Sandmännchen bei den Tieren.
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Abendgruß in Ost und West Unser Sandmännchen: Ein Fabelwesen wird 60

Am 22. November 1959, genau fünf Minuten vor 19 Uhr, erschien der Sandmann zum ersten Mal im DDR-Fernsehen. Damals wackelte er als ziemlich abgerissen und müde wirkender Zwerg durch künstlichen Schnee auf ein Puppenhäuschen zu. Seither hat er eine steile Karriere hingelegt und drei Generationen junger Zuschauer ins Bett begleitet. Die Wende hat er unbeschadet überstanden und sich inzwischen zum Markenartikel entwickelt. Aber fast hätte es ihn gar nicht gegeben.

von Matthias Toying

Sandmännchen bei den Tieren.
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"Das ist der erste Sandmann, der über den Bildschirm lief, mit dem ersten Abendgruß", sagt Winfried Kujas, während er vorsichtig eine etwa 25 Zentimeter große Puppe aus einem Karton hebt. Ihr Gesicht ist ganz anders, als wir es vom Sandmann heute kennen: Tränensäcke unter den müden Augen, buschige graue Brauen, hochrote Hautfarbe. Er wirkt eher wie ein Landstreicher oder sogar ein bösartiger Gnom, aber kaum wie ein Wesen, das Kinder wirklich lieben wollen:

Winfried Kujas, ehemaliger Herstellungsleiter bei den Sandmännchen-Produktionen
Werner Kujas mit der ersten Sandmännchen-Puppe Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Alle Puppen hatten damals rote Gesichter", erklärt der 79-Jährige, der sich im Filmpark Babelsberg ehrenamtlich um die vielen Sandmann-Requisiten kümmert: "Die Puppen hatten rote Gesichter, damit sie auf dem Film, in Schwarz-Weiß, frisch und lebendig aussahen." Puppen mit normaler Hautfarbe hätten dagegen eher grau und ungesund gewirkt. Zwischen fünf- und zehntausend Euro sei die erste Sandmann-Puppe wert, erklärt Winfried Kujas. Er muss es wissen, war er doch Chef der Finanzen, erst im Puppentrickstudio des Deutschen Fernsehfunks der DDR und nach der Wende bei der Sandmannstudio- und Trickfilm GmbH in Berlin.

Ein "Schnellschuss"

Wie der Sandmann erschaffen wurde, ist eine bislang wenig bekannte paradoxe Geschichte ­– denn sie beginnt im Westen. Anfang November 1959 hatte der Sender Freies Berlin bekannt gegeben, dass zukünftig im Abendprogramm ein Sandmännchen auftreten werde. Diese offizielle Pressemeldung wurde auch in der Intendanz des DFF in Ostberlin gelesen. Dort löste die Nachricht lebhafte Aktivitäten aus. Eine ganze Abteilung wurde angewiesen, innerhalb kürzester Zeit ein eigenes Sandmännchen zu gestalten und auf den Sender zu bringen. Man fürchtete, die Kinder in der DDR könnten sonst dazu verführt werden, das Abendprogramm "von drüben" einzuschalten.

