exakt über Tierschutzverstöße in den Ställen des Straathof-Imperiums berichtet: Kranke und sterbende Ferkel blieben sich selbst überlassen, Schweine wurden auf engstem Raum zusammengepfercht und es herrschten augenscheinlich katastrophale hygienische Bedingungen. Aktivisten der Tierschutzorganisation "Animal Rights Watch" (ARIWA e.V.)  hatten die Zustände durch heimlich gemachte Aufzeichnungen dokumentiert.

2015 wurde gegen den Niederländer Adrianus Straathof ein bundesweites Tierhaltungsverbot ausgesprochen. Ein einmaliger Vorgang in Deutschland bei einem Betrieb dieser Größe. Einmalig ist auch die Verurteilung Straathofs wegen Tierquälerei. Das Amtsgericht Burg verhängte gegen den Schweinezüchter im Juli 2019 eine Strafe von acht Monaten Haft auf Bewährung.

Was hat sich seit dem Skandal geändert?

Jörn Göbert
Jörn Göbert, Geschäftsführer der LFD-Holding, Bildrechte: MDR/Exakt

Die Straathof-Betriebe firmieren seit dem Sommer 2015 unter dem Namen LFD-Holding. 75 Prozent des alten Führungspersonals des Straathof-Konzerns sei ausgetauscht worden, erklärt uns Jörn Göbert, der heutige Geschäftsführer des Unternehmens. Nach mehreren Anfragen erklärte er sich bereit, MDR-exakt in der Schweinezuchtanlage in Gladau filmen zu lassen. Noch vor vier Jahren wurden auch dort Schweine in viel zu engen Kastenständen fixiert. Das Magdeburger Oberverwaltungsgericht urteilte, dass sich die Tiere in Kastenständen "berührungsfrei" ausstrecken können müssen.

Jörn Göbert führt uns durch die Anlage und zeigt, wie die Tiere heute in der Schweinezuchtanlage in Gladau gehalten werden. Die Kastenstände von einst gibt es noch. Doch sie wurden umgebaut. Stangen sind aus den Gestellen herausgeschnitten worden. Es sei auf Großgruppen umgestellt worden, erklärt Göbert. Durch vorhandene Segmentierungen könnten sich die Tiere aber auch zurückziehen.

Schweine
Der Großteil der Kastenstände wurde zu Großraumanlagen umgebaut. Bildrechte: MDR/Exakt

In einigen der alten Kastenstände stünden die Tiere "auf Lücke", um der Tierschutz-Nutztier-Haltungsverordnung gerecht zu werden, sagt Göbert. Kastenstände bräuchten die Schweinezüchter weiterhin für das unfallfreie Arbeiten während der künstlichen Besamung. Aber die Schweine stünden jetzt weniger als zwei und nicht mehr zehn Wochen pro Jahr dort, erklärt der Geschäftsführer der LFD-Holding weiter.

Tierschützer sehen Verbesserung - üben aber weiter Kritik

Sandra Franz
Sandra Franz von der Tierschutzorganisation von ARIWA e.V. sieht noch Handlungsbedarf. Bildrechte: MDR/Exakt

MDR-exakt zeigt die aktuellen Aufnahmen aus der Schweinezuchtanlage in Gladau Sandra Franz, der Sprecherin von ARIWA e.V.. Die Organisation lehnt industrielle Zucht generell ab, weil Tiere so in keinem Fall artgerecht gehalten werden könnten. Sandra Franz sagt, es sei jetzt weniger dreckig. Man sehe die bestmögliche regelkonforme Schweinezucht, wie man sie in Deutschland finden könne. "Dadurch unterscheidet es sich von den Aufnahmen von früher", schätzt die Tierschützerin ein. Doch würde sie niemals sagen, dass es den Tieren dort gut gehe.

Immer noch dicke Luft wegen der Gülle

Anwohner in der Nähe einstiger Straathof-Anlagen beschwerten sich auch immer wieder über heftigen Güllegestank. Ein unangenehmer Duft zieht auch heute noch weit über die Grenzen der Schweinezuchtanlage in Glaudau hinweg. Der Grund: Die Ammoniakdämpfe werden abgesaugt und ungefiltert in die Umgebung geblasen. Denn keines der 42.000 Tiere in Gladau könne derzeit unter einer Filteranlage stehen, räumt Geschäftsführer Jörn Göbert gegenüber MDR-exakt ein. In Teilen der riesigen Stallanlagen gebe es zwar Filter, doch diese Ställe seien unbewirtschaftet, weil dafür die Erlaubnis fehle. Lediglich der Anteil ohne Abluftreinigungsanlagen sei aktuell "genehmigungsrechtlich benutzbar".

Klaus Voth
Der Gladauer Bürgermeister Klaus Voth spricht sich gegen eine Erweiterung aus. Bildrechte: MDR/Exakt

Nach Angaben von Jörn Göbert wurde für die leerstehenden Ställe von der LFD-Holding jüngst eine neue Betriebsgenehmigung beantragt. Dort sollen zukünftig weitere 2.500 Muttertiere nebst Ferkeln gehalten werden. Den zusätzlichen Gewinn wolle das Unternehmen in Filteranlagen investieren. Von einer Erweiterung halten der Ortschaftsrat und der Bürgermeister von Gladau jedoch gar nichts. "Weil es mehr Belastung für unsere Bevölkerung bringt", erklärt Bürgermeister Klaus Voth (CDU). Durch die jetzt schon oft fahrenden Gülle- und Futtermitteltransporte sei die Geruchsbelästigung sowieso schon sehr groß. "Das vermehrt sich mit der Anzahl der Tiere. Da vergrößern sich die Transporte und die Belästigungen für die Einwohner", prophezeit Voth.

Matthias Günther
Matthias Günther befürwortet eine Erweiterung der Anlage. Er ist der Bürgermeister von Genthin, dem Gladau angehört. Bildrechte: MDR/Exakt

Doch entschieden wird über mögliche Erweiterungen in Genthin, dem Gladau seit 2009 als Ortschaft angehört. Matthias Günther (parteilos), der Bürgermeister von Genthin, will die Schweinezucht am Standort erhalten und die Betriebserweiterung genehmigen. Das macht er gegenüber MDR-exakt klar. "Es ist von Vorteil, wenn wir diese Anlagen hier haben, um mit den Möglichkeiten der Reglementierung und der Sanktionierung Einfluss auf die Produzenten zu nehmen", sagt er. Denn wenn immer mehr Tierzüchter ihre Produktion ins Ausland verlagern würden, gäbe man Kontrollmöglichkeiten aus der Hand.

Traktor mit gülleanhänger
Mit einem Ausbau der Schweinezuchtanlage würden auch die Anzahl der Futter- und Güllemitteltransporte weiter ansteigen. Und damit die Geruchsbelästigung im Ort. Bildrechte: MDR/Exakt

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt | 06. November 2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. November 2019, 10:00 Uhr