Reportage Zukunftsangst und Auftrittsverbot: Künstler in der Corona-Krise

MDR-Volontärin Sarah Bötscher
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Die Corona-Krise trifft Künstlerinnen und Künstler in Deutschland besonders hart. Viele Museen und Theater bleiben geschlossen, viele Freischaffende stehen damit vor dem Nichts.

Leere Sitzplätze und Plätze die mit Stoff abgedeckt sind im Zuschauerraum des Staatstheaters Cottbus.
Kulturschaffende hat die Corona-Krise besonders hart getroffen. Bildrechte: dpa

Wenn die Museen und Theater geschlossen bleiben, trifft das vor allem jene hart, die eigentlich ihr Geld damit verdienen, auf diesen Bühnen zu stehen. Viele freischaffende Künstler wissen nicht, wie es in Zukunft weitergehen soll. Bund und Länder unterstützen sie zwar mit finanziellen Nothilfen. Dennoch fühlen sich viele von der Politik hängengelassen.

Eva Meitner, Dirigentin

Eva Meitner ist eine von geschätzt 54.000 freischaffenden Musikerinnen und Musikern in Deutschland. Sie arbeitet als Dirigentin in Leipzig und Umgebung.

Dirigentin Eva Meitner sitzt an einem Harmonium und probt mit ihrer Kollegin Katharina Kammermusik.
Dirigentin Eva Meitner sitzt an einem Harmonium und probt mit ihrer Kollegin Katharina Kammermusik. Bildrechte: Sarah Bötscher/MDR

Die Corona-Krise bedeutet für die 37-Jährige: Keine Konzerte mehr spielen, ihr freies Orchester Leipzig muss pausieren. Finanziell hält sie sich mit Nothilfen vom Sächsischen Musikrat oder der Deutschen Orchesterstiftung über Wasser.

Damit habe sie Glück gehabt, betont sie. Doch gerade am Anfang sei die Situation hart gewesen – vor allem der Moment zu Beginn des Lockdowns, in dem sie habe realisieren müssen, dass es ihren Beruf, Dirigentin, nun eine ganze Weile nicht mehr geben werde, sagt Meitner.

Doch die Musikerin entscheidet sich dazu, weiter zu machen – und probt jetzt regelmäßig Kammermusik mit ihrer Kollegin Katharina. Die beiden bilden das Duo "TastoCorno". Damit hoffen sie, bald wieder live spielen zu können.

Im Lockdown hat Eva eine Idee entwickelt: "Coco-Videos". "Coco" steht kurz für "Corona Concerts", die sie auf einem Spielzeugklavier spielt, selbst filmt und auf der Videoplattform Youtube hochlädt. Spenden bekommt sie über Paypal – und freut sich über die Wertschätzung. Schönreden möchte die Musikerin die Situation jedoch nicht. Viele ihrer Kollegen hätten ihre Existenzgrundlage verloren. Dass die Vielfalt der Kulturlandschaft Stück für Stück sterbe mache sie traurig, sagt sie.

Wir sind die Ersten, die abgekoppelt wurden durch Corona. Und wir werden die Letzten sein, die wieder an den Start gehen.

Eva Meitner, Musikerin

Dennoch versucht sie, positiv durch die schwere Zeit zu gehen: "Man ist jetzt nur mit seinem ganz engen Umkreis zusammen, was ich aber auch als Geschenk sehe. Viel Schnickschnack gibt’s gerade nicht."

Marco Schiedt: Kabarettist

Marco Schiedt ist seit Anfang August Behindertenfahrer beim DRK – aber eigentlich Kabarettist. Durch Corona sind ihm seine Auftritte weggebrochen, bei einer Zeitarbeitsfirma hat er es erst als Gabelstaplerfahrer versucht. Jetzt fährt der 56-Jährige Menschen mit Behinderung am Morgen von ihrem Zuhause in die Behindertenwerkstätten – und am Nachmittag zurück.

