Fakes und Kettenbriefe Was machen Facebook und Co. gegen Corona-Falschinformationen?

Soziale Medien vermitteln während der Corona-Pandemie ein Gefühl von Normalität: Dank WhatsApp, Instagram und Co. bleiben viele mit Freunden und Familien in Kontakt. Jedoch werden über soziale Netzwerke auch Unmengen an Falschinformationen und Gerüchte verbreitet. Wie gehen die Dienste dagegen vor, und wie erfolgreich sind sie dabei?

Schon vor Corona waren viele Falschinformationen unterwegs, mit Corona aber sind die Zahlen noch einmal explodiert. WHO und UN warnen vor einer Infodemie, der Europäische Auslandsdienst beobachtet einen Anstieg an Missinformation, Desinformation, an Mythen und an blankem Unsinn.

Dazu gehört auch ein Kettenbrief, der über WhatsApp die Runde gemacht hat. Er enthält den vermeintlichen Fahrplan eines Kultusministeriums zum Schulstart, mit herzlicher Ansprache, klaren Daten für die verschiedenen  Klassenstufen und einem virtuellen Klaps auf die Schulter a la: Ihr schafft das schon … grins. Bei dieser Nachricht handelt es sich nicht nur um einen simplen  Kettenbrief, keine einzige Information darin stimmt. Auf MDR-Anfrage sprechen die Bildungsministerien in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen von einer Falschmeldung: Ein solch detaillierter Fahrplan für die Schulöffnung sei aktuell gar nicht möglich.

Die häufigsten Corona-Fake-News

Invertiertes Fotos mit Hand in einem Handschuh, die ein Laborfläschchen hält. Darauf Fake-News zum Thema "Corona kommt aus Labor". In der unteren Bildhälfte Richtigstellung der Fake-News.
Bildrechte: MDR/MEDIEN360G / panthermedia

Auch zahlreiche Kettenbriefe zum Schutz vor dem neuartigen Coronavirus stellten sich schnell als falsche Behauptungen heraus. Nachrichten angeblicher Mediziner aus China, Österreich oder auch Japan beschreiben etwa einen Selbsttest. Die Posts mit Fehlinformationen können also nicht nur für Unruhe sorgen wie der Schulstartpost, sondern sogar Menschenleben gefährden. 

Die Sozialen Netzwerke haben auf den Anstieg an Fehlinformationen reagiert: Allein Facebook und Instagram haben im März rund 40 Millionen Veröffentlichungen gelöscht, YouTube berichtet von hunderttausenden Videos, die bereits aus dem Netz genommen worden seien.

Sowohl der Facebook-Konzern als auch Google, zu dem YouTube gehört, fahren zweigleisig: Zum einen werden Posts mit irreführenden oder gefährlichen Inhalten zum Coronavirus entfernt, und zum anderen versuchen die Plattformen, an prominenter Stelle zuverlässige Informationen anzubieten.  

Eine Übersicht:

Facebook

Das soziale Netzwerk zeigt auf einer "Covid-19"-Übersichtsseite geprüfte Informationen aus glaubwürdigen Quellen an und prüft außerdem Posts. Dabei arbeitet das Unternehmen zum einen mit Gesundheitsbehörden und Experten zusammen. "Infolge dessen haben wir bereits Hunderttausende von Fehlinformationen im Zusammenhang mit Covid-19 entfernt, die gesundheitliche Schäden hätten verursachen können. Darunter fallen etwa gesundheitsgefährdende Behauptungen wie 'der Konsum von Bleichmitteln heilt das Virus', und Theorien wie die, dass eine physische Distanzierung die Ausbreitung der Krankheit nicht verhindern könne", teilt eine Sprecherin dem MDR mit.

"Bei Inhalten, die keine direkten Gefahren für das körperliche Wohlergehen darstellen, wie zum Beispiel Verschwörungstheorien über den Ursprung des Virus, arbeiten wir weiterhin mit unabhängigen, externen Faktenprüfern zusammen – mittlerweile sind das mehr als 60 Organisationen, die Inhalte in mehr als 50 Sprachen auf der ganzen Welt überprüfen", erklärt die Sprecherin weiter. Zweifelten diese Prüfer einen Beitrag an, markierten ihn als falsch, dann "verringern wir dessen Verbreitung und zeigen Warnhinweise sowie weiterführende Informationen an. Allein im März haben wir Warnungen zu rund 40 Millionen Beiträgen auf Facebook angezeigt, die auf etwa 4.000 Bewertungen unserer unabhängigen Faktenprüfer basieren". In etwa 95 Prozent der Fälle hätten die Nutzer dann auf den Inhalt verzichtet.  