Historiker Dr. Volker Petzold
Der Historiker Dr. Volker Petzold vom Deutschen Institut für Animationsfilm in Dresden hat sich intensiv mit der Geschichte des Sandmännchens beschäftigt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Chef des Puppentrickstudios im Ostteil Berlins war Gerhard Behrendt. Er gestaltete den Kopf seines Sandmanns, der trotz der erwähnten, etwas gruselig wirkenden Details von Anfang an die typische halbmondförmige Form bekam. Den Körper baute Diethild Dräger. Sie verwendete dazu ein Metallskelett, das dem Sandmann im Innern Stabilität gab: "Da sind alle Gelenke vorhanden, die auch ein Mensch besitzt. Zum Beispiel das Ellenbogengelenk, das Schultergelenk usw.", erläutert die Puppengestalterin. Die Hände hatten nur vier Finger. Das entstamme der tschechischen Puppenbau-Tradition, weiß Historiker Dr. Volker Petzold, Vorstandsmitglied des Deutschen Instituts für Animationsfilm in Dresden. Er hat mehrere Bücher über die Sandmännchen in Ost und West veröffentlicht: "Sogar jeder Finger hatte Gelenke, die beweglich waren. Gelenke sind wesentlich, denn alle Bewegungen der Figuren sollen im Film nachher natürlich wirken." Um das Skelett herum wurden Stücke aus Schaumgummi gelegt und angeklebt. Sie bildeten die Form des Körpers. Die Kleidung und seine typische Kopfbedeckung erhielt der Sandmann wiederum von Diethild Dräger: "Die Zipfelmütze, die stammt aus meiner Kinderzeit. Da hatte ich nämlich diese Zipfelmütze, das waren ja kalte Winter damals". So wurde in nur drei Wochen ein Sandmännchen im Osten quasi aus dem Boden gestampft: "Es war absolut ein Schnellschuss. Ohne den West-Sandmann hätte es auch den Sandmann im Osten nicht gegeben, jedenfalls nicht zu dieser Zeit", fasst Historiker Petzold zusammen.

Wettlauf zum Sendestart

Puppe des West-Sandmännchens
So sah das West-Sandmännchen aus. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Während im Osten fieberhaft gearbeitet wurde, schlummerte der Sandmann im Westen längst fertig in einer Schublade. Auch er ein garstiger Geselle mit hervorquellenden glasigen Augen, schrumpeliger Haut, Ziegenbart und Zipfelmütze. Ein Wesen, das direkt aus einer Moorlandschaft zu kommen schien. In einem Kühlraum im Keller einer alten Fabrik, der als Archiv genutzt wird, bekommen wir ihn erstmals zu Gesicht: "Ich habe ihn geschenkt bekommen, nachdem er nicht mehr gebraucht wurde", erzählt Historiker Petzold. Dieser Sandmann habe zwei "Mütter" gehabt, die Puppenspielerin Johanna Schüppel und die Redakteurin Ilse Obrig.

Ab Ende November werde er diesen und andere Sandmann-Puppen der Öffentlichkeit zugänglich machen. "Sandmann und Sachsen" heißt seine Ausstellung, die ab 29. November 2019, in den Technischen Sammlungen Dresden zu sehen sein wird. Den Titel der Ausstellung erklärt er so: "Die meisten Puppenbauer, die Sandmänner hergestellt haben, stammen aus Sachsen. Einige haben später im Westen gearbeitet und Sandmänner gebaut." Insgesamt neun verschiedene Sandmänner habe es im Verlauf mehrerer Jahrzehnte im Westfernsehen gegeben. Keiner von ihnen wurde so berühmt, wie "unser Sandmännchen" im Osten. Wer am Abend des 22. Novembers 1959 schon ein Fernsehgerät besaß, konnte das Sandmännchen Ost erstmals über den Bildschirm flimmern sehen. Damit hatte die DDR den Wettlauf um den Sendestart gewonnen. Neun Tage später, am 1. Dezember 1959, erschien dann das Sandmännchen West zum ersten Mal.

Einer von uns

Man muss sich das Entsetzen der Zuschauer damals vorstellen. Auf die Liedzeile: "…dann kann auch ich zur Ruhe geh’n…" sackt der Sandmann selber müde zusammen, noch dazu direkt vor dem Haus, bei Eis und Schnee. Ein Obdachloser in der Kälte als Vorbild für Kinder? Seine Rolle und seine Gestalt müssen nachgebessert werden. Gerhard Behrend verändert das Gesicht, der Sandmann bekommt kindlichere Züge, runde Knopfaugen und Stupsnase. Er wird der, den wir alle kennen. Und er besucht die Kinder in ihrer Lebenswirklichkeit: Im Kindergarten, in der U-Bahn, am Arbeitsplatz der Eltern. Höchst aufwändig und mit viel Sinn für Details werden bekannte Gebäude und Landschaften in Miniaturformat nachgebaut. Das Hotel Panorama in Oberhof, der Fernsehturm, die Gartenausstellung "iga" in Leipzig, der Fujiama in Japan, um nur einige der unzähligen Kulissen zu nennen.