Kabarettist Marco Schiedt hat seinen Beruf gewechselt und ist jetzt Behindertenfahrer beim DRK.
Kabarettist Marco Schiedt hat seinen Beruf gewechselt und ist jetzt Behindertenfahrer beim DRK. Bildrechte: Sarah Bötscher/MDR

Es sei wichtig, die Leute zum Lachen zu bringen, sagt Schiedt. Und Kabarett sei deshalb genauso wichtig wie andere Jobs. Schiedt, der früher in der Leipziger Pfeffermühle gespielt hat, stand 2019 auch für den Kinofilm "Zwischen uns die Mauer" vor der Kamera oder stand in Gera im Kabarett Fettnäppchen auf der Bühne. Als im März alle Vorstellungen ausfielen, unterstützte ihn vor allem seine Frau finanziell.

Dass Künstler auf finanzielle Unterstützung von der Familie angewiesen sind, sieht Helge-Björn Meyer von der "Servicestelle freie Szene Sachsen". Er berät freie Theaterschaffende. Ein Großteil seiner Klienten fürchte um die finanziellen Existenz, sagt er. Und etwa 25 Prozent würden lieber finanzielle Hilfe aus der Familie nutzen als Grundsicherung zu beantragen.

Für Marco Schiedt ist klar: Er will etwas machen, das ihm ein regelmäßiges Einkommen bringt. Doch auf der Bühne zu stehen fehlt dem Weißenfelser.

Kultur ist immer das Erste, worauf verzichtet wird und wo immer das meiste an Geldern gekürzt wird.

Marco Schiedt, Kabarettist

Der Kabarettist sagt, er fürchte um die Existenz von Kulturinstitutionen. Jammern wolle er jedoch nicht, sagt der 56-Jährige: "Wenn Hollywood anruft, bin ich wieder da. Aber im Moment ist eben das jetzt für mich wichtig."

Anna Till: Freie Tänzerin und Choreographin

Anna Till ist 37 Jahre alt und arbeitet als freie Tänzerin und Choreografin in Dresden. In der Villa Wigman, die nach der berühmten Tänzerin Mary Wigman benannt ist, teilt sie sich den Raum mit Kolleginnen.

Die Tänzerin Anna Till hat das Stipendium "Denkzeit" bekommen - und versucht, wenigstens zu proben.
Die Tänzerin Anna Till hat das Stipendium "Denkzeit" bekommen - und versucht, wenigstens zu proben. Bildrechte: Sarah Bötscher/MDR

Wie fast allen Künstlerinnen und Künstlern sind auch Anna Till die Auftritte durch Corona weggebrochen – auch ein Gastspiel in Georgien wurde abgesagt. Das Geld von der Soforthilfe will die Tänzerin nicht ausgeben, weil sie Angst hat, es zurückzahlen zu müssen. Jetzt hat sie unter anderem das Stipendium "Denkzeit" vom Freistaat Sachsen bekommen: 2.000 Euro für zwei Monate.

Dass die Anträge für solche Stipendien auch viel Bürokratie und Aufwand bedeuten, ist Anna bewusst. Deshalb sei es wichtig, als freischaffende Künstlerin immer informiert zu bleiben.

Ich denke, man muss schon pfiffig sein und immer irgendwie am Computer hängen und gucken: Gibt es eine Ausschreibung?

Anna Till, Tänzerin und Choreographin

Die 37-Jährige hat auch das Glück, eine halbe Stelle als Dozentin am Hochschulübergreifenden Zentrum für Tanz in Berlin zu haben. Dort wurde jetzt ein Online-Semester gestartet hat. Wie das beim Tanzen gehen soll, ist schwer vorstellbar. Sie erzählt von Zoom-Meeting mit ihren internationalen Studierenden, die nicht nur in verschiedenen Ländern, sondern auch abweichenden Zeitzonen leben und in teils kleinen Einzimmerwohnungen tanzen müssen.

Dass in der Corona-Zeit wieder über den Wert von Kultur diskutiert wird, findet die Tänzerin wichtig. Bis Zuschauer wieder normal ins Theater gehen können, dauert es noch mindestens ein bis zwei Jahre, glaubt Anna Till. Bei der Diskussion gehe es nicht nur um die Künstlerinnen und Künstler selbst, sondern darum, dass jeder im Alltag Kultur erleben könne: "Ich glaube, wenn ich aus dem Theater komme, dass das meinen Blick auf die Welt minimal verändert."

Hier können Sie die komplette Reportage hören:

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 21. September 2020 | 19:05 Uhr