Facebook arbeitet aber auch mit dem Recherche-Netzwerk Correctiv und mit der Nachrichtenagentur dpa zusammen. Die Journalisten überprüfen von vielen Nutzern geteilte und möglicherweise fragwürdige Inhalte auf Facebook. Nachgewiesene Falschbehauptungen werden gekennzeichnet und herabgestuft. Gleichzeitig kontrolliert ein Algorithmus, ob andere Beiträge mit den geprüften Inhalten übereinstimmen und kennzeichnet auch diese. Dieses Zusammenspiel aus "Mensch und Maschine" funktioniere vor allem bei schnell und weitverbreiteten Fake News gut, sagt Pascal Jürgens, Wissenschaftler und Social Media-Experte an der Universität Mainz. In einer aktuellen Studie kritisieren Netzaktivisten der international tätigen Bewegung AVAAZ allerdings: Facebook stelle falsche Behauptungen oft erst sehr spät richtig. Das habe eine Stichprobe von mehr als 100 Fehlinformationen zum Coronavirus ergeben. Im Extremfall dauerte es bis zu 22 Tage, bis Facebook eine Warnung anzeige.

"Das ist zu lang. Denn die große Verbreitung von Informationen in einem Land passiert innerhalb von ein bis zwei Tagen", sagt Experte Jürgens. Er würde sich zudem wünschen, dass Facebook seine Nutzer direkter als bisher auf Falschbehauptungen hinweist. Bisher funktioniert das vereinfacht gesagt so: Hat ein Nutzer einen Beitrag angesehen und der wird von den Faktencheckern Tage später als Falschbehauptung identifiziert, bekommt der Nutzer dann einen entsprechenden Hinweis in seinem Newsfeed angezeigt. "Dann erinnern sich die Nutzer eventuell gar nicht mehr", sagt Pascal Jürgens.

WhatsApp (gehört zu Facebook)

WhatsApp-Nachrichten werden komplett verschlüsselt und können vom Anbieter nicht auf mögliche Falschinformationen geprüft werden. Deshalb greift WhatsApp auf eine Art "Weiterleitungsbremse" zurück. "Damit die Kommunikation in diesen Diensten sicher und privat bleibt, werden wir die Möglichkeit, häufig weitergeleitete Nachrichten noch weiter zu verbreiten, eindämmen. Konkret heißt das, dass häufig weitergeleitete Nachrichten, die bereits mit einem Doppelpfeil-Symbol gekennzeichnet sind, ab sofort nur noch einzeln an einen Chat weitergeleitet werden können", sagt eine Sprecherin dem MDR. Die Bremse soll verhindern, dass Kettenbriefe sich über Chats und Gruppen rasant verteilen. Bereits einmal weitergeleitete Nachrichten können damit nicht mehr gleich an eine ganze Liste von Empfängern weitergeleitet werden.

Viel mehr könne WhatsApp nicht machen, sagt Pascal Jürgens von der Universität Mainz. Die App könnte maximal noch die Nachrichten überprüfen, wenn sie auf dem Smartphone angekommen seien. "Dann werden die mit einer Liste abgeglichen, die vielleicht zehntausende Fake News enthält. Wenn die empfangene Nachricht dabei ist, bekommt man einen Hinweis auf Fake News angezeigt. Aber: So machen das die Chinesen, so funktioniert Kontrolle in totalitären Staaten."

Twitter

Der Kurznachrichtendienst greift in der Corona-Krise zu einem recht harten Mittel: Nachweislich falsche Behauptungen etwa zum Schutz vor dem Virus werden gelöscht, so wie letztens ein Tweet von Venezuelas Präsident Nicolás Maduro. Aus Sicht von Social-Media-Experte Jürgens spielt Twitter in Deutschland beim Verbreiten von Falschnachrichten und Behauptungen schlicht keine Rolle. Die würden einfach von zu wenigen Nutzern gesehen. "Fünf bis sieben Prozent der Deutschen nutzen Twitter mindestens einmal im Monat. Die sehen dann auch nur einen kleinen Teil der Tweets von den Nutzern, die sie abonniert haben. Da sind maximal ein paar problematische Tweets dabei." Der Experte lobt Twitter zudem für die Transparenz im Umgang mit Fake News: Der Dienst veröffentlicht regelmäßig Datensätze zu den gelöschten Fake News.