Das Sandmännchen. 9 min
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Es habe in der DDR zwar stets an allem gemangelt, meint Winfried Kujas, der ehemalige Herstellungsleiter: "Aber wir haben an und für sich unter Geldknappheit nicht so gelitten, denn wir haben acht Prozent des Fernsehetats gehabt." So entstand auch der opulente Fuhrpark des Schlafbringers. Liebevoll gestaltete Modelle realer Fahr- und Flugzeuge, teilweise nach technischen Zeichnungen, die weitsichtige Ingenieure für den Einsatz im realen Leben geplant hatten: "Hier haben wir zum Beispiel die Papierkorbleermaschine. Es gab ja zu DDR-Zeiten, diese typischen Papierbehälter, so aus Beton gegossen, wo diese Körbe dann drin waren." Ein Greifarm erfasst den Papierkorb und schüttet den Inhalt automatisch in den Bauch des Fahrzeugs. Diese Maschine blieb allerdings eine Idee. Nur im Puppentrickfilm wurde sie realisiert. Der Sandmann liebt den technischen Fortschritt, lautete die Botschaft zu DDR-Zeiten. Er war einer von uns, eine Art Held der Arbeiterklasse. Er konnte alles, wurde niemals müde, blieb stets freundlich. Darüber hinaus hielt er immer den Mund. Ob er auch deshalb als Vorbild galt?

Sandmann auf Reisen

1961 fliegt er zum ersten Mal ins Weltall. Immer wieder greifen die Szenenbildner dieses Motiv auf. Siebzehn Jahre später ist er dann ganz real im Kosmos: "Vor nicht allzu langer Zeit hat der Sandmann festgemacht mit einer Spezialrakete", spricht Sigmund Jähn, bei einer Direktübertragung von der Raumstation in die Kamera: "Er hat sich den Bedingungen im Weltraum hervorragend angepasst." Dann lässt er ihn im Raum schweben, gibt ihm einen kleinen Stoß, so dass er aus dem Bild schwebt. Schnitt. Der Sandmann steigt in seine Rakete und fliegt zurück zur Erde. Wirklichkeit und Fiktion verschmelzen hier miteinander. Es ist einer der Höhepunkte in 60 Jahren Sandmann-Geschichte.

Seine Reisen ins Weltall sind bis heute ein beliebtes Motiv, das Kinder begeistert. Deshalb wurde im Filmmuseum Potsdam ein begehbares Raumschiff gebaut. "Mit dem Sandmann auf Reisen" heißt eine Sonderausstellung dort, die bis Ende Dezember 2020 besucht werden kann. Ein Wiedersehen mit Original-Puppen, die für den Einsatz vor der Kamera meistens nicht mehr geeignet sind: "Die sind regelrecht gealtert. Die wurden ja auf das Metallgestell mit Schaumgummi aufgepolstert, also das Volumen wurde damit erzeugt", sagt einer der Ausstellungsmacher, der Szenenbildner Gerald Narr: "Der Schaumgummi bröselt aber einfach weg. Wenn man die Figur hinstellt, fallen aus den Hosenbeinen oder aus den Ärmeln die schwarzen Krümel raus."

Sandmännchen beim Karneval.
Das Sandmännchen entwickelte sich zum internationalen Star. Bildrechte: rbb

Viele Kostüme hingegen sind noch gut erhalten, wie beim legendären Polarvolk. Die Abenteuer im ewigen Eis fanden schon in den 1970er-Jahren in Skandinavien großen Anklang. Das finnische Fernsehen kaufte noch bis 2016 immer wieder Sandmann-Rahmengeschichten ein. Auch in Israel, in Mexiko und sogar in Taiwan war er schon zu sehen. Rund 40 Länder haben irgendwann Pakete mit Sandmann-Geschichten erworben. Der unerwartete Erfolg ist sicher auch unterstützt durch die vielen exotischen Motive, in denen der kindliche Gnom sich jahrelang bewegt hat. "Es mag ein bisschen absurd klingen, wenn man sagt: Das Sandmännchen der DDR hat Internationalität verbreitet. Es war aber so", kommentiert Dr. Volker Petzold die Karriere des Sandmanns.

