Länger eigenständig wohnen Kontaktlose medizinische Betreuung

Seit August läuft bei der Halle-Neustädter Wohnungsgenossenschaft ein Forschungsprojekt mit Senioren, die mit smarter Technik ihre Gesundheitsdaten aufzeichnen. In Zeiten von Corona bekommt das Projekt noch mehr Relevanz.

Senioren zählen zur Risikogruppe im Zusammenhang mit dem Coronavirus. Auf Empfehlung vom Bund und nach den jeweiligen Bestimmungen der Länder sollen ältere Menschen Kontakte zu anderen Personen meiden, um sich vor einer Ansteckung zu schützen. Die Teilnehmer eines Pilotprojektes in Halle -Neustadt können für Routinekontrollen ihrer Gesundheitswerte auf smarte Technik in ihren Wohnungen setzen - und damit auf eine kontaktlose medizinische Betreuung bei der Erfassung der Daten.

Digitale Übermittlung von Gesundheitswerten

Auch Eva Bornschein nimmt an dem Projekt teil. Aufgrund einer Lungenerkrankung muss sie derzeit besonders auf sich achtgeben. Die digitale Übertragung von Gesundheitswerten hat für solche Patienten an Bedeutung gewonnen. Gemeinsam mit ihrer Nachbarin Irmgard Ploetz notiert sie täglich digital die Werte von Blutdruck, Temperatur und Puls in einem Tablet. "Da Frau Bornschein vom Sehfeld nicht so richtig gucken kann, hatte ich mich angeboten und da machen wir das beide. Jeden Tag, ganz kontinuierlich", erklärt Irmgard Ploetz.

Mieterinnen auf ihren Balkonen
Zwei Seniorinnen, die an dem Projekt teilnehmen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wie zukünftig Messdaten von Patienten zum Hausarzt digital, und damit völlig kontaktlos übermittelt werden können, wird mit Bewohnern wie Eva Bornschein in dem Pilotprojekt der Halle-Neustädter Wohnungsgenossenschaft  seit Sommer 2019 erforscht.

Bei kritischen Werten wird Alarm ausgelöst

Genossenschaftschef Andreas Luther erklärte im Sommer 2019 bei einer Informationsveranstaltung in einer Musterwohnung wie die smarte Technik funktionieren soll.

Andreas Luther
Genossenschaftschef Andreas Luther Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Wir haben hier mit Hilfe der Fraunhofer Gesellschaft Technik verbaut, die es ermöglicht, automatisiert Vitaldaten zu erfassen. Wenn jetzt hier Anomalien von Gesundheitszuständen erfasst werden, welche Alarmgrenzen, die natürlich individualisiert eingebaut werden, überschritten werden, werden Alarme ausgelöst".

Ampelsystem signalisiert zudem Wohlbefinden

 Inzwischen läuft das Projekt seit neun Monaten. 30 Freiwillige haben in der Zeit ihre Daten in Tablets eingegeben, die in der kardiologischen Praxis von Thomas Hartkopf in Salzmünde bei Halle ausgewertet werden.

Frau mit Tablet
Tablet mit Programm zur Erfassung der Gesundheitsdaten Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Senioren können auch signalisieren, wie sie sich fühlen. "Der Patient hat mit einem Ampelsystem die Möglichkeit zu sagen, geht es mir gut – geht es mir schlecht", erklärt der Kardiologe. So konnte z.B. durch Überprüfung der Vitaldaten und zügiges Handeln bei einem Patienten in der Vergangenheit ein Schlaganfall verhindert werden. Zukünftig sollen dann die Hausärzte der Bewohner von dem Kardiologen informiert werden.

Kontaktlose Datenübermittlung auch in Corona-Quarantäne?

Gesundheitsdaten wie Sauerstoffsättigung, Blutdruck oder Herzfrequenz durch smarte Technik zu erfassen, könnte auch die Betreuung von Menschen in Corona-Zeiten für medizinisches Personal sicherer machen. Viele Parameter, die ausschlaggebend seien für eine Verdachtsdiagnose, könnten so kontaktlos erfasst und überprüft werden, sagt Thomas Hartkopf.

Kardiologe Thomas Hartkopf
Kardiologe Thomas Hartkopf Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch eine Krankheits-Verlaufskontrolle sei möglich, so der Kardiologe. "Das Gute ist ja, der Patient muss im Quarantänefall nicht das Haus verlassen. Er kann alle Daten liefern – die kriegen wir, um seine Corona Erkrankung zu überwachen", beschreibt der Mediziner das für ihn mögliche Prozedere.

Smarte Lösungen könnten auch Situation auf dem Land entspannen

Inwieweit so ein Wohnprojekt auch Gesundheitskosten einspart und Patienten weiterhin gut versorgt werden, erforscht Professor Thomas Frese vom Universitätsklinikum  Halle. Ein großer Vorteil sei, dass die Werte nicht erst vorliegen, wenn ein Patient in der Praxis war oder ein Pflegedienst etwa die Messungen vornehmen konnte. "Über das Projekt können die Hausärzte näher am Patienten sein und das ist doch für manche Patienten ein Vorteil", bilanziert der Mediziner. Das könnte auch Patienten im ländlichen Raum zu Gute kommen. In Sachsen-Anhalt  etwa droht laut kassenärztlicher Vereinigung in 13 Regionen eine Unterversorgung mit Hausärzten.

Professor Thomas Frese exakt
Professor Thomas Frese Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Telemedizinische Lösungen könnten im hausärztlichen Bereich zehn bis 20 Prozent  der Konsultationen ersetzen, schätzt der Professor ein. "Es wird bedarfsgerechter kommuniziert", prognostiziert er. Bei unauffälligen Werten könne der Kommunikationsumfang reduziert werden. Das würde das Arbeitspensum der Ärzte verringern - und Patienten auch zu einem schnelleren Feedback über ihren Gesundheitsstatus verhelfen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt | 27. Mai 2020 | 20:15 Uhr