YouTube (gehört zu Google)

Die Video-Plattform listet bei Suchen zum neuartigen Coronavirus seriöse Inhalte und amtliche Informationen ganz oben. "Wir haben bereits Tausende von Videos, die irreführende oder gefährliche Inhalte zum Coronavirus verbreitet haben, überprüft und entfernt", sagt ein Sprecher dem MDR. Videos etwa mit gesundheitsschädlichen Tipps werden gelöscht. "Gleichzeitig sind wir in der aktuellen Krise bestrebt, möglichst hilfreiche und zuverlässige Informationen anzubieten." Zudem hat das Portal Anfang März entschieden, dass YouTuber mit Inhalten zum Coronavirus kein Geld mehr verdienen können. Solche Videos fallen in die Rubrik "sensibles Ereignis" – damit kann keine Werbung geschaltet werden. Das Ganze wird auch als "Demonetarisierung" bezeichnet. Einige Videoanbieter, wie zum Beispiel Nachrichtenagenturen, dürfen inzwischen aber wieder Werbung in ihren Corona-Videos schalten.

Experte Jürgens lobt diesen Schritt: "Man hat in den USA beobachtet, dass Fake-News-Kanäle auf YouTube viel Geld mit ihren Inhalten gemacht haben." Dieser Anreiz zum Posten von Falschinformationen und Behauptungen falle durch die Entscheidung von YouTube weg. Allerdings gebe es immer wieder Nutzer, die diese Sperre umgehen könnten. Populäre YouTuber mieden dann das Wort Coronavirus in ihren Videos oder den Beschreibungen und verkürzten es etwa auf "Cori". Pascal Jürgens kritisiert zugleich, dass YouTube mit seinen Entscheidungen zum Löschen oder zum Verbot von Werbung nicht transparent umgeht. "Forscher können so nicht sehen, wie oft gelöschte Videos angesehen wurden und wie verbreitet die auf YouTube waren."

Instagram (gehört zu Facebook)

Wird auf der Bilderplattform nach "Coronavirus" gesucht, zeigt Instagram zunächst seriöse Quellen wie WHO oder Bundesgesundheitsministerium. Diesen Verweis auf glaubwürdige Quellen findet Pascal Jürgens richtig: "Das machen auch die Suchmaschinen schon lange: Wenn man etwa Informationen zu Suizid sucht, blenden die meist gleich eine Hilfe-Hotline ein".

Was kann man tun, wenn man unsicher ist, ob eine zugeschickte Nachricht oder ein geteilter Beitrag wirklich wahr sind?

"Besser zögern und nur Informationen aus seriösen Quellen weiterleiten", rät Social-Media-Experte Jürgens. Vor dem Weiterleiten oder Posten von Beiträgen von eventuell zweifelhaften Corona-Inhalten könnten sich Nutzer folgende Fragen stellen, ergänzt Felix Knothe vom Thüringer Bildungsministerium: "Welche Quelle liegt der Information zugrunde? Ist sie plausibel? Kann ich diese Information mit einfachen Mitteln bei offiziellen oder vertrauenswürdigen journalistischen Quellen selbst überprüfen?"

Ungeprüfte Informationen sollten besser nicht weiterverbreitet werden. Die Faktenfinder der ARD und vom Correctiv-Team recherchieren regelmäßig zu Behauptungen, die während der Corona-Pandemie aufgestellt und verbreitet werden und veröffentlichen ihre Ergebnisse online. Auch die Weltgesundheitsorganisation hat in sozialen Netzwerken zum Coronavirus verbreitete Behauptungen überprüft (Seite auf Englisch).

Seriöse Informationen zum neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 liefern etwa das Bundesgesundheitsministerium, das Robert Koch-Institut und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Der vom Bundesfamilienministerium unterstützte Elternratgeber "Schau hin!" hat zudem Links zu seriösen Quellen zusammengestellt, die Kinder und Jugendliche nutzen können.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 06. Mai 2020 | 20:15 Uhr