Typisch deutsches Kulturgut

Sandmännchen fliegt mit einer Rakete.
Der Sandmann im Weltall ist ein beliebtes Motiv. Bildrechte: rbb

In der Leipziger Sandmann-Redaktion sind gerade Produkte eingetroffen, die "Sandmann" als Marke verbreiten sollen, sogenannte Merchandising- oder Fan-Artikel. Die deutsche Spielwarenindustrie finanziert durch den Kauf von Lizenzen die teuren Puppentrick-Produktionen heute mit. Eine Sandmann-Folge kostet immerhin so viel wie ein Kleinwagen. Im Ausland aber interessiert man sich inzwischen nicht mehr sonderlich für ihn: "Mittlerweile ist das in vielen anderen Ländern halt tatsächlich eingeschlafen oder nicht mehr üblich, Programm zu einer festgesetzten Uhrzeit in dieser Form zu schauen, wie wir Deutschen es tatsächlich zum Teil noch tun", analysiert Anke Lindemann, beim MDR zuständig für den Sandmann: "Für das Sandmännchen wird bei uns tatsächlich noch der Fernseher eingeschalten. Das sind Kriterien die dazu führen, dass er im Ausland halt einfach nicht mehr den Erfolg hat, den er in Deutschland fortlaufend hat. Also der Sandmann ist ein typisch deutsches Kulturgut geworden."

Anke Lindemann, beim MDR zuständig für den Sandmann
Anke Lindemann weiß, warum die Exportnachfrage beim Sandmann zurückgegangen ist. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nach der Wende hatte sich die vertraute Figur des Sandmanns deutlich gewandelt. Seine Rolle als Vorbild, als interessierter Tourist, als Alleskönner verblasste immer mehr. Er wurde selbst zum Kind. Statt an bekannten Orten, bewegte er sich in Phantasiewelten. Mitunter war er auch unberechenbar, etwa in einer Folge, die wieder einmal im Weltraum spielt: Sandmann und ein kleiner Junge, beide in Raumanzügen. Der Sandmann wirft seinen Schlafsand dem Jungen ins Gesicht und gibt ihm dann einen Schubs. Der schlaftrunkene Kleine fliegt ungebremst durch den luftleeren Raum. Solche Szenen würden heute nicht mehr produziert, zumal die Zuschauer inzwischen wesentlich jünger sind, meint Anke Lindemann: "Da heißt es dann, warum holt er den nicht wieder rein? Das ist eine ganz wichtige Sache beim Sandmann: Er darf in keiner Form Angst machen und darf kein Unbehagen wecken, weil es die Hauptaufgabe des Sandmanns ist, kleine Kinder wohlbehalten und liebevoll ins Bett zu bringen."

Inzwischen ist man zum Konzept zurückgekehrt, das sich in der DDR, über 30 Jahre hinweg bewährt hatte. Der Sandmann agiert wieder in der Wirklichkeit und ist auch wieder vernünftig geworden, eine Art großer Bruder, den man herzlich in die Arme schließen kann. Was in Zukunft aus ihm wird? Wer weiß? Vielleicht wird er eines Tages sprechen, vielleicht sogar in stolpernden Reimen, wie in einem Kinofilm aus dem Jahr 2010: "Ich kenne alle Kinder. Ich besuche Euch doch jeden Abend. An allen sieben Wochentagen, komm‘ ich Euch gute Nacht zu sagen."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 12. November 2019 | 10:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. November 2019, 06:05 Uhr